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Die indianischen Wurzeln Vancouvers

Die kanadische Provinz British Columbia ist seit Jahrtausenden die Heimat der First Nations. Lange unterdrückt, leben die indianischen Kulturen jetzt wieder auf. Drei Nachfahren berichten von ihren Ursprüngen und wie sie heute noch ihrer Ahnen gedenken.

Baumriesen ragen 50 Meter in den blauen Himmel hoch. Von ihren Ästen baumeln Flechtenbärte, grünes Moos bedeckt ihre zerfurchten Stämme. "Es sind sprechende Bäume“, sagt Erica Vader. "Jeder von ihnen erzählt eine Geschichte.“ Die studierte Kulturanthropologin wirkt auf den ersten Blick wie eine der vielen Studentinnen, die in Vancouvers Stanley Park ihre Freizeit verbringen: Pferdeschwanz, Jeans und Sportschuhe. Doch die 23-Jährige ist an diesem Vormittag als Vertreterin der Shishalh unterwegs, einem der über 200 First-Nations-Stämme in Kanadas Provinz British Columbia. Erica zeigt den Besuchern die indianische Seite des grössten Stadtparks Kanadas – für sie ist das eine Herzensangelegenheit: "Essbare Pflanzen und das Überleben in der Wildnis haben mich schon als kleines Mädchen interessiert“, sagt sie.

Fotos: Dan Toulget und Oliver Gerhard

Die Schätze der Natur nutzen

Die junge Shishalh ist im Küstenörtchen Sechelt nahe Vancouver mit dem traditionellen Wissen ihres Volkes aufgewachsen: Ihre Grossmutter zeigte ihr, welche Beeren und Kräuter am besten schmecken, ihre Tanten lehrten sie das Weben mit Zedernrinde. Bis zur Ankunft der Weissen Ende des 18. Jahrhunderts führten die Ureinwohner ein Leben im Überfluss: "Der Ozean lieferte uns Fisch und Meeresfrüchte, der Wald war Lebensmittelladen und Drogerie, Apotheke und Baumarkt zugleich“, sagt die selbstbewusste junge Frau. Auch der Stanley Park gehörte jahrtausendelang zum Jagd- und Sammelgebiet der Indianer. "Wir haben deshalb bis heute offiziell das Recht, hier zu ernten“, sagt Erica Vader, die sich heute mit Parkführungen ihren Lebensunterhalt in Vancouver verdient. Zu jedem Baum, jedem Strauch, jeder Blüte weiss sie etwas zu erzählen: Rindentee von der Küstentanne hilft gegen Grippe, das Holz der Douglasie wurde für Rauchzeichen verwendet, Schachtelhalme dienten als Zahnseide. Und wenn man die Nadeln der Hemlocktanne ins Wasser hängt, legen Heringe ihre Eier darauf ab. "Mmh, Fischeier mit getrockneten Beeren sind eine Delikatesse für uns“, sagt Erica seufzend beim Blick auf den gigantischen Nadelbaum.

Die Unterdrückung der Ureinwohner

Dann deutet sie auf einen besonders mächtigen Stamm: eine Western Red Cedar, einen Riesen-Lebensbaum. Die Indianer bauen daraus ihre traditionellen Totempfähle – acht davon stehen im Stanley Park – und Einbaumkanus für bis zu 40 Passagiere. Aus der Rinde fertigen sie Körbe und Hüte. Das Holzmehl vermischten sie früher mit Bärenfett und Fischöl zu einer Hautcreme. "Ganz schön mühsam, heute nehmen wir lieber Nivea“, sagt Erica und lacht. Sie erzählt von ihrem Stamm, der zeitweise fürchtete, dass seine traditionelle Sprache Sháshíshálh ausstirbt. Eine bedrohliche Situation für ein Volk, dessen Geschichte immer nur mündlich überliefert wurde, und Resultat staatlicher Unterdrückung: Die kanadische Regierung verbot lange Zeit indianische Zeremonien und steckte die Kinder in Residential Schools, in Internate fern ihrer Eltern, in denen sie ihrer Kultur entfremdet und teilweise auch misshandelt wurden. Holz- und Energieunternehmen beuteten indessen die Stammesgebiete aus.

Aufbruchsstimmung bei den Jungen

Doch seit einigen Jahren hat sich das Blatt gewendet: Gerichte urteilen in Landfragen inzwischen häufig zugunsten der Ureinwohner. Die letzte Residential School schloss 1996 ihre Pforten; eine Kommission hat die Menschenrechtsverletzungen dokumentiert. Und während die Elterngeneration, die sogenannte "Lost Generation“, sich ihrer Sprache und Kultur überwiegend entfremdet fühlt, herrscht unter jungen Indianern Aufbruchsstimmung. Sie suchen sich ihren Weg zwischen altem Groll und positivem Blick in die Zukunft. Wie Erica Vader greifen viele das Wissen der Stammesältesten auf und lernen wieder ihre Sprache. So hat ihr Stamm in langjähriger Arbeit mit Linguisten ein Wörterbuch erstellt, um die indigene Sprache zu retten. Inzwischen beginnen nicht nur die Kinder in der Vorschule mit Sprachunterricht, sondern auch deren Eltern – um sich mit ihrem Nachwuchs auf Sháshíshálh unterhalten zu können. Sogar einige Weisse haben begonnen, die Sprache ihrer Nachbarn in den Küstenorten zu lernen.

Auf der Suche nach der eigenen Identität

Alte Traditionen greift auch Inez Cook auf, aber in Form von Kochrezepten. Die quirlige Frau vom Stamm der Nuxálk hat gemeinsam mit einem Freund vor sieben Jahren das "Salmon n’ Bannock Bistro“ (www.salmonandbannock.net/) gegründet, das derzeit einzige indianische Restaurant Vancouvers. Dabei ist Inez eigentlich mit dem Bewusstsein aufgewachsen, eine Weisse zu sein: Die Behörden nahmen sie als Kind ihren Eltern weg und gaben sie zur Adoption frei – ein weiteres Instrument der Zwangsassimilierung.

"Ich wollte mich lange Zeit nicht mit meiner indianischen Identität auseinandersetzen“, sagt Inez, die eine Kurzhaarfrisur und modisches Outfit trägt. "Erst als Erwachsene habe ich das nachgeholt.“ Inzwischen hat sie von ihrem Stamm in einer feierlichen Zeremonie ihren indianischen Namen Snitsmana sowie die traditionelle Kleidung erhalten. Auch in die indigene Küche musste sie sich erst einarbeiten: "Als ich anfing, hatte ich noch keine Ahnung davon.“ Doch dann sammelte sie auf Reisen durchs ganze Land Rezepte von Ureinwohnern und probierte diese aus.

Traditionell wird wieder hip

An den Wänden ihres Lokals am West Broadway hängt indianische Kunst, alle Angestellten sind Ureinwohner, und auch die Zutaten bis hin zum Wein stammen aus indianischer Produktion. Mit dem "Salmon n’ Bannock“ hat Inez Cook einen Nerv getroffen: Auf TripAdvisor rangiert es regelmässig in den Top 5 der knapp 2900 Restaurants der Stadt. Auf der Speisekarte stehen Bison-Rippchen, Wurst vom Wapitihirsch und natürlich Bannock, das typisch indianische Brot. "Viele überlieferte Zutaten können wir gar nicht mehr anbieten“, sagt die Gastgeberin. So ist etwa Bärenfleisch nicht gesund für Menschen – und wer möchte schon das Nationaltier Biber verspeisen? Dafür gab es einmal Karibu, die nordamerikanische Variante des Rentiers: "Wir haben fünf Jahre gebraucht, um eine Portion zu ergattern. Sie war so klein, dass wir das Fleisch als Appetizer im Goldfischglas serviert haben. Nach fünf Minuten war alles ausverkauft.“ Doch die meisten Gäste kommen, um vom Wildlachs zu kosten, den es in allen Variationen gibt: gepökelt oder mariniert, über Salbeiblättern geräuchert oder kandiert als "Indian Candy“. Der Edelfisch hat in der Küstenlandschaft mit ihren Fjorden und Inseln seine Heimat. Für Feinschmecker ist der "Wild Salmon“ eine Delikatesse – für die First Nations dagegen gehörte er zur Grundnahrung. Aufgeregt warten die Ureinwohner auch heute noch jeden Sommer auf die Rückkehr der Lachse. Ab Mitte Juli suchen diese ihre Plätze zum Laichen; zuerst der Pink Salmon, später der Chinook, im Spätherbst folgt als Nachzügler der Chum.

Das tägliche Wort auf Twitter

Doch seit einigen Jahren nimmt die Zahl der Lachse kontinuierlich ab. Im vergangenen Herbst schwammen sogar Grizzly-Bären auf Nahrungssuche vom Festland nach Vancouver Island – ein Alarmsignal, denn auf Vancouver Island gibt es eigentlich keine Grizzlys. "Daran sind die Lachsfarmen schuld“, sagt Mike Willie. "Sie verfüttern Medikamente, die in die Nahrungskette gelangen.“

Der junge Kwakwaka’wakw-Indianer engagiert sich für die Stammespolitik, er kämpft gegen Lachsfarmen. Nicht nur mit Demonstrationen und Lobbyarbeit, sondern auch über die sozialen Medien: Mike schickt per Facebook und Twitter die neuesten Infos an seine Mitstreiter – und als Zugabe zum Lernen der Stammessprache auch ein “Wort des Tages“: “Gwabała” etwa ist der Nordwind, und “xwaxwtsa n” heisst Kanu fahren.

Die Natur mit allen Sinnen spüren

Es ist früher Morgen in Port McNeill auf Vancouver Island. Der Hafen liegt noch im Dämmerlicht, als Mike Willie – dick eingepackt in wasserdichter Hose und schweren Boots – das kanariengelbe Motorboot seines Tour-Unternehmens "Seawolf Adventures“ (https://seawolfadventures.ca/) anwirft. Mit dröhnendem Motor steuert er in die geschützte Inselwelt des Great Bear Rainforest. An Land erstreckt sich hier das Revier der Bären, Pumas und Wölfe, im Wasser tummeln sich Schwertwale und eben – Lachse. Bald fährt das Boot in das Labyrinth aus Kanälen und Inseln hinein. Manche dieser Inseln sind nur kahle Felsen mit dösenden Seelöwen darauf. Ihr kehliges Grunzen hört man schon von weitem. Auf anderen Inseln wächst dichter Regenwald – die Äste wirken entlang der Flutlinie wie mit dem Rasiermesser abgeschnitten. Das Boot zerteilt Seetang so dick wie Ankertaue.

"Ich erlebe diese Natur fast jeden Tag“, sagt Mike, der aus dem Dorf Kingcome inmitten der Fjordlandschaft kommt. "Meine Stammesgenossen sollten ebenfalls hier rauskommen und ihre Wurzeln spüren. Aber sie stecken im Reservat fest.“ Viele haben die Verbindung zu dieser Gegend verloren, sind lethargisch geworden. Er deutet auf eine Bucht mit weissem Strand: "Das ist die Heimat meiner Vorfahren. Der Entdecker George Vancouver zählte hier Ende des 18. Jahrhunderts mindestens 70 Kanus.“

Mike Willie erzählt von seinen Ahnen, die hier jagten und Handel trieben. Vom Schwertwal, den sie "Seawolf“ nennen, weil er seine Beute wie die Wölfe im Rudel fängt. Und von den Lachsfarmen auf ihrem Land, denen der Stamm kürzlich Räumungsbescheide zugestellt hat – nun müssen die Gerichte entscheiden. Manchmal stellt er den Motor ab, um zu lauschen: dem Blasen der Buckelwale, das über die unbewegte See hallt. Dem grollenden Donner eines Gewitters in der Ferne. Und dem Platschen von Lachsen: Immer wieder schnellt einer der langen, glänzenden Körper aus dem Wasser und plumpst dann zurück. Sie sind auf dem Heimweg in die Flüsse – die Fischer der First Nations warten schon.

Author’s Choice

Campbell River am gleichnamigen Fluss auf Vancouver Island nennt sich "Hauptstadt der Lachse“ – nicht nur, weil man hier eine Lachszucht-Station besuchen kann, sondern auch wegen der Option, mit Lachsen zu schnorcheln. Bei diesem dreistündigen Abenteuer kommt man den Fischen im wilden Fluss sehr nahe.

Mitte Juli bis Mitte Oktober. Destiny River Adventures, 1995 Island Highway, Campbell River, BC V9W 2G3

Telefon: +1 2 50 287 48 00

www.destinyriver.com

Text: Oliver Gerhard