Navigation

Suche

Suchen

Das andere Florida der Bellamy Brothers

Der Hit „Let Your Love Flow“ machte sie in den Siebziger Jahren zu Weltstars. Was kaum einer weiss: Die Bellamy Brothers sind echte Florida-Boys. Aufgewachsen sind die Brüder auf einer Ranch unweit von Tampa. Im Interview sprechen sie über ihren Spagat zwischen Welterfolg und Landleben. Und erzählen, welcher Schweizer Musiker auf ihrer Farm zu Gast war.

Fotos: Sunflyer/Sandro Diener

David und Howard Bellamy, Sie sind grosse Country-Stars, ihre Familie lebt aber seit Generationen in Florida. Ist Florida ursprünglich ein Cowboy-Land?

David Bellamy: "Auf unserer Ranch ist unsere Familie seit 1870 zu Hause. Sie liegt in Darby im Pasco County, circa vierzig Kilometer nördlich von Tampa. Unser Ur-Urgrossvater stammte aus South Carolina und wurde im Amerikanischen Bürgerkrieg verletzt. Nachdem er in Kriegsgefangenschaft geraten war, gelang es ihm zu fliehen. Er heiratete und zog mit seiner Frau mit dem Planwagen hierhin. Florida war damals noch nicht so schön. Es bestand vor allem aus Sümpfen mit Alligatoren. Darum war es für die Pioniere sehr viel Arbeit, ein Stück Land wie dieses zu bewirtschaften."

Sie beide sind auf der Ranch aufgewachsen. Eine schöne Kindheit?

Howard Bellamy: "Oh ja, sehr! Aber es gab immer viel zu tun. Unser Vater hatte Zuchtrinder, und da mussten wir kräftig mit anpacken. Hecken bauen, Tiere füttern, vieles mehr. Floridas Natur war damals noch viel wilder. Es war mehrheitlich ein Urwald, der wimmelte von Klapperschlangen und Alligatoren. Wir mussten daraus Weideland für unsere Rinder machen."

Welche Rolle spielte der Tourismus in Ihrer Jugendzeit in Florida?

Howard: "Die Ostküste war nach dem Bau der Eisenbahnstrecke durch Henry M. Flagler touristisch gut erschlossen. Unsere Gegend um Tampa jedoch weniger. Das ist erstaunlich, denn Tampa war anfangs eine wichtigere und grössere Metropole als Miami, das früher Fort Dallas hiess. Tampa war eine Schwesterstadt von Havanna, Kuba. Daher liessen sich hier viele Kubaner nieder. Der reiche Unternehmer Henry B. Plant, der die Tampa University gründete, wurde zum stärksten Konkurrenten des Erdölmagnaten Henry Flagler, dem Erbauer der Eisenbahnlinie an Floridas Ostküste. Plant brachte die Eisenbahn an die Westküste und erschloss sie damit auch touristisch."

David: "Weil die beiden versuchten, sich gegenseitig zu übertrumpfen, entstanden viele Tourismus-Attraktionen. Zum Beispiel Crystal Springs, wo man mit Glasbodenbooten die Unterwasserwelt beobachten kann, oder das 'Meerjungfrauen'-Unterwasser-Ballett 'Weeki Wachee', das wir als Kinder auch ab und zu besuchten. Das war aber die Ausnahme, denn wir hatten nicht viel Geld."

Hat der Tourismus Ihre Karriere beeinflusst?

David: "Ich denke schon. Denn während des Colleges verbrachten wir viel Zeit an den Stränden und spielten dort in den Clubs. Howard und ich hatten sogar ein Appartement in Clearwater Beach."

Howard: "Das war für unsere College-Karriere weniger förderlich als für unsere Musikkarriere."

Wurde in Ihrer Familie viel musiziert?

David: "Ja. Unser Vater spielte zusammen mit zwei Brüdern aus Tschechien Honky Tonk, und sonntags sangen wir in der Kirche immer Gospelsongs. So sind wir musikalisch aufgewachsen."

Howard: "Musik und Singen gehörten für uns einfach zum Leben. Wir dachten, alle würden dies so tun. Ich erinnere mich auch an die Lieder der Landarbeiter aus Jamaika, die kamen, um uns bei der Orangenernte zu helfen. Wundervoll!"

Florida als Land der Rancher. Haben Menschen, die aus Europa nach Florida kommen, ein falsches Bild von diesem Bundesstaat?

Howard: "Oh ja, und sie sind nicht die Einzigen. Auch viele Amerikaner wissen nicht, dass Florida eine alte und reiche Ranch-Tradition hat. Sogar eine der grössten Ranches Amerikas, die Deseret Ranch, befindet sich in St. Cloud mitten im Herzen Floridas."

Als Bellamy Brothers sind Sie im Show- und Musikbusiness weltberühmt geworden. Auf Ihrer Ranch umgibt Sie Viehzucht und Natur. Wie passt das zusammen?

David: "Ich glaube, dass unsere grosse Neugier, immer wieder neue Abenteuer zu erleben, uns in beiden Bereichen viel weitergeholfen hat. Die Jugend auf dieser Ranch zu verbringen, war sehr spannend. Es war immer etwas los. Genau so ist es im Showbiz: Wir sind neugierig, immer wieder an neuen Orten und mit neuen Musikern zu spielen. So nahmen wir bereits 2010 ein englisches Album mit dem Schweizer Mundart-Star Gölä auf. 2014 arbeiteten wir mit ihm auf unserer Farm an seinem Album 'Mermaid Cowgirl'. Eine sehr intensive, bereichernde Zusammenarbeit."

Wie hat Ihr Erfolg im Showbusiness das Leben auf der Farm beeinflusst?

Howard: "Es wurde alles viel einfacher! Wir können Leute bezahlen, die für uns die schwere Arbeit machen. Wir nennen uns jetzt darum 'Gentlemen Ranchers'."

Trotzdem: Die Verantwortung für die Ranch tragen Sie. Ist das keine grosse Belastung?

Howard: "Es ist immer noch viel Arbeit. Darum sind wir froh, dass wir unser Studio hier auf der Ranch haben. So können wir schnell vom Stall ans Mischpult wechseln. Während der Zeit, als wir mit Gölä an seinem neuen Album arbeiteten, haben wir gleichzeitig die Kälber getränkt. Wir mussten aber damit aufhören, weil die Kälber zu viel Lärm machten, als wir sie von ihren Müttern trennten."

David: "Zum Glück haben wir ein gut eingespieltes Team sowohl auf der Ranch, wie auch bei der Musik. Ohne diese Leute wäre all das nicht möglich."

Wie kann man als Tourist dieses andere Florida, abseits der Strände und von Disneyland, kennenlernen?

Howard: "Es gibt in Odessa nahe Tampa oder in Okeechobee an der Ostküste Betriebe, die Ranch-Touren anbieten. Da lernt man alle Dinge des ursprünglichen Floridas kennen."

David: "Sehr spannend ist es auch, sich auf die Spuren der Seminolen zu begeben, der Ureinwohner von Florida. Sie hausten in den Sümpfen wie den Everglades, und es ist ein fantastisches Erlebnis, diese, begleitet von einem Seminole-Guide, mit einem Propellerboot zu erkunden."

Ihr Florida-Geheimtipp?

Howard: "Floridas Quellen mit ihrem kristallklaren Wasser, etwa die Blue Springs bei Orange City, muss man gesehen haben!"

David: "Und für alle Musikfreunde: Das Skipper’s Smokehouse in Tampa ist eine tolle Konzertbar!"

Text: Sunflyer/Zeno van Essel