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Auf den Spuren von „Game of Thrones“

Seit die erfolgreiche US-Serie in Sevilla gedreht wurde, reisen Fans aus aller Welt nach Andalusien. Touristenführer Pepe Pallarés macht daraus ein Geschäft und bietet Touren an – Anekdoten vom Dreh inklusive.

Und das alles wegen Miguel. „Er ist ein Freaky“, sagt Pepe und schüttelt den Kopf, „ein Verrückter“. Dank seines Ehemanns habe er nun „diesen Stress“. Im Alcázar-Palast Interviews geben, vor Kameras posieren und dabei auch noch von Plastikorangen erzählen!

Pepe Pallarés führt seit zwanzig Jahren Touristen durch seine Heimatstadt Sevilla. Er macht das mit der Theatralik eines Opernsängers, einen komischeren Fremdenführer kann man sich schwer vorstellen. Trotzdem hätte es für den kleinen Spanier mit dem Hang zum grossen Drama besser laufen können, damals vor drei Jahren, als die Krise die Iberische Halbinsel auszehrte. Aber dann kam „Game of Thrones“ nach Andalusien, die erfolgreichste Fernsehserie aller Zeiten. „Juego de Tronos“, erzählt Pepe seufzend, sei die zweite grosse Liebe seines Ehemanns Miguel. Vor dem Einschlafen liest Miguel die Serienbuchvorlagen „A Song of Ice and Fire“, nachts schläft er im Shirt der fantastischen Saga, und sogar den Morgenkaffee trinkt er aus einer Fan-Tasse. Dabei sei Miguel doch ein erwachsener Journalist, der die Erzählung des endlosen Krieges mit der spanischen Realität vergleiche, die Machtkämpfe der Clans mit denen der Parteien im Parlament.

Fotos: Edelweiss TravelMagazine/Francisco Javier Fernandez Bordonada

George R. R. Martins „Speerspitze der Sonne“

Es herrschte also eine ziemliche Aufregung im Hause Pallarés, als sich die Crew des amerikanischen Senders HBO dorthin aufmachte, wohin es lange zuvor schon Römer, Mauren und spanische Eroberer gezogen hatte: an die Ufer des Guadalquivir, des einzigen schiffbaren Flusses Spaniens, der Sevilla zu einer reichen Handelsstadt machte. Heute ist Sevilla so etwas wie die kleine Schwester Barcelonas, entspannter, aber nicht minder betörend. Das Licht ist an diesem Nachmittag wie Honig, die Luft ein Parfum aus Orangenblüten und Jasmin. Und dann die Architektur: Alleen, romantische Innenhöfe,Türme und Paläste in allen Grössen und Pastellfarben. Die Altstadt ist ein Labyrinth winziger Gassen, in denen man sich schnell, aber gern verliert: Hinter jeder Ecke liegt eine Überraschung, eine quietschende Pferdekutsche, eine alte Kirche oder ein verwunschenes Plätzchen, wo man sich im Schatten von Feigenbäumen oder Lianen eine Pause gönnen kann.

Besser hätte sich „Game of Thrones“-Schöpfer George R. R. Martin den südlichsten Zipfel seines erträumten Kontinents Westeros nicht ausdenken können: das Königreich Dorne mit der Hauptstadt „Lanza del Sol“ – Speerspitze der Sonne. Ein treffender Name für eine der heissesten Städte Europas, in der die Temperaturen schon im Frühling auf über 25 Grad steigen. Und auch die Herrschaftsresidenz ist ein wahres Wunder: der Alcázar-Palast, über tausend Jahre alt, UNESCO-Weltkulturerbe und – nebst anderen Sehenswürdigkeiten wie etwa der Plaza de España – Pepes Arbeitsplatz.

Keine Extrawurst für den Superstar

„Pepe, Pepe, Pepe“, bettelte also Miguel, bis der seine Beziehungen zu den Angestellten des Alcázar spielen liess und sich eine ihrer Uniformen beschaffte. Darin konnte Miguel im Oktober 2014 durchs Hauptportal der Festung huschen, an allen Absperrungen vorbei, durch den Innenhof und die üppig verzierten Säle und Galerien, bis in den Botschaftersaal, wo gerade der Empfang der verfeindeten Lannisters gefilmt wurde.

Auch diese „Game of Thrones“-Tour war Miguels Idee, erzählt Pepe und verdreht die Augen, als wäre er kein bisschen stolz darauf, dadurch eine kleine Berühmtheit geworden zu sein: Er ist der erste und einzige Guide mit „Game of Thrones“-Fotos auf dem iPad. Zudem erzählt er nicht nur auf seinen Touren, sondern auch im spanischen Fernsehen amüsante Anekdoten: dass Superstar Nikolaj Coster-Waldau alias Jaime Lannister hier Eintritt zahlen musste, weil ihn das Personal am Eingang nicht erkannte. Oder dass die Plastikorangen der Crew noch Wochen nach den Dreharbeiten in den Gärten baumelten.

Leben und lieben, als gäbe es kein Morgen

Pepe sieht älter aus als auf seiner Website „sevillabypepe“. Er trägt wie Luciano Pavarotti einen langen Schal und ein Bäuchlein des guten Lebens, das allen Krisen zum Trotz zu den Sevillanos gehört wie die Tapas auf den Tellern. „Es ist das orientalische Blut in unseren Adern“, sagt Pepe und deutet auf die Kacheltäfelungen an den Wänden oder die Hufeisenbögen – genau wie in Marokko. Ursprünglich stammt der Palast aus der Zeit, als die Mauren über al-Andalus herrschten. Die Meerenge von Gibraltar war eine Brücke, über die nicht nur Heere und Waren, sondern auch Gedanken und Künste ihren Weg fanden. Später entstand unter dem christlichen König Peter I. eine Kultur, in der Juden, Christen und Muslime friedlich zusammenlebten. Sie beeinflusst Sevilla und ihre Bewohner noch heute, bis in die Kichererbsen im Spinat, das Gestikulieren in den Gassen oder das Flirten bis in die Nacht.

Pepe sagt: „Wir leben und lieben, als gäbe es kein Morgen.“ An diese Sitten müssen sich andere erst mal gewöhnen: Als die „Game of Thrones“-Crew Palasträume und Teile der 4‘100 Quadratmeter grossen Gartenanlage mit blickdichten Planen absperrte, lauerten dahinter liebestolle Fans. Die gaben sich nicht mit Schnappschüssen der Stars zufrieden. Nein, die baten etwa den Schönling Coster-Waldau um Küsse – oder knutschten ihn gleich selbst ab. Daraufhin verschanzte sich der kühle Däne abends lieber in der Sicherheit seines sterilen Sternehotels „NH Collection“. „Wir sind halt sehr, sehr leidenschaftlich“, erklärt Pepe und hebt entschuldigend die Hände. Wobei auch er Kundenmails immer gleich Küsschen statt Grüsse hinterherschickt und, wie er selbst sagt, sehr „touchy“ sei.

Emilia Clarkes rauschende Party in einer kleinen Tapas-Bar

Die Menschen hier sind herzlich. Pepe und Miguel bringen neuen Nachbarn Salz und Olivenöl oder laden sie gleich zu sich nach Hause ein. Diese Offenheit allein ist aber nicht der einzige Grund, warum sich wieder Massen von Touristen durch die Altstadt schieben. In Zeiten des Terrors haben die Leute Angst, in den Nahen Osten zu fliegen – Sevilla ist mit seinem orientalischen Flair die Alternative. Und natürlich ist der Boom auch auf „Game of Thrones“ zurückzuführen. Nach der Ausstrahlung der fünften Staffel stiegen die Übernachtungszahlen um 25 Prozent.

Noch mehr profitiert hat das rund eine Zugstunde entfernte Städtchen Osuna, das ebenfalls auf Pepes Tourenprogramm steht: Weil die Stierkampf-Arena nicht weiss angemalt ist, wurde sie für die Serie zur Arena von Meereen, wo Königin Daenerys zu ihrem ersten Drachenflug startet. Es war das Ding in Osuna. HBO flutete das Städtchen während 17 Tagen mit einer 250-köpfigen Crew und 2‘500 Statisten. Die Stars joggten an den typischen weissen Häusern entlang und die Drachenkönigin alias Emilia Clarke feierte in der Tapas-Bar „Casa Curro“ ein so rauschendes Geburtstagsfest, dass die Wirtin bis heute mit glänzenden Augen davon berichtet. Und Pepe? Er kann sich vor Anfragen kaum mehr retten. So ist er ganz froh, dass die sechste Staffel wieder woanders spielt. „Zu viel Stress“, sagt er vor einem Glas Weisswein abends in der „Casa Vizcaíno“. So heisst eine Bar in Macarena, einem Quartier jenseits der Touristenströme. Früher war hier die Drogenszene zu Hause, heute reihen sich nette Bars, kleine Boutiquen und Galerien aneinander. „Soho von Sevilla“ nennt Pepe den Stadtteil, der nördlich des „Metropol Parasol“ beginnt, dieser gigantischen Holzstruktur, die sich wie ein Pilzgeflecht über der Plaza de la Encarnación ausbreitet und für das moderne, kreative Sevilla steht. Kein Wunder, dass auch Pepe und Miguel hier wohnen und sich jeden Abend mit Freunden treffen, wie es alle Andalusier tun.

Früher hätte Pepe eine Schachtel Zigaretten zum Wein geraucht. „Aber ich hatte einen Herzinfarkt. Im Dezember“, sagt er für einmal ganz ohne das Drama des Dauerunterhalters. Daher will er eine Weile nur halbtags arbeiten. Das finden auch die Kollegen gut, die nacheinander eintrudeln. Als auch noch Miguel kommt, Pepes Ehemann und „Game of Thrones“-Fan der ersten Stunde, ist das Gespräch längst wieder bei der Serie: Was passiert nun in der sechsten Staffel? Dazu gibt es Wein und Tapas, natürlich, denn das ist Sevilla: „Salud!“

(Text: Edelweiss TravelMagazine/Carole Koch)