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Über 100 Jahre pures Leben

Sardinien gilt als die Insel der Hundertjährigen: Nirgendwo sonst leben im Verhältnis zur Einwohnerzahl so viele Menschen, die hundert Jahre oder älter sind. Der älteste Sarde zählte 111 Jahre. Piero Brosolo aus Arzachena im Nordosten Sardiniens hat auch schon ein stattliches Alter erreicht. Der rüstige Senior erzählt aus seinem langen Leben – und verrät, wie man so alt wird und dabei so fit bleibt wie er.

Aufrecht, mit durchgestrecktem Rücken sitzt Piero Brosolo auf seinem Bett in einer Seniorenresidenz in Arzachena, einem Ort an der berühmten Costa Smeralda im Nordosten von Sardinien. Seit 2010 wohnt er hier, zuerst zusammen mit seiner Frau, die vor knapp zwei Jahren starb. Danach hatte Piero zweimal einen Zimmergenossen, die beide ebenfalls das Zeitliche segneten, der Letzte erst kürzlich – er war 105 Jahre alt! Seither ist Piero Brosolo der älteste Bewohner der Residenz und hat das Zimmer für sich. „Ich habe schon drei überlebt. Ich glaube, es traut sich niemand mehr zu mir, aus Angst, ebenfalls vor mir zu sterben“, sagt der alte Herr, und der Schalk blitzt in seinen Augen. Sein Lächeln ist sanft und zurückhaltend, aber der Händedruck fest und selbstbewusst.

Fotos: Sandra Casalini

Sie nannten ihn Pantoffel-Piero

Piero Brosolo wurde am 31. Januar 1915 geboren. Sein Vater war „Postino“, Pöstler, Pierino ein Einzelkind. Als Bub hat er dem Papà geholfen, die Post auszutragen. Zu Fuss. „Überall, wo man Treppensteigen musste, bin ich raufgegangen und habe geklingelt. Und wenn einer einen schlechten Tag hatte und gemein sein wollte, sagte er: „Geh und schick mir deinen Vater hoch!“ Dann bin ich runter und er musste rauf“, erzählt Piero und lacht ein feines, leicht kehliges Lachen. Die letzten Überreste von 40 Jahren Rauchen. In den Siebzigern hat er aufgehört damit. „Als Bub bin ich immer gerannt“, erzählt der alte Herr weiter und gestikuliert wild mit beiden Armen. „Die Mamma hat mir Ciabatte gemacht, Finken, in denen ich durchs ganze Dorf sprang. Sie nannten mich Piero Ciabatta, Pantoffel-Piero.“

Als Pantoffel-Piero elf Jahre alt war, suchte der Parrucchiere, der Herrencoiffeur im Dorf, einen Gehilfen. „So fing ich bei Berto an“, sprudelt es aus dem alten Herrn heraus. Er ist richtig in Fahrt gekommen, verfällt öfter in seinen schleppenden Dialekt mit vielen “u”’s und immer wieder entfährt ihm ein herzhaftes „porco cane!“, ein italienisches Fluchwort, das wörtlich übersetzt soviel bedeutet wie „Schweinehund“ und im übertragenen Sinn “verdammter Mist!”. Als Piero 14 war, schnitt er erstmals einem Kunden die Haare. Und so stand fest, was sein Beruf sein würde.

Die Begegnung mit Mussolini

Dann kam der Krieg. Mit 18 Jahren wurde Piero Brosolo in die Armee beordert. Er erinnert sich an die vielen Soldaten in Zugwaggons, die durchs ganze Land fuhren. Und an diesen einen Tag, an dem er Mussolini traf. Benito Mussolini, Ministerpräsident des Königreichs, Diktator an der Spitze des faschistischen Regimes Italiens. Soldat Brosolo war in Sizilien stationiert. „Wir standen in einer Reihe“, erzählt er. „Mussolini schritt sie ab und schaute keinen von uns an. Dann kam er zurück und blieb vor mir stehen. Vor mir. Er fragte mich, woher ich komme, wie alt ich sei und ob ich Geschwister habe. Nur mich. Sonst keinen.“ Er legt die Hände in den Schoss, holt tief Luft. „Wir standen alle in einer Reihe. Und dann ist Mussolini gekommen. Er schritt sie ab und hat keinen angeschaut...“ – „Papà, das hast du gerade schon mal erzählt“, sagt seine Tochter und legt ihm sanft die Hand auf den Arm. Annamaria Brosolo sitzt neben ihrem Vater und hat ihm schweigend zugehört. Am Fussende sitzt ihr Mann Sebastiano auf einem Stuhl, Pflegerin Daniela hat es sich mit ihren beiden kleinen Töchtern auf dem anderen Bett gemütlich gemacht. Alle hängen an Piero Brosolos Lippen, wenn er erzählt.

Nach dem Krieg hat er geheiratet und wurde Vater von Annamaria. Mittlerweile hat Piero auch einen Enkel und eine 18-jährige Urenkelin. In den Sechziger Jahren übernahm er das Coiffeurgeschäft von Berto. Und schnitt Haare und rasierte Bärte bis ins 85. Lebensjahr! Aufgeregt zeigt er auf einen gerahmten Zeitungsausschnitt an der Wand. „84-jähriger Parrucchiere geht in Pension“, steht da geschrieben. Piero hat nicht nur Haare geschnitten und Bärte rasiert, sondern auch Ratschläge verteilt – das liegt wohl in der Natur des Berufes. „Die Rasur war immer glatt. Ob die Ratschläge immer gut waren, weiss ich nicht“, sagt er lächelnd.

„Ich habe nie übertrieben“

Piero Brosolo erhebt sich langsam von seinem Bett. Sein Schwiegersohn reicht ihm eine Krücke. Das ist alles, was Piero braucht, um sich fortzubewegen. Festen Schrittes geht er den Gang entlang und die Treppe hinunter, um im Garten etwas frische Luft zu schnappen. „Als Bub bin ich immer gerannt“, sagt er. „Du rennst immer noch“, sagt Pflegerin Daniela. „Nur wenn ich müde bin, nehme ich statt der Treppe den Bus“, sagt Piero und zeigt augenzwinkernd auf den Lift. Der über Hundertjährige nimmt kein einziges Medikament ein. „Er lebt bestimmt noch zehn Jahre!“, ist Daniela überzeugt.

Er habe eben immer Glück gehabt mit der Gesundheit, sagt Piero Brosolo. Als junger Mann hatte er mal einen Tumor. „Alle wollten mich ins Spital schicken. Aber das wollte ich nicht. Ich hatte einen Kunden, der war Arzt, und er sagte mir, wenn ich gut auf mich schaue und mich richtig ernähre, wird der Tumor kleiner. Das habe ich gemacht und nach ein paar Jahren war er weg.“ Mit dem Rauchen habe er aufgehört, als er immer wieder leichte Asthma-Anfälle hatte, wenn er vom Fischen zurückkam. Auch die waren für Piero Brosolo kein Grund für einen Arztbesuch: „Ich habe Kopfstand gemacht, damit der Schleim abfliessen kann. Das hat geholfen!“ Gegessen habe er immer alles – „einfach nicht zuviel. Es braucht nicht fünf Scheiben Salami auf dem Panino. Drei reichen. Und ich habe immer aufgehört zu essen, wenn ich satt war.“ Dasselbe gilt für den Alkohol. „Ich habe nie übertrieben.“ Tochter Annamaria bestätigt: „Ich bin jetzt über 70 und habe meinen Vater ein einziges Mal im Leben angeheitert gesehen.“ Auf sein tägliches Glas Wein verzichtet Piero Brosolo aber auch heute nicht. „Das tut niemand hier“, meint Daniela lachend. „Der Vino tut den alten Leuten gut.“ Denn Piero ist nicht der einzige „Centenaio“ in der Residenz. Es gibt noch eine hundertjährige Dame, dazu einige in den Neunzigern. Typisch Sardinien eben.

Das Geheimnis des „Centenaio“: Kein Ärger

Aber was ist denn nun das Geheimnis dieser Hundertjährigen? „Ich rege mich nicht auf. Niemals. Über niemanden“, sagt Piero Brosolo, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. „L’annoio fa male e il male fa morire.“ Ärger macht krank, und wer krank ist, stirbt. So einfach ist das. Und Piero hat vor, noch ein bisschen zu leben. Schliesslich gefällt es ihm hier ganz gut, und die Leute sind nett. Am Morgen steht er auf, frühstückt und macht Gymnastik. Vor dem Mittagessen macht er Kreuzworträtsel, danach geht er manchmal spazieren oder es wird ein Ausflug ans Meer organisiert. Er liest jeden Tag die Zeitung. Dafür braucht er eine Lesebrille – „aber es ginge auch ohne!“, betont der rüstige Herr. Um 21.30 Uhr ist Lichterlöschen. Sein Handy hat Piero Brosolo übrigens immer in der Hosentasche, damit er für seine Familie erreichbar ist. Einen Computer habe er aber keinen. „Da würde ich mich vielleicht aufregen.“ Und wir wissen ja: Ärger macht krank, und wer krank ist, stirbt.

Daniela lächelt. „Piero ist sehr speziell. Aber die Ruhe und Gelassenheit sehe ich bei vielen der älteren Leute hier. Wir Sarden leben sehr harmonisch und sind genügsam. Wir brauchen nicht viel zum Glücklichsein. Freunde und Familie, das ist alles.“ Er sei immer zufrieden gewesen mit seinem Leben sagt Piero. „Mehr kann man doch gar nicht verlangen. Oder?“

Text: Sandra Casalini