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Ganz schön entspannt!

In San Diego findet das Leben im Freien statt. Nicht nur Surfer werden hier glücklich. Ein Besuch in einer Millionenstadt mit dörflichem Charme.

"Landung in zehn Minuten." Endlich: San Diego. Ein Bubentraum wird wahr! In einer Bar irgendwo in dieser kalifornischen Küstenstadt steht das berühmte Klavier aus "Top Gun". Seit 30 Jahren pilgern Fans an jenen magischen Ort, wo der Kinohit mit Tom Cruise und Kelly McGillis ein Happy End fand. Voller Vorfreude summt man leise den Refrain von "Highway to the Danger Zone" vor sich hin, der Titelmelodie dieses Hits aus den 80ern, dann setzen mit einem leichten Rumpler auch schon die Räder auf: Willkommen in "America’s Finest City"!

Die Warteschlange vor dem Mietwagenschalter ist lang, dafür dauert die Fahrt ins Stadtzentrum frühmorgens nur kurz. Keine fünf Autominuten vom Flughafen entfernt beginnt die Embarcadero, eine ausgedehnte Fussgängerzone entlang des Hafens. Von früh bis spät herrscht hier emsiges Treiben: Junge Matrosen legen für ein Selfie ihre Arme um japanische Touristinnen, auf den Terrassen der Seafood-Restaurants schlürfen Touristen dampfende Muschelsuppen, daneben zupft ein melancholischer Alt-Hippie auf seiner Gitarre ein paar Akkorde von "Hotel California": "Such a lovely place, such a lovely face!"

Fotos: Travel Magazine, Liesa Johanssen

Badehose, Sonnenbrille und ganz viel Glacé

"Pretty laid back" sei San Diego, sagen seine Bewohner, ziemlich locker und entspannt. Kein Wunder, die Temperaturen fallen kaum je unter zwanzig Grad. Wer kann, trägt Badehose und Sandalen, und niemand geht hier ohne Sonnenbrille aus dem Haus. Ob im Sommer oder im Winter: Das Leben findet in der mit knapp 1,4 Millionen Einwohnern zweitgrössten Stadt Kaliforniens draussen statt. Jeden Tag hat man unzählige Möglichkeiten, sich im Freien zu vergnügen. Sei es beim Golf, beim Yoga am Strand, beim Surfen an einigen der besten Spots Kaliforniens. Oder auch an einem der Spezialevents, die das ganze Jahr über die Agenda füllen. Konzerte, Paraden, Open-Air-Festivals, Ausstellungen.

Während man in anderen amerikanischen Städten oft vergeblich nach einer Möglichkeit sucht, um "al fresco" zu dinieren, gehört das zu San Diego wie der berühmte Zoo oder das Sea World. An diesem Mittag strömen alle in den Waterfront Park zum Streetfood-Festival gleich gegenüber dem Seefahrermuseum mit seinen rostigen U-Booten und antiken Segelschiffen. Vor den Foodtrucks stehen die Menschen Schlange, Geschäftsfrauen im Anzug neben muskelbepackten Jungs in Surfershorts. Es gibt Brathähnchen und Shrimps aus New Orleans, frittierten Fisch aus der Bay und Tacos in allen Variationen. Am längsten wartet man vor einem knallgelben Lieferwagen, der Chad Furlong gehört. Der 40-Jährige serviert Shave Ice, mit süssem Sirup getränkte Eisberge im Plastikbecher. Beim Surfen in Maui vor ein paar Monaten habe er von diesem hawaiianischen Dessert nicht genug kriegen können, erzählt er begeistert. "Ich musste das einfach hier ausprobieren!" Wenn Chad mit seinem Glacemobil nicht gerade von Event zu Event tuckert und die Leute in ganz Kalifornien glücklich macht, hilft der Flipflops-tragende Unternehmer beim Aufbau einer Kindertagesstätte in Mexiko mit. "San Diego", sagt Chad, "ist eine grosse Stadt, die sich anfühlt wie ein freundliches Dorf." Er könne sich keinen besseren Ort zum Leben vorstellen.

Burger, Bier und viele Freunde

Eine der schönsten Gegenden, um Sonne zu tanken, ist der Balboa Park, das kulturelle Zentrum San Diegos. Auf einem Hügel der fast fünf Quadratkilometer grossen Anlage haben sich die Liebhaber von Gegrilltem und Gebrautem versammelt. Beim "Burger & Beer"-Festival soll der beste Hamburger der Stadt erkoren werden. Über drei Dutzend Küchenchefs präsentieren ihre Kreationen: Burger mit Camembert, Burger mit Minze, Burger mit Nutella. Die Besucher flanieren von Stand zu Stand, probieren da ein Häppchen und spülen es dort mit einem Schluck Craft-Beer runter. Zwischendurch ruhen sie sich im Schatten der Palmen auf Campingstühlen aus oder tanzen ausgelassen vor der kleinen Bühne, auf der eine Punkband gegen den Rauch der vielen Grills ansingt. Wer gewinnt, spielt für die meisten hier keine Rolle. Hauptsache, im Burger steckt ganz viel Bio: Fleisch aus artgerechter Haltung, selbst gebackenes Brot, Zwiebeln aus dem eigenen Garten. Gleiches gilt fürs Bier, das dann am besten schmeckt, wenn es von einem Familienbetrieb in einer kleinen Garage gebraut wurde. Und davon gibt es einige in San Diego, der inoffiziellen amerikanischen Hauptstadt des Craft-Beers. Allein der San Diego Brewers Guild gehören fast hundert Kleinbrauereien an, die so betörende Namen tragen wie "Little Miss Brewing" oder "Burning Beard". Und fast jede betreibt in der Stadt eine hübsche Quartierbeiz, in der quasi an der Quelle degustiert werden kann.

Sei es im Café oder im Fast-Food-Restaurant, im Taxi oder im Souvenirladen, Fremde werden in San Diego sofort zu Freunden: "How can I help you, my friend?", heisst es immer wieder. Mit Oberflächlichkeit habe das nichts zu tun, sagt Moni Blom, die an einem Sandstrand auf der Halbinsel Coronado ihre kunterbunten Skulpturen verkauft, die ein bisschen an die Kreationen der Französin Niki de Saint Phalle erinnern. Am Coronado Art Walk zeigen über siebzig Künstler ihre Arbeiten: kitschige Bilder von Sonnenuntergängen, Delfine aus edlen Steinen, bemalte Surfboards. Es duftet nach Seafood, irgendwo spielt eine Kapelle eine Coverversion von Bowies "Let’s Dance", Kinder bauen Sandburgen. "Die Leute hier sind einfach glücklich!", sagt die 61-jährige Ingenieurin. Die Nähe zum Meer, das angenehme Klima, die verschiedenen Kulturen: "Nichts schlägt diesen Mix." Ob sie denn heute schon viel verkauft habe? "Darum gehe es doch nicht", sagt Moni: "Hauptsache, ich bin an der frischen Luft!" Unter ihrer weissen Bluse und der Jeans trägt sie stets einen Badeanzug. "So kann ich ins Meer springen, wann immer mir danach ist."

Ansteckende Fröhlichkeit

Während die Abendsonne die Skyline San Diegos in goldenes Licht taucht, spielt beim Blues Festival an der Hafenpromenade auf der anderen Seite der Coronado-Brücke die letzte Band des Tages. Ted Wood, ein 73-jähriger bärtiger Architekt und Schlagzeuger, sitzt auf einer Bank und wippt mit seinem Fuss im Takt der Musik. Er sei eigentlich kein Stadtmensch, sagt er, aber San Diego sei eben anders: "Gute Musik und nette Menschen überall." Wie recht der Mann hat! Doch auch wenn die Fröhlichkeit am Festival ansteckend ist, man am liebsten ebenfalls die Schuhe ausziehen und mittanzen würde, müssen wir weiter. Eine letzte Verabredung in einem kleinen Diner eingangs des historischen Gaslamp-Quartiers steht an. Neben all den eindrücklichen Bauten aus dem viktorianischen Zeitalter und den Wolkenkratzern wirkt das einstöckige "Kansas City Barbeque" auf den ersten Blick unscheinbar. Eine Kneipe wie es Abertausende gibt in den USA: etwas in die Jahre gekommen, abblätternde Farbe an den Wänden, verlebtes Mobiliar. Dann erst erspäht man den "Top Gun"-Schriftzug am Fenster und weiss: Hier sind wir richtig. In einer Ecke dieser Bar steht das legendäre Piano aus dem Film von 1986, an dem "Maverick" "Great Balls of Fire" sang. Und dann ist da auch noch diese Jukebox, aus der in der Schlussszene des Films 'You’ve Lost That Lovin’ Feelin'"tönt. Im Gegenteil, denkt man sich und nippt wie einst Tom Cruise an der Bar an seinem Bier, diese Liebe zu San Diego hat eben erst begonnen.

Tipp:

Wer seinen Latte gerne in einem persönlichen Ambiente geniesst, findet im Stadtteil Little Italy die perfekte Alternative zu Starbucks und Co. In einem versteckten Innenhof hat vor kurzer Zeit das "Heartsleeves Coffee" eröffnet – nirgends sonst in San Diego schmeckt der Kaffee so gut wie hier! Und natürlich gibt es vor dem hübschen kleinen Laden genügend Sitzgelegenheiten im Schatten.

(Text: Travel Magazine/Peter Aeschlimann)