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„Ich bin verliebt ins Leben“

Walter Riedweg hat in Rio de Janeiro seine Heimat gefunden. Seine Performance- und Videoinstallationen, die er gemeinsam mit dem Brasilianer Mauricio Dias erarbeitet, beleuchten auch die weniger strahlenden Seiten der „Cidade Maravilhosa“.

Gemächlich ruckelt das Tram über den „Arcos da Lapa“-Aquädukt nach Santa Teresa. Entlang der kurvigen Strassen stehen neu eröffnete Galerien neben zerfallenen Herrenhäusern und knatternde Rostlauben vor charmanten Art-déco-Cafés. „Rio de Janeiro befindet sich ständig im Auf-, Um-, oder Abbau“, sagt Walter Riedweg, der seit über zehn Jahren das Bohemien-Viertel unterhalb des Corcovado sein Zuhause nennt. Begeistert verfolgt der Schweizer Künstler, wie sich die Millionenstadt vor seinen Augen verändert: „Mich faszinieren Baustellen. Ich bin gerne beteiligt am unendlichen Projekt Menschheit. Speziell hier, wo sich in den letzten 30 Jahren eines der grössten Labors des urbanen Zusammenlebens formiert hat.“

Während sein Bruder im luzernischen Schwarzenberg die bäuerliche Tradition weiterführte, wurde der heute 60-Jährige zum „Nestflüchter“, wie er es nennt. Als ausgebildeter Lehrer besuchte er die Akademie für Kirchenmusik, die Accademia Teatro Dimitri und arbeitete als Schauspieler und Musiker. 1991 lernte Riedweg an der Kunstgewerbeschule Basel den neun Jahre jüngeren Brasilianer Mauricio Dias kennen. Die beiden wurden ein Paar und arbeiteten zwei Jahre später an ihrem ersten gemeinsamen Projekt. Damals wie heute liegt der Grundsatz ihrer Performance- und Videokunst darin, das Unaussprechliche sichtbar zu machen: „Damit Worte und Bilder Sinn ergeben, müssen sie immer wieder neu erfunden, erfühlt, ertastet und gedacht werden“, erklärt Riedweg. Über die Welt zu reden, ohne abgelutschte Formeln zu verwenden, sei eine fantastische Herausforderung: „Jeder sieht die Welt in einzigartiger Weise. Deswegen ist es interessant, den Mitmenschen anzuhören und zu betrachten. Unsere Arbeiten entstehen oft in Zusammenarbeit mit Personen, die nichts mit der Kunstwelt zu tun haben.“ Dias & Riedweg arbeiteten mit fremdsprachigen Kindern von Gastarbeitern in der Schweiz, interviewten Stricher, psychisch Kranke und liessen Favela-Bewohner im Rahmen des Projekts „Funk Staden“ (gezeigt an der documenta 12) kannibalistische Szenen aus einem 500 Jahre alten Reisebericht über Brasilien nachstellen.

Photos: Edelweiss/Philipp Jeker/ZVG

Oase der Ruhe im geschäftigen Rio

Für das Projekt „Devotionalia“ hielt das Künstlerduo die Träume brasilianischer Strassenkinder mit der Kamera fest und goss ihre Gliedmassen in Wachs. Ein Grossteil der Protagonisten starb in den Folgejahren; das Kunstwerk wurde zu ihrer einzigen Hinterlassenschaft. Dias & Riedweg sahen sich derweil mit dem Vorwurf konfrontiert, die Lage der Unterprivilegierten zu ihrem Vorteil zu nutzen. „Wir sind keine Heiler und lösen auch die Probleme nicht, welche wir über unsere Projekte ins Licht rücken. Wir versuchen, die Konflikte nicht durch einfache und einfältige Diskurse unter den Teppich zu wischen“, entgegnet Riedweg. Wenn man sich am Rande der Gesellschaft bewege, sei das Dilemma allgegenwärtig. „Die Spannungen auszuhalten, ist unbequem. Immer wieder sind beide, das Leben und die Kunst, wunderbar, aber auch hart und enttäuschend. Es gibt Leute die sehen uns als Störenfriede, weil sie es vorziehen, in Luftschlössern und goldenen Käfigen zu leben.“

Auch wenn sie inzwischen nicht mehr liiert sind, wohnen und arbeiten Walter Riedweg und Mauricio Dias gemeinsam in Santa Teresa, wo sie ein Kolonialhaus gekauft und zum Bed & Breakfast umgebaut haben. Dias’ Adoptivkinder leben ebenso hier wie sein Partner und ein Teil der Angestellten. An den Wochenenden sind auch Riedwegs Partner und Pflegekinder in der Villa Laurinda. „Wer kommt, wird sehen, dass wir eine farbige, vielfältige Familie sind“, sagt er. Reisende finden hier eine Oase der Ruhe mitten im geschäftigen Rio vor: Nach einem Frühstück mit frischen Früchten und hausgemachten Pão de Queijo (brasilianische Käsebällchen) entspannen die Gäste am Pool. Im tropischen Garten toben die beiden Rhodesian-Ridgeback-Hunde Seu Silva (Herr Silva) und Promessa (Versprechen). Zu dem Anwesen gehören neben dem sanft renovierten Hauptgebäude im viktorianischen Stil auch ein moderner Anbau und das lichtdurchflutete Atelier. Vor einigen Jahren machten Touristen noch einen Bogen um das Quartier. „Im Rahmen der sogenannten Befriedungsaktion der umliegenden Favelas und der damit verbundenen Dauerpräsenz einer Art Gemeindepolizei sind die bewaffneten Drogenbanden in andere Regionen gezogen. Damit hat sich das Klima sehr entspannt. Es haben sich viele kleine Hotels, Bars und Restaurants etabliert“, erklärt der Quereinsteiger.

Karneval: Einen Moment lang glänzen

Die Stadt bleibt ein unbeständiges Gefüge: „Als Rio-Reisender ist es wichtig, nicht zu vergessen, wo man ist.“ Vieles erscheine sehr vertraut. „Das heisst aber noch lange nicht, dass man es auch versteht. Der Moment zählt. Was heute ist, braucht morgen nicht ebenfalls der Fall zu sein.“ Auf wenig sei in Rio wirklich Verlass, sagt Riedweg mit einem sanften Lächeln. „Aber wer mit offenem Herzen kommt und sich nicht auf Klischees einlässt, wird eine Stadt mit sehr viel Charme und liebenswerten Menschen vorfinden, die trotz eines harten Alltags in der Hitze der Stadt mit Witzen ein fröhliches Lachen verbreiten.“

Fragt man ihn nach seinem liebsten Ort in der „Cidade Maravilhosa“, der „wunderbaren Stadt“, nennt der Wahl-Brasilianer nicht Zuckerhut, Ipanema oder Cristo Redentor, sondern: „die Strasse“. Ob auf der Strandpromenade oder in Santa Teresa – Rio sei für ihn der ideale Ort zum Flanieren: „Ohne Ziel unterwegs zu sein, ist wunderbar, weil sich das Leben auch heute noch draussen auf der Strasse abspielt und mir immer wieder interessante Begegnungen beschert.“ Eine besondere Anziehungskraft übt aus demselben Grund auch der Karneval auf ihn aus. „Er lässt allen, die mitmachen wollen – den Kindern, den Jungen, den Dynamischen, den Alten, den Travestiekünstlern, den Dicken, den Magersüchtigen – einen Platz.“ Ein ganzes Jahr lang bereitet sich die ganze Stadt auf ein Ereignis vor, das sich auf eine 80-minütige Parade konzentriert. „Brilho“ nenne man das hier: einen Moment lang glänzen. Nicht für die Ewigkeit, nicht um die Welt zu erobern, nur 700 Meter lang. „Das ist die Seele der Cariocas“, bringt es der passionierte Pianist auf den Punkt. „Eine Kultur, welche diese vergängliche Geste ins Zentrum setzt, verdient meinen tiefen Respekt.“

Auch wenn Rio zu seiner Heimat geworden ist, bleibt es das Wechselhafte, Unstete, das Walter Riedweg antreibt: „Ich bin verliebt ins Leben. Das schliesst alles mit ein – das Vergangene und das Gegenwärtige. Ich trage eine tolle Schweizer Kindheit und Jugendzeit in mir, welche einen emotionellen Anker setzte, der bis heute mithilft, mich aufrecht zu halten“, sagt er und fügt nach einer kurzen Denkpause an: „Im Grunde sehe ich mich als Teil der Welt. Mein Zuhause ist die Wanderschaft.“

Walter Riedwegs Rio-Tipps:

1. Samba: Der Besuch einer der wöchentlichen Proben in einer Sambaschule in den Vorbereitungsmonaten ist ein unvergessliches Erlebnis. Zu den Highlights des Jahres gehören natürlich der Karneval und die Neujahrsfeier.

2. Kultur: Das neue Kunstmuseum MAR und die neue Praça Maua mit dem Museo do Amanha sind sehenswert. Das Instituto Moreira Sales mit seinen beispielhaften Fotoausstellungen ist ebenfalls zu empfehlen.

3. Leben: Wer Zeit findet, um in der Nordzone mit der Seilbahn über die Favela „Complexo do Almeao“ zu fahren, wird ein anderes Verständnis dieser Metropole mit nach Hause nehmen.

(Text: Marlies Seifert)