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Drei Tage Kultur und Leben pur in Rio de Janeiro

Wenige Tage zuvor waren wir noch in Bahia und feierten an einem einsamen Strand die Hochzeit von Freunden. Dieser notorisch unterentwickelte brasilianische Bundesstaat bietet kilometerlange, unberührte Traumstrände und atemberaubende Ausblicke, die dem Hashtag #pictureperfect auf Instagram alle Ehre machen.

Aber wie kamen wir überhaupt in dieses brasilianische Paradies? Im Anschluss an unseren Direktflug mit Edelweiss von Zürich nach Rio de Janeiro setzten wir unsere Reise mit einer Reihe von längeren (aber kostengünstigen) Inlandflügen fort. Trancoso, unsere Zieldestination, ist zwar „nur“ eine Stunde Fahrt vom Flughafen in Porto Seguro entfernt. Der Weg dorthin führt allerdings über eine äusserst holprige Strasse. Das Fischerdorf, das heute auch als Rückzugsort für Promis gilt, war also nicht ganz einfach zu erreichen. Doch in Trancoso angekommen, begriffen wir sofort, weshalb unsere Freunde uns hierher bestellt hatten: ein kleines, feines Paradies auf Erden!

Fotos: Newly Swissed

Einzigartige Stimmung bis hoch über die Copacabana

Inzwischen sind wir 2000 Kilometer in Richtung Süden gereist und befinden uns wieder in Brasiliens beliebtester Touristendestination: Rio de Janeiro. Wir stehen auf dem Dach unseres Strandhotels an der Copacabana. Dass Rios sechs Millionen Einwohner ihre Freizeit am liebsten an diesem kilometerlangen Sandstrand verbringen, können wir bestens nachvollziehen. Die Stimmung an der Copacabana ist schlicht einzigartig und dringt bis zu uns hoch.

Cristo Redentor als Orientierungshilfe

Bevor wir es uns am Strand bequem machen, treffen wir uns in einer nahe gelegenen Metrostation mit Nina Chini Gani. Nina stammt aus Rio und studiert Grafikdesign. Ihre Rio Street Art Tour bietet eine ideale Möglichkeit, sich quasi über die Strassen mit dieser gigantischen Stadt anzufreunden. Mit dem Ziel, uns die Geschichte von Rios Strassenkunst zu vermitteln, führt uns Nina durch Stadtviertel, Strassentunnels und Gassen, hinsichtlich derer man uns Rio-Grünschnäbeln im Vorfeld geraten hatte, sie um jeden Preis zu meiden.

Zu Beginn der Tour gibt uns Nina einen Schnellkurs in Sachen Orientierung in der Stadt: „Nutzt dafür Cristo Redentor, die Christusstatue: Sie blickt in Richtung Osten, also zum Hafen. Der rechte Arm zeigt auf den Ipanema-Strand im Süden. Und der linke zeigt in Richtung Norden.“

Dank ihres ansteckenden Lächelns und ihrer authentischen Begeisterung für einheimische Strassenkünstler fühlen wir uns auf Ninas englischsprachiger Tour rasch wohl in Rio. In der Tat ist unsere Stadtführerin ein Paradebeispiel für die entspannte Art, mit der uns die meisten Cariocas während unseres Aufenthaltes begegnen. (Carioca ist das brasilianische Wort für alles/alle aus Rio Stammende/n.)

Im angesagten Santa-Teresa-Viertel

Ninas Tour führt uns auch nach Santa Teresa. Dieses entzückende Viertel liegt auf einer Anhöhe über der Innenstadt und bietet einen herrlichen Blick aus der Vogelperspektive auf Stadt und Strände. Ob alleine unterwegs oder im Rahmen eines Ausflugs mit Nina: Santa Teresa sollte man mindestens einmal besucht haben.

Dank der kürzlich erfolgten Wiedereröffnung einer historischen Strassenbahn ist dieses hügelige Viertel mit seinen Art-déco-Häusern gut zu erreichen. Die Santa Teresa Tramway verbindet Rio de Janeiros Innenstadt mit Wohngegenden, in denen viele Unterkünfte im Stil von Bed & Breakfasts für Individualreisende angeboten werden. In der Strassenbahn sichern wir uns ein Plätzchen bei den offenen Türen. Schliesslich kann man von hier aus am besten die Innenstadt fotografieren.

Die bunte Selaron-Treppe gilt in Santa Teresa als touristische Hauptattraktion. Der Geschichte nach verdankt diese Aussentreppe ihren Namen Jorge Selaron, einem mittellosen Künstler aus Chile, der seinem Wohnviertel in Rio besonders zugeneigt war. In akribischer künstlerischer Kleinstarbeit machte sich Selaron daran, die baufällige Treppe vor seinem Wohnhaus zu renovieren, indem er Fliese für Fliese von Hand verlegte.

Bald schon drohte ihm sein Vermieter mit der Wohnungskündigung. Aber was sollte der Künstler tun? Einheimische und Touristen spendeten immer mehr Fliesen, sodass er sein Lebenswerk fortsetzen konnte. Selarons beeindruckendes Aussenmosaik umfasst über 2000 Fliesen aus sechzig Ländern. Darunter entdecken wir sogar einige schöne Exemplare aus der Schweiz!

Die meisten Bustour-Ausflügler kehren bereits in der Mitte der Treppe wieder um. Wir hingegen folgen der Empfehlung unserer Stadtführerin und ersteigen sie bis ganz oben. Der Lohn dafür ist ein einzigartiger Panoramablick auf die Stadt. Von dieser historischen Wohngegend, die sich zu einem Hotspot für Nachtschwärmer gemausert hat, ist die Sicht auf die Innenstadt und Buchtgegend sowie auf eine nahe gelegene Favela schlicht fantastisch.

Den Tag lassen wir am Corcovado-Berg hoch über der Stadt ausklingeln. Vom Parkplatz aus ist der Gipfel des Corcovado nur per Spezialbus erreichbar. Wir schaffen es gerade noch bis zum Sockel der beeindruckenden Christusstatue. Dort geniessen wir den 360-Grad-Panoramablick, gefolgt von einem goldenen Sonnenuntergang.

Ausflug in die Santa-Marta-Favela

Rios Slums sind fast so berühmt wie die Strände der Stadt. Einige der neueren Favela-Siedlungen waren ursprünglich als provisorische Wohnunterkünfte gedacht. Aber als die Stadt es versäumte, genügend Sozialwohnungen für alle umgesiedelten Bewohner bereitzustellen, halfen sich die Menschen eben selbst. Nach unzähligen Polizeirazzien und einem berühmten Musikvideo von Michael Jackson herrscht in den meisten Favelas heute keine Bandengewalt mehr. Einige Favelas, wie beispielsweise Santa Marta, sind inzwischen sogar für Touristen zugänglich.

Im Vorfeld unserer Rio-Reise haben wir die ethische Vertretbarkeit eines Favela-Besuchs diskutiert. Eine kurze Web-Suche offenbarte eine Reihe von Ausflugsmöglichkeiten, die von Safari-Durchfahrten im Hummer-Geländewagen bis hin zu Führungen (zu Fuss) mit bildendem Charakter reichten. Für den zweiten Tag unseres Rio-Aufenthaltes haben wir eine offiziell akkreditierte Favela-Tour gebucht und somit Gelegenheit, einige Bewohner im Santa-Marta- Viertel persönlich zu treffen. Die Wahl des Tour-Veranstalters wurde wesentlich durch den Umstand getragen, dass die Favela Santa Marta Tour mit einem Teil der Eintritts- und Trinkgelder die lokale Sambaschule unterstützt.

Der Besuch erweist sich als wichtige Erfahrung und als Gelegenheit, die Alltagsrealität der Millionen von Cariocas etwas besser zu verstehen. Während wir zu Beginn der Tour noch davon ausgehen, dass wir den Bewohnern, die wir antreffen, Geld oder Essen spenden sollten, wird schnell deutlich, dass dies nur ein Tropfen auf den heissen Stein wäre. Eine Verbesserung der Lebensbedingungen in den Favelas, die schon längst Bestandteil von Rio sind, kommt einer Herkulesaufgabe gleich.

Unsere auf Strassenkunst spezialisierte Führerin zeigt auf ein auffälliges Bild an einer Mauer vor einer anderen Favela. Darauf abgebildet sind ein junges Mädchen und eine alte Frau. Sie erklärt: „Graffiti dient auch oft dazu, wichtiger Ereignisse in einer Gemeinde zu gedenken – sei es zur Erinnerung an einen verstorbenen Gemeindeführer oder um einem beliebten Geschäftsinhaber Anerkennung zu zollen.

In anderen Fällen wird Mauerkunst auf Auftragsbasis für Firmenwerbezwecke eingesetzt.“ Ob im Auftragsverhältnis oder mit dem Einverständnis des Eigentümers der jeweiligen Mauer: Seit 2009 ist Strassenkunst legal in Brasilien. Die Änderung eines diesbezüglichen Bundesgesetzes war ein recht mutiger Schritt seitens der brasilianischen Regierung. Die Auswirkungen dieser Gesetzesänderung sind heute praktisch an jeder Ecke Rios zu sehen – in den Favelas, aber auch in gehobenen Wohngegenden. Hier sehen wir ein Bild, an dessen Entstehung verschiedene berühmte Graffitikünstler mitgewirkt haben. Gemeinsam haben sie die Mauern eines Friseursalons gestaltet.

Unser Ausflug durch die Strassen von Rio endet in einer Mikrobrauerei in Leblon. Dort geniessen wir zusammen mit anderen Tour-Teilnehmern ein kaltes Bier und versprechen uns gegenseitig, in Kontakt zu bleiben. Es wird bald dunkel – und uns zieht es an den nahen Ipanema-Strand.

Zwei Sonnenuntergänge in Rio sind nicht genug

Nun, mathematisch gesehen umfasst ein dreitägiger Aufenthalt zwei Sonnenuntergänge. Wir haben uns ganz bewusst vorgenommen, beide in voller Pracht mitzuerleben. Umso glücklicher sind wir jetzt darüber, nur einige Strassenblocks von jenem Strand entfernt zu sein, dem der schönste Sonnenuntergang von ganz Rio nachgesagt wird.

Kenner sichern sich bereits lange vorher einen Platz auf dem Arpoador-Felsen. Und als die Sonne hinter dem „Berg der zwei Brüder“ verschwindet, bekommen wir trotz Rio-Hitze eine Gänsehaut. Wir gehören zu den wenigen, die an diesem Abend das Privileg haben, Zeuge dieses Naturspektakels zu werden. Hätte es die Zeit erlaubt, hätten wir den Gipfel des Bergs der zwei Brüder ebenfalls bestiegen, um auch dort die untergehende Sonne zu bestaunen.

Freunde haben uns ermahnt, die Copacabana nachts zu meiden. So weit alles klar. Aber auch tagsüber tut man gut daran, Schmuck, Schweizer Uhren und digitale Kameras im Hotelsafe aufzubewahren. Dasselbe gilt übrigens fast überall in Rio. Die beste Taktik lautet, nicht aufzufallen und Ärger zu vermeiden. Zugegeben, wir hatten zunächst gewisse Bedenken über die Sicherheitsbilanz der Stadt. Letztendlich fühlten wir uns in Rio jedoch nicht weniger sicher als in jeder anderen Grossstadt Nord- oder Südamerikas. Unser dreitägiger Rio-Aufenthalt hat uns erlaubt, nicht nur die touristischen Sehenswürdigkeiten zu besuchen, sondern auch einen Einblick in die örtliche Kultur zu erhaschen. Vom lebendigen Strandtreiben über Kunst und Kultur bis hin zu den Favelas: Rio de Janeiro wartet mit einer Fülle von Erlebnissen auf! Wenn wir dem Rio-Erstbesucher nur einen Ratschlag geben dürfen, dann diesen: Planen Sie Ihre Tagesaktivitäten so, dass Sie rechtzeitig zum Sonnenuntergang am Ipanema-Strand oder auf dem Corcovado-Berggipfel sind. Sie werden es bestimmt nicht bereuen! Und was diese zwei Reisenden betrifft: Wir fragen uns, wie wohl der Sonnenuntergang vom Gipfel des Zuckerhutes aussehen mag. Um das herauszufinden, scheint eine weitere Reise nach Rio unumgänglich!

(Text: Newly Swissed)