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„Brasilien gab mir die Möglichkeit, meinen Traum zu verwirklichen“

Sie war eine der ersten Schweizerinnen, die es in Heidi Klums TV-Castingshow „Germany’s Next Topmodel“ schaffte. Mittlerweile lebt, liebt und arbeitet Raquel Alvarez in Rio de Janeiro und ist eine gefragte Designerin.

„In Rio ist alles ein bisschen langsamer. Das meine ich nicht negativ, im Gegenteil. Auch wenn ich mich erst daran gewöhnen musste. Die entspannte Haltung in der Stadt steht im totalen Gegensatz zu den Schweizer Gewohnheiten. Sie macht es dafür jungen Kreativen viel einfacher, wahrgenommen zu werden. In Rio konnte ich in Boutiquen und Shops reinstiefeln, ihnen meine Kollektion zeigen und sagen: ‚Hey, hier sind meine Sachen, wollt ihr sie verkaufen? ‘ In der Schweiz ist so etwas undenkbar. Als bisheriger Höhepunkt adelte die brasilianische ‚Vogue‘ meine Marke ‚Wymann‘ als ‚Label to have‘. Für mich die grösste Ehre. Brasilien gab mir die Möglichkeit, meinen Traum zu verwirklichen und meine Kreativität voll auszuleben. Und irgendwo dazwischen habe ich dann auch noch meine grosse Liebe, Filipe, kennengelernt. Das alles klingt ein bisschen wie ein modernes Märchen – ich bin unendlich froh, dass es wahr ist.

Fotos: Edelweiss/Alexander Wicherski/Pedro Kirilos,Riotour

Brasil-Feeling

Jeden, der ein bisschen Zeit mitbringt, warne ich davor, ein straffes Sightseeing-Programm durchzuziehen. Dann läuft man Gefahr, den wahren Zauber von Rio gar nicht mitzubekommen. Klar gibt es viel zu sehen. Einige Dinge davon, zum Beispiel die Cristo-Statue, sollte jeder einmal mit eigenen Augen bewundert haben. Übrigens bringt eine Schweizer Zahnradbahn die Besucher hoch zum ‚Erlöser‘. Sie fährt direkt vor meinem Atelier ab. Wichtiger als die Sehenswürdigkeiten abzuklappern, ist es aber, sich dem Flow der Stadt hinzugeben und sich von den Einheimischen, den Cariocas, mitreissen zu lassen. Es geht um dieses besondere Lebensgefühl: feiern, lachen – das ist Rio! Genau das ist es auch, was bei mir bis heute für ein Feriengefühl sorgt. Manchmal fällt es mir schwer zu glauben, dass ich an diesem Ort leben und arbeiten darf.

Gut aufgeteilt

Die verschiedenen Viertel in Rio de Janeiro haben alle ihre eigenen Reize. Bekannt und beliebt ist Ipanema. Nicht nur der Strand, sondern auch das direkt angrenzende Grossstadtviertel. Diese Kombination ist einzigartig und sehr interessant, auch wenn die Welt der Schönen und Reichen nur einen sehr kleinen Teil von Rio ausmacht. Santa Teresa ist ein hippes In-Viertel, das gerade sehr im Kommen ist. Hier befindet sich beispielsweise das Kulturzentrum ‚Parque das Ruinas‘, mit guter Musik, Kunst im ganzen Haus und einer tollen Aussicht auf der Dachterrasse. Auch sehenswert: Jardim Botânico. Wie der Name schon vermuten lässt, liegt in diesem Viertel der Botanische Garten. Neben aussergewöhnlichen Pflanzen finden sich hier auch viele Shops, die man anderswo kaum findet, etwa die Boutique ‚Os/On‘. Hier bekommt man auch Teile meiner Kollektion.

Stadt der Künstler

Für alle Kreativen ist Rio ein Paradies. Wohl auch deshalb fühlen Filipe und ich uns hier so wohl. Mein Mann arbeitet in der Filmbranche. Wir sind beide kreative Köpfe, sprudeln vor Ideen. Hier haben wir die Möglichkeiten, sie auszuleben. Wenn man durch die Strassen läuft, entdeckt man an jeder Ecke etwas Besonderes, irgendeine Art von Kunst. Das kann eine weltbekannte Attraktion sein, wie die Escadaria Selarón, oder eine kleine Ausstellung einheimischer Künstler in einem Hinterhof. Beides ist auf seine Weise beeindruckend. Die vielen Museen in Rio sind ebenfalls einen Besuch wert – etwa das ‚Museu do Amanha‘, das ‚Museum of Tomorrow‘, das schon von aussen beeindruckt. Der Stararchitekt Santiago Calatrava entwarf das aussergewöhnliche Bauwerk. Innen dreht sich alles um die grossen Fragen der Menschheit – Wer sind wir? Woher kommen wir? Wo wollen wir hin? Wie wollen wir das erreichen? Alles vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeit und einem gesteigerten Umweltbewusstsein. Ich finde es wichtig, dass solche Themen in Rio vermehrt aufgegriffen werden. Mich persönlich trifft man übrigens häufig im ‚Museu de Arte Naïf‘ an. Es ist nur ein paar Gehminuten von meinem Atelier entfernt und hat eine hübsche, bunte Dauerausstellung. Mein persönliches Highlight dort ist das organische Essen, das man im gemütlichen Garten geniessen kann.

Schöne Nachbarschaft

An freien Tagen unternehme ich mit Freunden ab und zu einen Ausflug in Rios Nachbarstadt Niteroi. Wer im Urlaub mobil ist, dem kann ich diesen Trip nur empfehlen. Mit der Fähre oder via Brücke kommt man in recht kurzer Zeit hin. Dort steht unter anderem das ‚MAC‘, Museum der Zeitgenössischen Kunst, gebaut von Oscar Niemeyer. Ähnlich wie das ‚Musuem of Tomorrow‘ ist es schon allein wegen der Architektur ein echtes Highlight. Natürlich begeistert es aber auch von innen. Bei schönem Wetter geht es für uns danach noch in den ‚Parque da Cidade‘. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist er schwierig zu erreichen. Die Aussicht von dort entlohnt allerdings für die Anreise.

Beach-Day

Das Strandleben gehört in Rio einfach dazu. Es ist ein fester Bestandteil im Alltag von allen Einheimischen, genauso wie von den Besuchern und Touristen. Nur die Wahl der Strände unterscheidet sich hier und da. Die Copacabana und Ipanema sind die Markenzeichen der Stadt. Ein Besuch ist Pflicht. Am besten bewegt man sich hier mit dem Velo oder auf Rollerskates fort – die Strassen sind für Autos meist gesperrt, sodass man ungestört radeln kann. Entspannen kann man besser an kleineren, weniger kommerziellen Stränden. Filipe und ich fahren oft nach Joatingua. Das ist auch so ein Rio-Ding: Obwohl man selten etwas Festes abmacht, trifft man hier eigentlich immer Freunde und Bekannte, geht dann gemeinsam zum Mittagessen oder auf einen Drink in die Stadt. Dieses ungezwungene, spontane Leben ist es, was Rio für mich ausmacht. Es gibt mir ein Gefühl von Unbeschwertheit und Freiheit. Fast wie ewige Ferien.“

Raquels Top 3 in Rio:

1. Take me to the Sea(-Food): Die Strände sind ruhiger, der Lunch hervorragend: Wer sich am Grumari-Beach sonnt, stillt seinen Hunger am Mittag am besten mit den Meeresfrüchten im „Bora“, die Aussicht auf die Lagune gibt es inklusive (Estrada da Vendinha, 68 A, Barra de Guaratiba, Rio de Janeiro / RJ).

2. Kulturtag: Wer Museumstouren mag, sollte einen Tag in den Kulturstätten im Zentrum einplanen. Immer wieder finden hier spannende Projekte statt, die Denkanstösse geben, etwa in der „Casa Franca Brasil“ (Rua Visconde de Itaborai, 78, Centro, Rio de Janeiro / RJ).

3. Stilechte Abendgestaltung: Mit Drinks und Pferderennen kann man den Abend im „Joquei Club“ typisch brasilianisch ausklingen lassen. Die Bar „Palafita“ bietet die besten Caipis in cooler Umgebung (Av. Bartolomeu Mitre, 1.314, Gávea / RJ).

(Text: Malin Mueller)