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Zigarren, Schnaps und Kokosnüsse

Wer an die Dominikanische Republik denkt, hat meist ein Bild von Palmen, goldfarbenem Strand und türkisblauem Meer im Kopf. Günther Schichl aus Österreich wurde das bald zu langweilig. Er ging unter die Landwirte und baute sich aus einer Idee ein kleines Imperium.

„Wir haben gerade eine riesige Ladung unserer Kokosprodukte verschickt. Öl, Milch, Wasser, der Markt boomt, wir haben gut verkauft“, berichtet Günther, der zwischen all seinen Terminen gerade noch so einen Slot für ein kurzes Gespräch gefunden hat. Sein Geschäft läuft gut. Woran Günther gerade arbeitet, weiss man nie so genau. Sicher ist nur, dass er schon die nächste Idee hat. Der Linzer, der vor elf Jahren in die Karibik kam, ist ein echter Workaholic. Trotzdem, sagt er, lebt er in der Dominikanischen Republik um einiges entspannter als in Europa.

Fotos: zvg

Angekommen im Paradies

Günther kommt eigentlich aus der Architektur-Branche. In Österreich arbeitete er mit recycelbarem Polyurethan, war eine “One-Man-Show” und regelte alles allein. Heute gibt er zu, dass er sich in jungen Jahren mit dieser Aufgabe übernommen hat. Nachdem seine Gesundheit und sein Privatleben anfingen, unter der Situation zu leiden, zog er die Reissleine: Er brach seine Zelte in Österreich ab und ging in Richtung Paradies.

„Ich war nicht mehr bereit für die nicht enden wollende Arbeit und die vielen Überstunden. Ich bin irgendwann krank geworden.” Gemeinsam mit einem Freund plante er eine lange Zeit Urlaub. Auch wenn er diesen zu Anfang genoss – das Arbeitstier in ihm war mit der Situation nicht lange glücklich. Er suchte sich eine neue Aufgabe mit folgendem Kompromiss: “Für mich ist es wichtig, dass ich jede Woche zwei Tage komplett frei habe. Und das geht jetzt. Zu Hause habe ich nicht einmal Handyempfang.” Den braucht er auch nicht, Günther ist selbst an seinen freien Tagen genug beschäftigt: Er ist Vater geworden und hat sich mit einem Bullterrier noch einen zweiten lang gehegten Wunsch erfüllt. Dieses kleine Familienidyll entschädigt für die hektischen Wochentage, die ihm aber nicht weniger lieb sind.

Karibischer Exportschlager aus Österreich

Sein erstes Projekt in der neuen Heimat: Zigarren. Der Exportschlager der Karibik faszinierte den Raucher von Beginn an. “Es war wohl einfach meine Liebe zu Tabak, die mich zu den Zigarren brachte.” Wichtig war ihm, vom Anbau auf dem Feld über die Trockenscheune und die Fermentierung bis hin zum Zigarrenrollen dabei zu sein. Die Prozesse laufen dabei etwas anders ab als in Europa: “Die Industrialisierung ist hier noch nicht angekommen”, erzählt Günther. “Auf den Feldern wird mit Eseln und Macheten gearbeitet, selbst hektarweise Zuckerrohr wird nach wie vor von Hand geerntet. Vieles ist noch wie vor 100 Jahren.” Wer sich an den neuen Maschinen versucht, versteht schnell, warum das so ist. Einerseits fehle die Expertise, andererseits setzen auch die hohen Temperaturen und die Feuchtigkeit den Geräten zu, die Instandhaltung sei schwierig. Einige Dinge vereinfachen die alten Technologien aber auch: “Ohne die neuen Methoden können wir sichergehen, dass alles ökologisch bleibt. Pestizide und Co. sind hier kein Thema.” Auch mit den althergebrachten Möglichkeiten gelang Günther der Erfolg. Bald war er mit seiner Tabacalera – der Tabakfarm – Produzent für namhafte Zigarrenmarken. Dass er nur im kleinen aber ausgewählten Stil produziert und dass seine Zigarren von Anfang bis Ende aus dominikanischer Herstellung stammen, kommt gut an. Den kleinen, österreichischen Einfluss von Günther nicht mitgezählt.

Auf zu neuen Früchten

Dem fleissigen Aussteiger war dieses Standbein bald nicht mehr genug. Kaum hatte er etwas Eigenkapital erwirtschaftet, suchte er nach neuen Aufgaben, um zu investieren. Der Landwirtschaft blieb er dabei treu: Kurkuma, Kakao, Maracujas, Ananas und zuletzt Kokosnüsse baute er an und verarbeitet diese teils auch weiter. Sein Maracujaschnaps ist ein Kassenschlager. Die Geschäfte mit den jeweiligen Produkten geht er immer nach dem gleichen Prinzip an: Er investierte Kapital, baut ein Produkt von Anfang an auf und präsentiert das fertige Ergebnis den Investoren. “Wenn sie sehen können, wie das Endprodukt aussieht, riecht und schmeckt, fangen sie Feuer. Wer nur von Visionen spricht, hat es schwer, jemanden zu überzeugen.” Eine Herzensangelegenheit des Österreichers ist es zudem, auch der ländlichen Bevölkerung etwas abzugeben. “Man darf nicht vergessen, dass die Dominikanische Republik bei all den Palmen und dem schönen Meer immer noch ein Entwicklungsland ist. Daher stelle ich viele Einheimische bei mir ein und zeige ihnen das Handwerk. Wenn sie die Prozesse in der Landwirtschaft verstehen, können sie sich auch selbst etwas aufbauen.” Die fehlende Expertise im Land macht es aber auch Günther ab und an schwer: Seit Jahren versucht er, ein Öko-Siegel für seine Produkte zu bekommen. Die Anforderungen erfüllt er längst – allerdings gibt es bisher kaum Prüfstellen in der Umgebung. Der findige Österreicher versucht nun, die Zertifizierungen voranzutreiben. Auch, weil gerade in den Importländern eine grosse Nachfrage nach Produkten mit dem Bio-Siegel herrscht.

Öko de luxe

Dass ihm das Thema am Herzen liegt, merkt man an seinem aktuellen Mammut-Vorhaben: Auf der Halbinsel Samaná ist Günther als Projektleiter für ein Luxus-Eco-Resort engagiert worden: Auf 1’200 Hektar wird eine Appartementanlage errichtet, die weitgehend autonom sein soll. Gemüse und Früchte werden direkt auf dem Hotelgelände angepflanzt und weiterverarbeitet. “Die Gäste sollen die Möglichkeit bekommen, vor dem Frühstück aufs Feld zu gehen und sich Teeblätter für den Frühstückstee pflücken zu können. Strom kommt aus Solarenergie, Wasser sparen wir wo immer möglich”, berichtet Günther. Für das Konzept, das die Verarbeitung von Naturprodukten von Anfang bis Ende vorsieht, brennt der Linzer. Und auch sich selbst tut er mit der Neuerung in seinem Leben einen grossen Gefallen: Der neue Standort gefällt ihm nämlich so gut, dass er mit seiner kleinen Familie ebenfalls nach Samaná ziehen wird. Die Provinz mitsamt gleichnamiger Halbinsel im Nordosten des Landes ist zwar etwas teurer, dafür aber auch noch ein Stückchen idyllischer. So kann Günther, anders als damals in Österreich, an seinen zwei freien Tagen die paradiesische Ruhe geniessen. Kein Wunder, dass er nicht mehr nach Österreich zurück möchte. Das Einzige, was er vermisst: “Steirisches Kürbiskernöl!”

Text: Malin Müller