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Where the wild Things are

Orlando ist bekannt für seine Hightech-Attraktionen. Doch auch die Wildnis in der Umgebung bietet Action und Abenteuer.

In Downtown sieht Orlando wie eine ganz normale Grossstadt aus. Hochhaus-Klötze mit Büros und Geschäften, zugeparkte Strassen, Bars und Restaurants, die sich abends mit anständig gekleideten Menschen füllen. Es sind dieselben, die tagsüber als Goofy oder Spiderman herumlaufen, Eis verkaufen und Achterbahnen bedienen. Fast jeder in der sogenannten US-Ferienhauptstadt arbeitet in einem Themenpark. Über 100 gibt es davon.

Fotos: Carsten Heinke

Abenteuer abseits vom Rummel

Dass Spass und Nervenkitzel auch ohne Strom und Temporausch zu haben sind, beweisen Nationalparks und Ökofarmen in der Umgebung. Selbst Freizeitparks im Stadtgebiet setzen auf Natur. Zum Beispiel «Gatorland». Ein lebendes Fossil mit gezacktem Lederpanzer döst unter einer Palme. Im rosafarbenen Maul blitzen spitze Zähne. Das Tier ist etwa so lang wie ein Mittelklassewagen – und einer von 1750 Mississippi-Alligatoren, die in Gatorland zu Hause sind. Wer möglichst viele von ihnen sehen will, geht auf Entdeckungstour durch die Gehege. In diesen schlummern stille Sumpflandschaften vor sich hin. Kleine Seen und Wasserläufe, die zum Teil direkt mit den Everglades verbunden sind, leuchten in der Sonne. Oft sieht man erst auf den zweiten Blick, wie viel Leben darin wimmelt – im «Zuchtsumpf» etwa, wo Alligatoren für Nachwuchs sorgen. Umgeben ist der Teich von Schilf und Gebüsch, in dem Kraniche und Reiher nisten. Vom hölzernen Spaziersteg, der durch Zäune geschützt ist, kann man die Tiere aus der Nähe beobachten. Ebenso von einem Aussichtsturm aus.

Der Herr der Echsen

Ein paar Vögel nutzen die schwimmenden Alligatoren als Rastplatz. «Meistens passiert ihnen dabei nichts», sagt Timothy Williams. Der dauerlächelnde Mann mit den kräftigen Unterarmen ist so etwas wie der «Herr der Echsen». Die Skulptur vor dem Geschichtsmuseum in Orlandos Stadtzentrum könnte ihm gewidmet sein. Wie der Bronze-Cowboy aus dem 19. Jahrhundert, der dort auf einem Alligator sitzt, ist Tim ein Gator-Wrestler. Er kann ein ausgewachsenes Reptil bändigen – ohne Waffen und ohne es zu töten oder zu verletzen.

Kampf mit Kraftpaketen

Das Ringen mit den Urzeitkreaturen hat Tradition in Florida. «Die Ureinwohner nutzten die Kampftechnik sowohl zum Fang der Alligatoren als auch zur unblutigen Selbstverteidigung», sagt Tim. Später schützten Rinderzüchter damit ihre Herden und stellten ihr Können öffentlich zur Schau. Bis heute ist das Gator-Wrestling Teil der Regionalkultur. Im Park steht es auf dem täglichen Programm. «Die rauflustigen Echsen haben Spass am Kräftemessen», sagt Tim. Als Sohn eines Abenteurers und einer Pfadfinderin wuchs er in der Natur auf. «Wir waren oft mit dem Zelt in der Wildnis unterwegs», erinnert er sich. Heute gibt der siebenfache Vater und vierfache Grossvater sein Wissen an Kinder und Enkel weiter.

Mit 68 Jahren ist Tim genauso alt wie Gatorland, der älteste Themenpark in Orlando. Als der Alligatorenexperte hier als Berater anfing, stellte er das Konzept des Echsenzoos gehörig auf den Kopf. Seine Grundidee: das Publikum unterhalten und die Tiere beschäftigen. Denn obwohl diese in naturnahen Gehegen leben, sind sie in ihrer Bewegung eingeschränkt. «Jeder Alligator hat seinen eigenen Charakter. Deshalb musst du wissen, wem du welchen Job gibst», sagt der Mann, der die bis zu sechs Meter langen Energiepakete dazu bringt, auf Namen und Kommandos zu hören. Wer sich nicht zum Ringen eigne, könne sich bei den Shows als Fotomodel nützlich machen oder sein Naturtalent im Springen zeigen.

Meerjungfrauen in der Märchenlandschaft

So ungestüm sich die Natur von Florida auch zeigen kann, so viel Sanftes lässt sich in ihr entdecken. Dass sich auch leise Augenblicke abenteuerlich anfühlen können, erfährt man im «Blue Spring State Park». Langes, graues Feenhaar hängt von knorrigen Eichen. Es soll einst das Haupt einer Prinzessin geschmückt haben, die am Tag ihrer Hochzeit starb, so der Indianer-Mythos. Der schwarze Schopf des Mädchens sei zwischenzeitlich ergraut, heisst es, aber wachse seither von Ast zu Ast. Das Feenhaar verwandelt das waldige Naturschutzareal entlang der Ufer des St. John’s River in eine schaurig-schöne Märchenlandschaft. In ihrem Zentrum finden sich Quellen, die den Ursprung des Flusses bilden.

Im klaren Nass der «Blauen Quelle» entdeckt man die Konturen jener Wesen, die Christoph Kolumbus zuerst für Meerjungfrauen hielt. Ihr Äusseres jedoch enttäuschte ihn. Sie trügen viel zu «männliche Züge», schrieb der Amerika-Entdecker 1493 in sein Logbuch, nachdem er sie aus der Nähe gesehen hatte. Von Seekühen oder Karibik-Manatis hatte der spanische Seefahrer nie gehört. An diesem schönen Morgen schwimmt ein Weibchen mit seinem Baby zur Aussichtsplattform. Das Muttertier ist drei Meter lang, grau und unförmig. Seine Gestalt ähnelt einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Aus der faltigen Haut wachsen Borsten, um Mund und Nase trägt es einen Bart. Seine Augen blicken so traurig, dass in ihnen etwas Liebenswertes liegt.

Rettet die Manatis

Cora Berchem macht ein Foto. Die Wissenschaftlerin im marineblauen Club-T-Shirt arbeitet für den «Save the Manatee Club», eine gemeinnützige Organisation zum Schutz der Seekühe. Sie dokumentiert das Verhalten der Tiere in diesem Park. «Die nächsten Verwandten der Manatis sind die Elefanten», erklärt die junge Deutsche. Im Gegensatz zu diesen würden sie das Wasser allerdings nie verlassen. Die Quellen des Blue Spring State Parks sind für die Seekühe das ideale Winterquartier. Zwischen November und März, wenn die Wassertemperaturen unter 20 Grad sinken, versammeln sich hier Hunderte Tiere. Die grösste aller Quellen ist konstant 22,5 Grad Celsius warm. Da die Seekühe nur eine dünne Fettschicht haben, vertragen sie tiefere Temperaturen schlecht. Lediglich zum Seegrasfressen kehren sie in den kühlen Fluss zurück.

Das Seekuhkalb am Besucherdeck bekommt noch Muttermilch. Zärtlich wendet sich die Kuh ihm zu. Cora zeigt auf eine grosse Narbe an der Flanke des Tieres: «Vor zwei Jahren wurde sie im St. Johns River durch eine Schiffsschraube verletzt. Zum Glück fanden wir sie rechtzeitig und konnten sie retten», sagt die 35-Jährige. Unfälle durch Boote sind im Sommer an der Tagesordnung. Im traurigen Rekordjahr 2016 wurden 520 Manatis getötet. Auch wenn die Population der Karibik-Manatis in Florida in den vergangenen 16 Jahren von 1267 auf 6620 gestiegen ist, gilt die Spezies noch immer als gefährdet. Um sie nicht zu stören, dürfen Besucher im Winter Wanderwege und Beobachtungsplätze nicht verlassen.

Über Sümpfe fliegen

Outdoor-Abenteuer in ursprünglicher Natur bietet ebenso die Erlebnis-Ökofarm «Forever Florida». Mit der Erhaltung eines Stücks Urwald haben Margaret und William Broussard ihrem jung verstorbenen Sohn Allen ein lebendiges Denkmal gesetzt. Bei seinen Forschungen als Biologe hatte er viel Zeit in diesem Wald verbracht. «Setzt eure Helme auf! Wir steigen jetzt nach oben», sagt Cole Houston. Der Tour-Chef mit dem schulterlangen blonden Haar begleitet eine Gästegruppe auf einer Zipline-Safari, einer Tour, bei der man an langen Drahtseilen durch den Urwald flitzt. Nach ein paar Hundert Stufen ist das Oberdeck des ersten Turms erreicht. Was für eine Aussicht! Ringsum Wildnis. Grün in allen Tönen bis zum Horizont. Kronen von Kiefern, Palmen, Eichen und Zypressen. Die Vorfreude wächst.

Noch sind die Holzlatten der Startplattform unter den Sohlen zu spüren. Doch die Fussspitzen ragen bereits darüber hinweg. Bis zum Boden sind es mehr als 20 Meter. «Keine Angst, ihr seid supersicher», beruhigt Cole die Gruppe und überprüft, ob alles richtig sitzt. Jeder trägt ein Gurtgestell. Mittels Karabinerhaken und zwei Leinen hängt man sich damit an die Rolle auf dem Doppeldrahtseil. «Geniess es!», sagt der 26-Jährige. Und ab geht die Post. Surrend gleitet man, die Beine in der Luft baumelnd, durch die oberen Etagen des Urwalds mit maximal 32 Stundenkilometern. Teils führt der Weg von Baum zu Baum, teils über die Kronen. Ein Gefühl von Freiheit breitet sich aus, das unbeschreiblich glücklich macht. Die Vogelperspektive zeigt das 2000 Fussballfelder grosse Biotop in seiner ganzen Vielfalt. Mal bleibt der Blick an einer Pinienkrone hängen, mal versinkt er im Gewirr aus Ästen und Blättern alter Eichen. Durchs Dickicht funkeln klare Wasserläufe und die schwarzen Spiegel schlammiger Sumpfgewässer. Ebenfalls zu sehen: eine Gruppe Reiter und zu offenen Bussen umgebaute Landwirtschaftsfahrzeuge, die sogenannten Trail Buggies. Denn die Natur der Ökofarm kann man auch fahrend oder hoch zu Ross erkunden. Die wilden Tiere, die hier leben, scheint all das nicht zu interessieren. «Sie wissen, dass die Menschen für sie ungefährlich sind», hat Cole zuvor gesagt. Manche Vögel bauen ihre Nester so nahe am Parcours, dass man beim Ziplinen hineinschauen kann. Ein Reiher schwingt sich auf. Zwei Hirsche grasen ungestört. Sumpfschildkröten lassen sich in eine Lache plumpsen. Sogar ein Gürteltier ist aus der Luft zu sehen. Was für ein Abenteuer. Ganz ohne Rummel.

Tipps

Author’s Choice ;;; Weniger als eine Stunde braucht der Seafood vom Atlantik bis in Orlandos «Big Fin Seafood Kitchen» – für mich das beste Restaurant der Stadt. Es ist preisgekrönt, stylish, die Atmosphäre ist lebendig und doch angenehm, die Bedienung sehr aufmerksam. Meine persönliche Empfehlung: der «Big Fin Shells & Tails Platter» mit Hummer, Königskrabben, Shrimps und Austern. Kostet 48 USD und reicht für zwei. ;;; (www.bigfinseafood.com)

Gatorland ;;; Der Erlebnistierpark in Orlando zeigt Alligatoren in Teich- und Sumpflandschaften, die man über hölzerne Stege und Brücken erkunden kann. Angeboten werden verschiedene Shows und Touren, unter anderem eine einstündige nächtliche Wanderung. ;;; (www.gatorland.com)

Blue Spring State Park ;;; Das staatliche Naturschutzgebiet 45 Autominuten nördlich von Downtown Orlando umfasst Wald, Quellen und Teile des St. Johns River. Von Mitte November bis Mitte März kann man hier Karibik-Seekühe beobachten. Die Gewässer sind in dieser Zeit tabu. Ansonsten kann man hier schwimmen, schnorcheln, tauchen, Kanufahren und angeln. ;;; (www.floridastateparks.org/park/Blue-Spring)

Forever Florida ;;; Die Erlebnis-Ökofarm eine Autostunde südlich von Downtown Orlando bietet Zipline-Touren, geführte Reitausflüge sowie Rundfahrten im offenen Geländefahrzeug (Trail Buggy) an. ;;; (www.foreverflorida.com)

Text: Carsten Heinke und Brian Blanco