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Marrakesch - Stadt der Oasen inmitten grossartiger Verrücktheit

Wenn einem zu Hause die Decke auf den Kopf fällt und es draussen wieder einmal grau ist, gibt es nur eine Kur: Tapetenwechsel. Eine Reise in eine andere Umgebung, exotisches Essen, warmes Klima, neue Eindrücke und eine Portion Verrücktheit, die einen aus dem Alltagstrott rauskatapultieren. Die perfekte Destination dafür ist Marrakesch. Denn die rote Stadt, das Eintauchen in eine Welt aus 1001 Nacht, begeistert, verzaubert - und überfordert auch manchmal im besten Sinn des Wortes. Ein Erlebnisbericht.

Beim Aussteigen aus dem Flugzeug - der Flug von Zürich dauert gerade mal dreieinhalb Stunden - fühle ich mich einfach nur gut. Warme Luft küsst mich. Ja, ich bin auf der Sonnenseite des Lebens angekommen, denke ich und geniesse die Taxifahrt in die Altstadt Marrakeschs, die Medina. Mein Fahrer lässt einen Schwall arabischer Worte raus und gestikuliert wild. Ich verstehe kein Wort. Egal - er lächelt. Seine Welt scheint in Ordnung zu sein. Und meine ist es auch. Die graue, nasskalte Schweiz ist vergessen. Und nach gefühlten hundert Auseinandersetzungen mit anderen Verkehrsteilnehmern hält der Fahrer auf einem mittelgrossen Platz an. Ein Junge nimmt meinen Koffer, ich eile ihm durch die verwinkelten Gassen nach, und die Medina verschlingt mich.

Fotos: Martin Hoch

Verloren im Labyrinth, zu Besuch bei den Gauklern

Bei Einbruch der Dunkelheit steuere ich durch das Labyrinth der Medina. Mein bester Freund: Google Maps. Auch wenn der blaue Punkt immer mal wieder durch eine parallel verlaufende Gasse cruist und mich mehr als einmal in die Irre führt - er bleibt meine "Krücke".

Schliesslich erreiche ich ihn - den tausendfach beschriebenen Platz Djemaa el Fna. Dies ist der Ort der Wahrsager, Gaukler und Geschichtenerzähler. Aber auch der grösste Open-Air-Saftladen, den ich kenne: Dutzende Händler bieten frischen Orangen- und Granatapfelsaft an. Köstlich! Und hier befindet sich auch - ich verliere mich in Superlativen - das grösste Restaurant Marokkos. Unzählige kleine Garküchen stehen dicht beieinander, als gehörten sie zusammen und bieten marokkanische Köstlichkeiten an. Ein Geheimtipp ist Stand 32: "Chez Hassan" an der südwestlichen Ecke des Platzes.

Frühmorgens ist die Welt noch ruhig

Ausschlafen? Nicht bei Städtetrips. Denn während die anderen Touristen noch träumen oder sich zusätzliche Kilos an überdimensionierten Frühstücksbuffets anfuttern, findet draussen "the real life" statt. Nie ist das Leben ungekünstelter, authentischer als am frühen Morgen. Kinder gehen zur Schule, Frauen tratschen vor den Haustüren, Handwerker gehen zur Arbeit und Händler bereiten sich auf den Tag vor. Niemand will etwas von mir. Keiner möchte mir etwas verkaufen. Keiner erklärt mir, dass seine Tonkrüge und Sandalen die schönsten sind und dass ich mit dem Kauf die hinkende Katze der Enkelin unterstützen werde. Und früh aufstehen hat noch einen anderen Vorteil: Wenn um 8 Uhr das meiner Meinung nach schönste Gebäude Marrakeschs, die ehemalige Koranschule Medersa Ben Youssef, öffnet, muss man es noch nicht mit den "Oh my god - it’s awesome"-Touristinnen oder den "Man müsste da längst mal renovieren"-Nörglern teilen. Um diese Zeit herrscht hier noch kein Gedränge, ist das Erlebnis noch ein Ego-Genuss.

Ich glaub, ich brauch eine Pause

Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, verflüchtigt sich dann jedoch innert kürzester Zeit jegliche Ruhe. Die Stadt beginnt zu pulsieren. Es fühlt sich gut an. Schnell überträgt sich die Energie auf mich. Ich gehe durch den Suq, den Markt, der sich über einen Grossteil der Medina erstreckt. Ich beginne zu feilschen, Tee zu trinken, über Gott und die Welt zu reden, weiter zu feilschen, den Handel abzubrechen, weiterzugehen, werde zurück gerufen, trinke noch mehr Tee, werde zu Mitleid aufgefordert und schliesse den Handel ab. Glücklich und erschöpft. Ja, auch das ist eine Seite Marrakeschs: Diese Stadt laugt einen aus - im besten Sinn des Wortes -, macht müde. Das Gewitter an Reizen fordert heraus. Wer bereits den Samstagseinkauf zu Hause als Hochleistungssport betrachtet, sollte auf dem Suq genügend Pausen einlegen. Denn es gibt einen einfachen Ausweg aus dem Getümmel: Cafés, wie das "Atay Cafe", deren Dachterrassen ein Ort des Rückzugs, ein Hort der Erholung sind. Und schon trinke ich wieder Tee - hier vertilge ich in zwei Tagen so viel Tee wie sonst in einem Jahr - und bin vom Blick über die Dächer Marrakeschs begeistert. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass es mich in die oberen Stockwerke der Altstadt zieht.

Lebendige Vergangenheit

In Marrakesch wird Geschichte lebendig. Dann nämlich, wenn man die historischen Paläste betritt. Der Bahia-Palast ist noch heute in gutem Zustand, ein Rundgang durch die Räumlichkeiten lässt erahnen, wie feudal hier Blaublüter einst hausten. Bereits mehr zur Ruine verkommen ist der El-Badi-Palast, ein über 400-jähriges Bauwerk. El-Badi bedeutet "der Unvergleichliche". Das trifft den Nagel auf den Kopf: Auch wenn nur noch Überreste des Palasts zu sehen sind, kann man doch klar dessen einstige extravagante Grösse erkennen.

Von Kultur noch nicht gesättigt, besuche ich gegen Abend die Maison de la Photographie. Zum einen wegen der Ausstellung über marokkanische Fotografien aus dem Zeitraum von 1870 bis 1950, zum anderen wegen des Sonnenuntergangs. Denn auf der Terrasse des Museums, so habe ich mir sagen lassen, sei der Genuss der letzten Sonnenstrahlen besonders reizvoll. Tatsächlich, es herrscht eine gedämpfte, romantische, beinahe philosophische Stimmung - ich werde richtiggehend sentimental. Zu einem gefühlsduseligen inneren Chaos kommt es jedoch nicht, da um 19 Uhr die Türen schliessen und ich, schneller als mir lieb ist, wieder durch die Gassen der Medina irre.

Ich geh dann mal "fremd"

Alleine in einer fernen Stadt - was macht man da abends? "Fremdgehen". Eigentlich ja nicht, aber heute schon: Trotz des schmackhaften, marokkanischen Essens entscheide ich mich für die italienische Küche. Und das Restaurant "I Limoni" macht mich glücklich. Hier sitze ich in einem ruhigen Patio unter Bäumen, während mir die Bedienung feine Pasta mit Parmesan und einem dunkelroten Wein bringt. Keine 30 Stunden nach Ankunft in Marrakesch habe ich das Gefühl, ich sei bereits eine Woche in den Ferien. Das ist für mich Marrakesch: kurze Flugzeit, eine riesen Portion Exotik und mentale Erholung innert kürzester Zeit.

3 Oasen im lebendigen Marrakesch:

1. Jardin Majorelle: Ein lauschiger Garten - voller Kakteen und Bougainvilleaen - ausserhalb der Medina. Vor knapp 100 Jahren legte ihn der französischen Maler Jacques Majorelle an, inzwischen gehört er dem französischen Modedesigner Yves Saint Laurent und seinem Lebensgefährten Pierre Bergé. (Rue Yves Saint Laurent, Marrakesh/Marokko, www.jardinmajorelle.com)

2. Café Clock: Ein Ort der Kultur und Kunst - alternativ angehaucht, mit einer wunderbaren Dachterrasse und richtig feinem Essen. Eine Oase in einer ruhigen Seitenstrasse. (Derb Chtonka, Marrakesh/Marokko, marrakech.cafeclock.com)

3. Restaurant Amal: Im "Amal Women's Training Center & Moroccan Restaurant" isst man hervorragend, und man unterstützt das Projekt auch gerne - hier wird benachteiligten Frauen eine Ausbildung und später eine Jobvermittlung ermöglicht. Das Restaurant liegt im Stadtteil Gueliz. (Rue Allal Ben Ahmed, Marrakesh/Marokko, amalnonprofit.org)

Text: Martin Hoch