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Die Garten-Insel

Die Bewohner Madeiras sind grosse Gartenfreunde. Sie entspannen in Parks, kultivieren üppige Privatgärten und wollen ihre Urwälder wiederbeleben.

"A trabalhar!", schallt eine Stimme – an die Arbeit! Es ist früher Samstagmorgen, doch auf dem 1’818 Meter hohen Pico do Arieiro, dem dritthöchsten Berg Madeiras, glüht schon die Sonne. Rund 30 Männer, Frauen und Kinder schwärmen über die kahlen Hänge aus, der Jüngste ist vier, der Älteste 85 Jahre alt. Die ehrenamtlichen Helfer hacken Löcher in den steinigen Boden, pflanzen struppige Setzlinge, umhegen diese mit Steinwällen, wässern sie.

"Wir machen das so lange, bis wir die Bergwüste in eine Oase verwandelt haben", sagt Raimundo Quintal. Der promovierte Geograf wirbelt hin und her, verteilt Ratschläge, packt mit an. Seit Jahrzehnten kämpft er in der Vereinigung der "Freunde des ökologischen Parks Funchal" dafür, dass die Gipfelzone des Pico do Arieiro wieder grün wird. Unzählige einheimische Bäume und Büsche haben sie bisher gepflanzt: Lorbeerbäume und Zedern-Wacholder, Baumheide, Strauchmargeriten und Madeira-Natternköpfe, deren Blüten die Berghänge im Frühling in ein sanftes Lila tauchen. "Hier oben arbeiten wir ohne Subventionen und ohne EU-Mittel", sagt Raimundo Quintal kämpferisch. So müssten sie auch nicht auf Wählerstimmen schielen. Raimundo ist der bekannteste Umweltschützer der Insel: Er hat Bücher über Madeiras Flora geschrieben, tritt regelmässig im Fernsehen auf und war acht Jahre lang Umweltstadtrat der Hauptstadt Funchal – bis er entnervt über die Politik das Handtuch warf.

Fotos: Oliver Gerhard

Die Natur neu aufbauen

Die karge Vegetation in Madeiras Bergwelt ist das Resultat jahrhundertelanger Fehlnutzung. Als portugiesische Seefahrer das damals unbewohnte Eiland im Jahr 1419 in Besitz nahmen, war es von Urwald bedeckt – sie nannten es deshalb "Madeira", übersetzt "Holz". Und machten sich gleich ans Roden, um Felder anzulegen. Sieben Jahre lang soll die Insel der Legende nach gebrannt haben. Die härtesten Hölzer verwendeten die Kolonisatoren, um Schiffe und Häuser zu bauen.

Mittagspause! Das Küchenteam verteilt dicke Weissbrotscheiben mit Hartkäse und Marmelade aus "uva-da-serra", Blaubeeren, die hier an bis zu vier Meter hohen Büschen wachsen. Und man sieht den Helfern an, dass sie die Stärkung gleichermassen geniessen wie den weiten Blick auf die Felszacken der umliegenden Gipfel, auf schroffe Schluchten und den glitzernden Ozean in der Ferne.

Das blühende Madeira

Raimundo Quintal lässt sich indessen über die Serpentinen talabwärts chauffieren: in das andere, das blühende Madeira. In einem verschlafenen Dörfchen betritt der Geograf einen Pfad zwischen Natursteinmauern. Auf schmalen Terrassen wachsen hier Süsskartoffeln und Bananen, wilder Knoblauch spriesst unter Weinreben. Die weissen Blüten der Sumpfpflanze Calla wuchern wie Unkraut am Wegesrand, dazwischen leuchten rote Chilischoten. Spinnennetze schimmern zwischen Mandarinen- und Olivenbäumen, es duftet nach Eukalyptusöl und verbranntem Holz. Hier ist sie nun also, die üppige Bilderbuchinsel, die sich mit Beinamen wie "Blume des Ozeans" und "Insel des ewigen Frühlings " schmückt. Zwei Drittel ihrer Fläche stehen unter Naturschutz.

Die Mutter der Levada

Der Pfad taucht in den berühmten Lorbeerurwald ein. Wasser rieselt durch Moose und Farne. Es plätschert in Bächen die Steilhänge hinab und tost in einem Wasserfall in ein grünes Amphitheater. Steinwälle fangen das Nass ein und dirigieren es in einen schmalen Kanal. "Dies ist die Mutter der Levada", sagt Raimundo Quintal. Um den trockenen Süden Madeiras zu bewässern, legte man die "Levadas" genannten Kanäle an, die sich über mehr als 2’000 Kilometer durch die Insel schlängeln. "Levadeiros" kümmern sich darum, dass jeder Landwirt und jeder Gärtner seinen Anteil Wasser erhält. Auch deshalb galten diese Posten früher neben dem Pastor und den Lehrern als die wichtigsten Männer im Ort. Bis heute müssen sie manchmal Dieben ins Gewissen reden, die mit einem Schlauch heimlich die Levada anzapfen.

Ein Garten wie ein Traum

Unterhalb des Waldes kleben Bauernhäuser an den Hängen, in ihren Vorgärten wetteifern Rosen, Lilien und Strelitzien im Farbspiel, abgefallene Azaleenblüten bilden einen rosa Teppich, der leise unter den Füssen knirscht. "Unsere Gärten sind unsere Visitenkarten", sagt Raimundo Quintal, "wir Madeirer hatten schon immer einen grünen Daumen."

Im Laufe der Jahrhunderte vermischte sich diese Tradition mit der englischen Gartenbaukunst, weil Grossbritannien einst eine wichtige Rolle im Handel mit Madeira-Wein einnahm. Die reichen Besitzer der Handelshäuser errichteten sich sogenannte "Quintas" – prächtige Landgüter – und wetteiferten darum, wer die exotischsten Gärten besass.

Einer der schönsten findet sich in der Quinta do Bom Sucesso; 1960 ist er zum Botanischen Garten der Hauptstadt Funchal aufgestiegen. Über diese Pracht wacht Rosário Vasconcelos. Schon im Alter von 15 Jahren habe sie angefangen zu arbeiten, sagt sie. "Es war damals nicht mein Traum, Gärtnerin zu werden. Meine Familie brauchte das Geld zum Überleben." Aber bald schon habe sie eine Leidenschaft dafür entwickelt, erinnert sie sich, während sie Unkraut aus den Bromelien zupft. Die Arbeit sei heute schwieriger als früher, sagt sie: "Die Sonne brennt heisser, und es regnet weniger, weshalb die Pflanzen schneller welken."

Scharen von Besuchern bewundern die Artenvielfalt des Gartens. Da wachsen Araukarien aus Chile, Aloen aus Südafrika, Kamelien aus Asien, Mammutbäume aus Nordamerika, Kauris aus Neuseeland und Jacarandas aus Brasilien. Seefahrer und Einwanderer brachten die Setzlinge über die Jahrhunderte aus aller Welt auf die Insel.

In der Oase wohnen

Rosário Vasconcelos nimmt ihre Leidenschaft für Blumen mit in ihre Freizeit: Weil sie keinen eigenen Garten hat, durchstreift sie an den Wochenenden die Insel, besucht Blütenfeste und Gärten. Inzwischen öffnen auch manche Privatgärten ihre Tore für Besucher. Oder laden sie gleich zum Bleiben ein, wie die "Quinta da Casa Branca", einst Weingut, später Bananenplantage, heute blühendes Gartenhotel. "Die Plantage war unser Spielplatz", sagt Afonso Tavares da Silva in seinem eleganten Anzug und lässt den Blick über den blühenden Park schweifen. Der heutige Inhaber der Quinta erzählt in distinguiertem "British English" von seiner Kindheit. "Wir bauten Hütten und schaukelten an langen Tauen durch die heissen Tage." Erwachsene wurden nur im Notfall herbeigerufen: "Einmal mussten die Gärtner meinen Bruder aus einem Baum befreien", erinnert sich Afonso Tavares da Silva und lächelt bei dem Gedanken daran.

Ein Australischer Seifenbaum?

Als die Bananen unrentabel wurden, liess die Familie ein Designhotel in ihrem Garten bauen. Inspiriert durch die Arbeit von Stararchitekt Frank Lloyd Wright entstand ein modernes Gebäude aus Stein, Glas und Holz. Wenn die Gäste auf ihre Terrasse treten, stehen sie in einem Blütenmeer.

Manchmal kommt auch Raimundo Quintal zu Besuch und bringt das Personal mit spontanen Botanikfragen ins Schwitzen. "Blüht der Peruanische Pfefferbaum schon?", will er dann wissen. Oder er erklärt, wann die beste Zeit ist, um Kompott aus den roten Früchten der Geleepalme zu kochen. Er hat in monatelanger Arbeit nicht nur die Pflanzen des Parks katalogisiert, sondern auch den Mitarbeitern Vorlesungen darüber gehalten – vom Zimmermädchen bis zum Rezeptionisten. "Sie sollen keine Botaniker werden", sagt er. "Aber sie sollen ein Gefühl für die Pflanzen entwickeln, um sie den Gästen erklären zu können."

Das ist keine leichte Aufgabe, denn der Experte hat rund 280 Arten gezählt. Nur ein Baum gibt noch Rätsel auf. "Ich glaube, es ist ein Australischer Seifenbaum. Aber erst seine Früchte liefern mir den letzten Hinweis." Nun muss er warten, bis die Früchte reifen. "Jeder Garten ist eben wie ein Kind", sagt Raimundo Quintal. "Man muss täglich nachsehen, wie er sich entwickelt, wo er blüht und wo er leidet." Und so kümmert er sich abends, wenn er nach den botanischen Anlagen gesehen hat und die Arbeit in der Wildnis getan ist, noch um seinen eigenen Garten hoch über der Steilküste. Mit etwas Glück findet er sogar Zeit, im Liegestuhl dem Säuseln des Windes in den exotischen Bäumen zu lauschen.

Favorit des Autors

Ein Zauberwald aus jahrhundertealten Lorbeerbäumen – angeblich die ältesten der Insel – wurde an der Nordwestküste Madeiras vor der Säge bewahrt. Bei Nebel wirken die knorrigen, moosbewachsenen Riesen wie urzeitliche Wesen, die ihre Arme nach den Wanderern ausstrecken. Bei Sonnenschein geniesst man aus dem Hain weite Blicke über die Steilküste.

Der Wald liegt auf der Hochebene von Fanal, an der Landstrasse ER 209 zwischen Paul da Serra und Ribeira da Janela. Der Mietwagen kann am Forsthaus von Fanal geparkt werden. Picknicktische laden zur Rast ein.

Text: Oliver Gerhard