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"Ich wurde mit offenen Armen empfangen"

Eigentlich wollte Marisa Zürcher aus Männedorf ZH die Weihnachtsferien 1988 in Tunesien verbringen. Stattdessen landete sie auf Zypern. Inzwischen heisst sie Marisa Potamitis, lebt seit fast 30 Jahren auf der Insel.

Zypern war nur die zweite Wahl für Marisa und ihre Schwester, als sie ihre gemeinsamen Weihnachtsferien im Winter 1988 buchten. "Eigentlich wollten wir nach Tunesien zum Kamelreiten. Aber da war alles ausgebucht", erzählt die Zürcherin lachend. Also musste ein Plan B her: Ein hübsches Feriendörfchen für Aktiv-Ferien etwas ausserhalb von Larnaca an der Südostküste von Zypern.

Die Insel im Allgemeinen und das Dörfchen Tochni im Speziellen hatten es Marisa von Anfang an angetan. Genau wie der Besitzer des Feriendorfes. Sofronis Potamitis stammt aus einer Hotelier-Familie. Im Jahr zuvor war er von seinem Wirtschafts-Studium an der University of California in Berkeley/USA zurückgekehrt, und begann, im Dorf Tochni traditionelle zypriotische Steinhäuser an Touristen zu vermieten. Den beiden jungen Urlauberinnen aus der Schweiz zeigte er bereitwillig die ganze Insel. Es kam, wie es kommen musste: Als die Zahnarzt-Assistentin Marisa zurück in Schweiz flog, war sie über beide Ohren verliebt.

Bilder: Sandra Casalini

Ein kleines Paradies für Individualisten

Nach etwas über einem Jahr Fernbeziehung beschloss das junge Paar, alles auf eine Karte zu setzen. Da Sofronis sich sein eigenes Geschäft aufgebaut hatte, und Marisa in ihrem Job sowieso nicht richtig glücklich war, war klar: Marisa wandert aus und zieht nach Zypern. Leicht sei ihr der Entscheid nicht gefallen, sagt sie, so sehr ihr die Heimat ihres Liebsten auch gefiel. "Meine Familie und Freunde zu verlassen und in einer fremden Umgebung und Kultur ein neues Leben anzufangen, war nicht einfach". Sie sei aber mit offenen Armen empfangen worden, sowohl im Dorf als auch von Sofronis‘ Familie, erzählt Marisa Potamitis. "Das ist etwas, was ich an den Zyprioten auch heute noch liebe: ihre Lockerheit und ihre Gastfreundschaft."

Marisa bemühte sich darum, schnell Griechisch zu lernen – beziehungsweise Zypriotisch, was ein eigener Dialekt ist. Zusammen mit ihrem Mann baute sie die "Cyprus Villages" in Tochni weiter aus, es folgte ein zweites Feriendorf im Nachbarhaus. Inzwischen vermieten sie über 60 Appartements. Ihre Gäste sind keine Standard-Touristen, die Club- oder All-inclusive-Ferien mögen, sondern eher Individualisten. Für sie ist Tochni ideal gelegen: Eine knappe halbe Autostunde vom Zentrum von Larnaca, mitten in den Hügeln, aber gerade mal zehn Minuten vom Strand entfernt. Biker und Wanderer kommen hier das ganze Jahr über auf ihre Kosten. Marisa und Sofronis Potamitis bieten aber auch Yoga-Packages an oder individuelle Ausflüge. So darf man zum Beispiel auf den hauseigenen Plantagen Zitronen, Orangen, Mandarinen und Oliven pflücken, oder man besucht Lulla, die irgendwo im Hinterland so guten Halloumi-Käse herstellt, dass Besucherinnen und Besucher aus ganz Zypern zu ihr pilgern. Besonders geeignet sind die "Cyprus Villages" für aktive Familien: Grosszügige Appartements mit zwei Schlafzimmern bieten viel Platz, und wer nicht ans Meer fahren mag, findet einen Pool zum täglichen Planschen.

Halloumi statt Raclette

A propos Familie: Die älteren beiden Kinder von Marisa und Sofronis Potamitis sind inzwischen ausgeflogen und studieren in Schottland beziehungsweise England. Nur der Jüngste, mittlerweile ein Teenager, wohnt noch bei seinen Eltern. Bis vor ein paar Jahren lebte die Familie in ihrem Feriendorf. "Aber irgendwann brauchten wir einfach ein bisschen mehr Privatsphäre", sagt Marisa Potamitis. So zog die Familie ganz aufs Land raus.

Sie selbst sei mittlerweile wohl mehr Zypriotin als Schweizerin, gesteht Marisa. "Natürlich vermisse ich meine Familie, die hohen Berge, Flüsse und Wasserfälle. Aber für mich gibt es kaum etwas Schöneres als Zypern." Zwar gibt es auf Zypern im Winter sogar Schnee, und man kann auf dem berühmten Olymp sogar Skifahren. "Aber ehrlich gesagt, kann ich ganz gut ohne Schnee leben. Und meine Kinder auch." Ein einziges Mal habe ihr Sohn in der Schweiz das Snowboarden ausprobiert – "und dabei den einzigen freiliegenden Stein weit und breit erwischt. Er hat sich verletzt und hat seither keine Ambitionen mehr, was den Schneesport angeht. Er konzentriert sich lieber wieder aufs Wasser", erzählt Marisa lachend. Auch kulinarische Schweizer Köstlichkeiten kommen bei den Potamitis kaum auf den Tisch. "Höchstens mal ein Härdöpfel-Gratin. Oder etwas aus dem Tiptopf." Vom Klassiker unter den Schweizer Koch-Schulbüchern mochte sich Marisa denn doch nicht trennen. Ansonsten gilt im Hause Potamitis: lieber gegrillter Halloumi statt Raclette oder Fondue.

"Die einzigen pünktlichen Zyprioten, die ich kenne"

Anfangs reiste Marisa Potamitis noch zwei Mal im Jahr an den Zürichsee. Mittlerweile besucht sie ihre alte Heimat nur noch etwa alle zwei Jahre. "Aber meine Familie kommt oft und gern hierher, vor allem meine Schwester." Sie könne sich kaum mehr vorstellen, wieder in der Schweiz zu leben, sagt Marisa. "Wir Schweizer sind so organisiert und perfektionistisch, bei uns ist immer alles durchgeplant. Hier lässt man auch einfach mal alle fünf gerade sein und sieht die Dinge etwas lockerer." Natürlich sei sie aber nach wie vor schweizerisch zuverlässig und pünktlich: "In der Tourismusbranche kann man sich nichts anderes leisten." Ausserdem seien ihr Mann und ihre Kinder "die einzigen pünktlichen Zyprioten, die ich kenne." Das kommt wohl daher, dass Sofronis bereits im Gastgewerbe aufgewachsen ist. Seine Familie besitzt ein Hotel am Meer, das mittlerweile von Sofronis‘ Bruder geführt wird.

Die "Cyprus Villages" sind ganzjährig geöffnet. Egal, ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter – bei den Potamitis geben sich vor allem Holländer, Deutsche und Italiener die Klinke in die Hand. "Schweizer haben wir leider nicht so viele", bedauert die Zürcher Gastgeberin. Die Gäste fragen nach den besten Wanderrouten, planen einen Bade-Ausflug an die Strände von Larnaca oder auch mal in die Touristenhochburg Ayia Napa, die nur eine gute Autostunde entfernt liegt, und geniessen abends in der hauseigenen Taverne Souvlaki (Fleischspiesse), Keftedes (Fleischbällchen) oder Moussaka (Hackfleischauflauf) und ein Glas einheimischen Wein.

Die Zukunft des Familiengeschäfts ist noch ungewiss

Ob der Nachwuchs – der übrigens perfekt Schweizerdeutsch spricht - dereinst das Familienbusiness übernehmen wird, steht noch in den Sternen. "Selbstverständlich könnten alle drei hier arbeiten, wenn sie möchten. Aber momentan zeigt nur der Jüngste Interesse", meint Marisa Potamitis mit leichtem Bedauern in der Stimme. Da die beiden Älteren im Ausland studieren, sei wohl die Angst, dass sie irgendwann auch dort arbeiten würden, nicht ganz unbegründet. "Ich kann ihnen dann ja schlecht wegen etwas Vorwürfe machen, das ich selbst getan habe." Und das für alle richtig gut herausgekommen ist. Nicht auszudenken, was wohl wäre, hätte es mit diesen Kamelreiter-Ferien in Tunesien geklappt. Damals, als Zypern für Marisa Zürcher nur zweite Wahl war.

Cyprus Villages, Tochni Village, Tochni 7740, Cyprus

E-Mail: info@cyprusvillages.com.cy

www.cyprusvillages.com.cy

(Text: Sandra Casalini)