Rundreise von Lamezia aus | Edelweiss

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Die ganze Welt in Süditalien

Der Süden Italiens ist touristisch für viele noch ein „schwarzes Loch“. Doch gerade das macht die Regionen um Kalabrien und die Basilikata interessant, denn Massentourismus kennt man hier nicht. Hotelanlagen und Resorts am Meer sind überschaubar. Dafür gibt es jede Menge Ferienhäuser, Bungalows und „Agriturismi“, zu Deutsch: Ferien auf dem Bauernhof.

Ich besitze selbst ein Häuschen im Appennino Lucano in der Basilikata. Daher bereise ich regelmässig den Süden Italiens und kenne mich vor allem in der südlichen Campania und in der Basilikata gut aus. Hier ist der Tourist noch Gast, nicht Teil eines Business-Modells. Zu sehen gibt es Landschaften und Bauwerke, die man so hier nicht vermuten würde.

Der italienische Tag

Sehenswürdigkeiten findet man an jeder Ecke. Für jede Ortschaft gilt: Sie hat zwei bis viele Kirchen und eine Castello-Ruine, die Touristen zur Besichtigung empfohlen werden. Die einfache Ferienplanung geht somit so: Man richtet sich in einer schönen Unterkunft am Meer ein und macht von dort Ausflüge in ein Dorf, das man per Dartpfeilwurf auf die Landkarte aussucht. Jedes Dorf ein Treffer! Daraus ergibt sich folgender Tagesablauf:

Zeitig aufstehen und einen Halbtagestrip mit einem integrierten Mittagessen oder Brunch in Angriff nehmen. Beim Essen bitte nicht zu dick auftragen, sonst wird der ganze Nachmittag verschlafen. Kommt man gegen halb vier zurück, entspannt man sich ein paar Stunden am Strand. Höhepunkt des Tages ist dann das späte Abendessen in einem Ristorante auf einer Piazza, in einem lauschigen Hinterhof oder einfach an der Strandpromenade. Allen Gesundheitsempfehlungen entgegen geniesse ich diese späten Mahlzeiten und spare nicht mit der Menge – es sind schliesslich Ferien. Reservieren empfiehlt sich in jedem Fall.

Fotos: Fototeca ENIT und Markus Tofalo

Ankunft in Lamezia, Aufenthalt in Squillace

Lamezia Terme – das „Terme“ im Ortsnamen steht für die Thermalquelle – hat lediglich ein durchschnittlich attraktives Stadtzentrum mit viel Verkehr. Als Aufenthaltsmittelpunkt für Kalabrien-Neulinge empfehle ich eher die touristischen Küstenorte. Wir lassen uns in einem Hotel in Squillace Lido nieder, eine halbe Stunde vom Flughafen entfernt an der Südküste. Der Ort ist schön zum Baden, aber auch ideal gelegen für Tagesausflüge.

Als Alternative zur Dart-Variante möchte ich ein paar ausgesuchte Ausflugsorte empfehlen. Erstes Must-see ist das sechs Kilometer landeinwärts auf einem Hügel gelegene Städtchen Squillace mit seiner normannischen Burgruine, Panoramablick inklusive. Läden bieten lokales Kunsthandwerk an. Es gibt auch Angebote, sich selber künstlerisch zu betätigen, etwa in Töpferkursen. Die Berge in Kalabrien sind teilweise dicht bewaldet und laden zum Wandern und Biken ein. Mit einem Velo lassen sich diese typischen Bergstädtchen intensiv erkunden. Sportlichkeit ist bei dem hügeligen Gelände jedoch von Vorteil. Weil dies auf unsere Gruppe als Ganzes nicht zutrifft, passen wir. Ein weiteres schönes Dorf ist das 20 Autominuten entfernte Girifalco. Durch seine gefühlt kilometerlangen Gassen gelangt man hinter dem Dorf zum Parco di Monte Covello. Wie vielerorts in Süditalien finden auch hier im August lokale Feste statt. Unser Ziel ist neben dem kühlenden Wald das Restaurant, in welchem feinste Köstlichkeiten aus Land und See auf der Karte stehen.

Abenteuer und Geschichte

Der mittelgrosse Ort Sierra San Bruno liegt auf einer Hochebene. Abgesehen davon, dass er mit seinen drei barocken Kirchen an sich schon viel für Augen und Fotolinsen bietet, kommen auch Adrenalin-Junkies auf ihre Kosten: Der Parco Avventura Adrenalina Verde ist ein Seil- und Kletterpark für die ganze Familie. Höhepunkt ist eine Zipline, an der man sich wie Tarzan hoch oben durch die Wipfel des Waldes gleiten lassen kann. Geschichtlich und kulturell Interessierte sollten sich in der Kartause Santo Stefano del Bosco mit Museum umsehen. Die Wurzeln dieses Klosters reichen bis ins 11. Jahrhundert zurück. Blickfang ist eine Fassaden- und Säulengang-Ruine. Der Eintrittspreis ist – wie in vielen Museen und archäologischen Stätten Italiens – mit vier Euro eher symbolisch.

Antike Bauten bzw. deren Überreste ziehen mich magisch an. Unweit unseres Domizils werden zurzeit Relikte der antiken Stadt Scolacium freigelegt. Vom grossen Amphitheater war 2010 noch nichts zu sehen. Die Ränge des kleineren Theaters sind in den Hang gebaut mit Blick zum Meer. Hitzebedingt ist eine Besichtigung noch vor dem Brunch anzusetzen.

Tauchen in klarem Wasser

Kombinierbar sind diese Halbtagesausflüge mit einer Bade-Siesta am klaren Sandstrand von Caminia an der Südküste. Um 20 Uhr öffnet hier die Pizzeria „La Cabana“ direkt am Strand. Dazu gehört ein Bungalow-Ensemble samt Tauchschule, das in seiner bunten Erscheinung an eine Favela erinnert. Das Wasser ist hier klar, und erfahrenen Tauchern werden die schönsten Unterwasserecken der Region gezeigt. Diesen Ort könnte ich mir auch als Kalabrien-Basis vorstellen.

Die Unterwasserflora und -fauna inklusive Wracks entdecken, ohne nass zu werden – diese Möglichkeit bietet eine Fahrt mit einem Glasbodenboot bei der Ruine der alten Aragonburg von Le Castella, eine Stunde ostwärts von Caminia. Das imposante Castello wurde schon als Filmkulisse verwendet.

Tropea und der Vulkan Stromboli

Die Gegend um Tropea an der Nordküste ist die Vorzeigepostkarte: steile Felsen, Sandstrand, Promenaden und klares blaues Wasser. Die Altstadt mit vielen alten Palazzi thront auf einer steil zum Meer abfallenden Klippe. Die Gassen, kleinen Läden, Gelaterias und Bars laden zum Bummeln und Verweilen ein.

Unbedingt gesehen haben muss man den Stromboli. Dieser Vulkan erhebt sich auf der gleichnamigen Insel. Schiffe fahren u. a. ab Tropea dorthin. Der Stromboli ist der weltweit fleissigste Vulkan, im Durchschnitt kommt es alle fünf Minuten zu einer Eruption. Am beeindruckendsten ist dieses Naturschauspiel nachts mit glühender Lava. Der Aufstieg zum Aussichtspunkt ist eben wegen der Lavaströme nur geführt möglich.

Wandern auf fast 2000 Metern

Der Sila-Nationalpark wird auch Piccola Svizzera genannt. Die hoch gelegene Landschaft zeichnet sich durch wilde Nadelwälder oben, dichte Buchenwälder weiter unten und idyllische Bergseen aus. Hier leben sogar noch Wölfe und Schlangen. Bedingt durch die Höhe erlauben es die Temperaturen auch im Sommer, hier zu wandern. Als Anlaufstelle für Neulinge empfehle ich das Besucherzentrum am Lago di Cecita. Mangels ausgebautem Busnetz beschränken sich die Touren auf Rundwanderungen, z. B. um den Lago Ariamacina oder auf den fast 2000 Meter hohen Monte Botte Donato, wo auch Ski gefahren wird. Von dort oben ist sogar der Ätna zu erkennen. Unbedingt Proviant mitführen, denn auch ein Netz von Restaurants gibt es nicht. Der Schönheit der Wege tut dies jedoch keinen Abbruch. Es ist der Kontrast zwischen Küsten und Bergwelt, der die Faszination von Kalabrien ausmacht.

Auf den Spuren von Griechen und Albanern

Kalabrien allein bietet mehr als genug für einen zweiwöchigen Aufenthalt. Ich möchte meinen Freunden allerdings gern noch andere Ecken zeigen und führe sie in die nördlich gelegene Basilikata. So brechen wir nach einer Woche Squillace auf einen Roadtrip auf. Übernachtungsmöglichkeiten sind genug vorhanden, im touristisch gerade erwachten Hinterland Süditaliens wächst das Angebot an kleinen Alberghi und Bed & Breakfasts stetig. Die Temperaturen begünstigen aber auch das Campieren. Allerdings können in den Bergen die Nächte auch im Hochsommer ziemlich kühl sein.

Eine erste Station ist Spezzano Albanese, noch in Kalabrien. Wir erreichen dieses regionale Zentrum nach einer 90-minütigen Fahrt über die neu gebaute Autobahn A2, die „Autostrada del Mediterraneo“, wie die ehemalige A3 seit 2017 offiziell heisst. Im Mittelalter geflohen vor den osmanischen Eroberern, haben sich christliche Albaner in dieser Region niedergelassen. Tatsächlich wird hier noch eine Art Albanisch gesprochen. Ein Castello mit zwei Türmen sowie die Kathedrale Madonna delle Grazie sind hier die baulichen Höhepunkte. Wie gesagt: Ruinen und Kirchen sind nicht selten. Hat man später noch – wie wir – Paestum im Programm, kann man die Ausgrabungen von Sybaris, ebenfalls eine Stadt griechischen Ursprungs, auslassen. Zu sehen gibt es neben den Fundamenten auch ein Museum mit Fundstücken.

Eine arabische Stadt

Matera, die zweitgrösste Stadt der Basilikata, galt lange als rückständig und arm. Bis zur Zwangsumsiedlung in den 1970er-Jahren lebten hier viele Menschen noch in Wohnhöhlen ohne fliessendes Wasser. Diese „Sassi“ stehen heute unter dem Schutz der Unesco. Zusammen mit der wunderschönen Altstadt locken sie zunehmend Besucher an. Einen Boom erwartet Matera für 2019, wenn sich die Stadt für ein Jahr europäische Kulturhauptstadt nennen darf. Entsprechend wird derzeit renoviert und geputzt. Wegen des nahöstlichen Flairs musste Matera schon oft in Filmen als Jerusalem-Ersatz herhalten, etwa in „Die Passion Christi“ von Mel Gibson. Die Umgebung ist ähnlich karg, die Schlucht tief, die Gassen sind eng und die Dächer flach.

Zipline bei den Dolomiten Süditaliens

Nach einer langwierigen Anfahrt über unendlich viele Spitzkehren kommen wir in Pietrapertosa, dem höchstgelegenen Dorf der Basilikata, an. Die Münder meiner Mitreisenden bleiben beim Anblick des malerischen Städtchens unten offen stehen. Sie staunen auch, als ich das Essen im „Ristorante Il Frantoio“ auf Schweizerdeutsch bestelle. Wirt Nicola Perticara ist in Winterthur aufgewachsen und später hierhin zu den Wurzeln seiner Familie zurückgekehrt. Einmalig ist der anschliessende „Flug“ mit der Zipline Volo dell’ Angelo.

Mittelalter und tibetanische Hängebrücke

Vorbei an Potenza, der Hauptstadt der Basilikata – sie hat übrigens eine fast Ladenketten-freie lange Shoppingstrasse in der Fussgängerzone –, fahren wir nach Brienza. Auch dieses Bergstädtchen hat seine mittelalterliche Struktur über die Jahrhunderte bewahrt. Leider ist der Zugang zum restaurierten mittelalterlichen Kern zeitlich sehr begrenzt. Nach einer Anmeldung wird er aber mit Stolz gezeigt. Jeweils am ersten Augustwochenende findet hier ein grosses Mittelalterfest mit Kostümen, Umzug, Musik und Böllerschüssen statt. Über eine Schlucht im Nachbarort Sasso di Castalda führt eine tibetanische Hängebrücke, die nur angebunden überquert werden kann – ausschliesslich etwas für Schwindelfreie.

Die Fahrten auf Nebenstrassen durch die Wildnis kommen Urwaldabenteuern gleich, die Distanz zwischen Siedlungen ist gross. Überraschungen sind immer möglich, ein Erdrutsch muss auf einer solchen Strasse ja nicht sofort repariert werden. Nötig wären diese Routen nicht, aber sie machen Spass. Auf der A2 würde man in einer Stunde an die Küste von Paestum gelangen.

Poseidon, Hera und Athene

An Unterkünften mangelt es am langen Strand von Paestum nicht, das Angebot von Hotels aller Klassen ist gross. Unser Fokus gilt den drei griechischen Tempeln von Paestum. Sie stehen mitten in den sonst spärlichen Überresten der römischen, vormals griechischen Stadt. Der Poseidontempel gilt als besterhaltener griechischer Tempel überhaupt. Darum nutzte man ihn unter anderem auch im Film „Sissi – Schicksalsjahre einer Kaiserin“ als griechische Kulisse. Das Gefühl, alleine im Mittelgang zu stehen, ist – um es einfach zu beschreiben – gigantisch.

Cilento

Der schönste Abschnitt unserer Rundreise ist die Fahrt entlang der Cilento-Küste von Agropoli bis Maratea. Teilweise ist die Küstenstrasse hier in den senkrechten Felsen eingemeisselt. Natürlich gibt es im Hinterland schnellere Möglichkeiten, vorwärtszukommen, aber diese zwei Stunden sind purer Genuss, ähnlich wie der Chapman’s Peak Drive am Kap der Guten Hoffnung, nur viel länger. Richtig unheimlich ist die Fahrt durch einen ehemaligen, einspurigen Bahntunnel bei Pisciotta.

Maratea

Im Wallfahrtsort Maratea fällt die grosse Christusstatue hoch über dem Meer auf. Aus der richtigen Perspektive lässt sie sich gut als Rios Cristo verkaufen – und schon hat man wieder eine weit entfernte Destination gespart. Die Statue kann über geschätzte 100 Spitzkehren mit dem Auto erreicht werden.

Von hier zurück zum Flughafen Lamezia sind es noch zwei Autostunden. Wir sparen Zeit und nehmen die A2. Dabei überfahren wir noch einen Höhepunkt. Mit 259 Metern ist der Viadotto Italia bei Laino die zweithöchste Brücke Europas.

Meine Mitreisenden geben mir recht: Wir haben in diesen zwei Wochen fast die ganze Welt gesehen.

Text: Markus Tofalo