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Von Tapas, Thunfisch und zwei Traumstädten

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Für den «nationalen Zukunftstag» durfte die Oberstufenschülerin Gioia Casalini ihre Mutter für eine Reisereportage nach Andalusien begleiten. Die Jung-Autorin ist so begeistert von den Städten Jerez de la Frontera und Cádiz, dass sie aus dem Schwärmen gar nicht mehr herauskommt:

Die Städte Jerez de la Frontera und Cádiz liegen per Auto ungefähr eine halbe Stunde voneinander entfernt. Aber anders als in vielen anderen Gegenden von Spanien braucht man hier gar nicht zwingend ein Auto. Das erzählt uns Javier (mehr über ihn verrate ich später). Hier funktioniert nämlichder öffentliche Verkehr ganz gut. So gelangt man auch mit dem Zug von Jerez de la Frontera nach Cádiz. Oder – noch besser – per Boot. Mit dem Zug ist man in acht Minuten in El Puerto de Santa María und von dort mit dem Boot in einer halben Stunde in Cádiz.

Fotos: Sandra Casalini

Petrus ist ein Fan von Andalusien

Wir haben trotzdem ein Auto gemietet, damit wir flexibler sind. Und heute ist es auch ein Glück, denn als wir in Cádiz ankommen, regnet es in Strömen. Wir wohnen im Hotel Las Cortes mitten in der Altstadt. Das Zimmer ist gemütlich, und von unserem Fenster aus schauen wir direkt auf die Calle San Francisco, eine der Hauptstrassen in der Innenstadt. Man könnte den ganzen Nachmittag am Fenster stehen und die Leute beobachten. Die Aussicht, im Regen die Stadt zu erkunden, ist allerdings nicht so prickelnd. Auch wenn uns alle Einheimischen später erzählen, wie froh sie sind, dass es endlich mal geregnet hat. Aber auch Petrus muss ein Fan von Andalusien sein: Gerade als wir mit Marianne, die uns durch die Stadt führt, das Hotel verlassen, hört es auf zu regnen. Kurze Zeit später ist sogar die Sonne wieder da.

Cádiz ist nicht sehr gross und besteht aus zwei Teilen: der Altstadt, die den grössten Teil der Halbinsel einnimmt, und der Neustadt. Von oben sieht die Stadt aus wie eine Faust, die mit dem Daumen nach oben zeigt. Die Altstadt ist die Hand, rundherum ist Wasser, und die Neustadt ist der Arm. Cádiz gilt als älteste Stadt Westeuropas und war früher sehr reich. Sie wurde oft vom Meer her bedroht oder sogar angegriffen. Deshalb haben viele Häuser einen oder mehrere Wachtürme. 160 Stück davon gab es einmal in dem knapp 119’000 Einwohner zählenden Städtchen. 130 sind heute noch vorhanden.

Gebäude aus Muscheln

Auf der Plaza de San Antonio werden Feste gefeiert und Flamenco getanzt – schliesslich gilt Andalusien ja als Wiege des Flamenco. Vor allem an der Fasnacht, dem wichtigsten Anlass in Cádiz, wird der Platz zu einem riesigen Fest. Auf dem Platz steht die Kirche San Antonio, die im 18. Jahrhundert erbaut wurde. Die Altstadt ist voller Häuser mit wunderschönen Fassaden, in denen früher sehr reiche Familien wohnten. Beim Schlendern durch die hübschen Gassen fällt mir das Schaufenster einer kleinen Bäckerei auf. Die Süssigkeiten sehen ja sooooo lecker aus! Turrón de Cádiz besteht aus Marzipan und Mandeln und wird auch Pan de Cádiz genannt, also Brot aus Cádiz. Der Name stammt aus der Zeit von Napoleon, als Cádiz die einzige von den Franzosen unbesetzte Stadt war, und dadurch nur wenige Lebensmittel hinein gelangten. Also backten die Einwohner ihr «Brot» mit dem, was sie hatten: Mandeln.

An der Plaza de la Catedral steht, wie der Name schon sagt, die Kathedrale. In Cádiz gibt es zwei Kathedralen – diese ist die neuere, auch wenn sie älter aussieht. Das Interessante an dem Bau sind die unterschiedlichen Steine, aus der sie gebaut wurde – so ist sie sozusagen zweifarbig. Die obere Hälfte des Gebäudes ist heller und besteht aus normalem Kalkstein. Die untere Hälfte ist viel dunkler und besteht aus einem aussergewöhnlichen Stein, auf den man in der ganzen Stadt stösst: dem Muschelkalkstein, der aus dem Meer kommt und aus Sand und Muscheln besteht. Nur ein paar Schritte von der Kathedrale liegt die alte Stadtmauer, deren Überbleibsel sich direkt am Atlantik befinden. Man kann gemütlich an der niedrigen Mauer entlang laufen und gelangt dann an die Strände, die fast alle in der Neustadt liegen. An einem von ihnen wurde 2001 sogar ein James-Bond-Film gedreht. Das war zwar, bevor ich geboren wurde, aber cool ist es trotzdem!

Ein Tag am Strand

Auf dem Weg zum Rathaus bemerken wir, wie wenig hier um knapp 17.30 Uhr los ist. Das ist so, weil bis etwa 18 Uhr Siesta ist, erst dann fängt das «Leben» wieder an. Am meisten Trubel gibt es, wenn eines der grossen Kreuzfahrtschiffe im Hafen anlegt, und die Leute das Schiff verlassen, um den Ort zu besichtigen. Nachdem wir so lange durch die Stadt gelaufen sind, bekomme ich Hunger. Aber in Spanien isst man meist erst gegen 22 Uhr zu Abend! Die Restaurants öffnen um 20.30 Uhr – das ist die Chance für uns Schweizer, auch in einem sonst immer ausgebuchten Restaurant einen Tisch zu bekommen, denn bis 22 Uhr haben wir fertig gegessen. Das «La Candela» ist eines der angesagtesten Restaurants von Cádiz. Es ist super gemütlich und mega cool eingerichtet. Wir essen natürlich Tapas – kleine Portionen von verschiedenen Gerichten: Erdbeersuppe (!) mit Thunfisch, Ceviche (ein Gericht aus rohem Fisch, Zitrone und Mango), Patatas Bravas (Kartoffelschnitze mit Mayonnaise und einer roten, scharfen Sauce) und zum Dessert eine unglaublich leckere Cheesecake-Creme mit Kirschen. Nach einem langen Tag und mit einem vollen Magen falle ich todmüde ins Bett.

Am nächsten Morgen gehen wir auf den Markt. Der grösste Teil davon ist der Fischmarkt. Ich habe noch nie im Leben so grosse Thunfische gesehen! Danach machen wir uns auf zum Strand. Die Playa de la Caleta ist der einzige Strand der Altstadt. In der «Bar Caleta» direkt am Wasser gönnen wir uns eine Tortilla, dann spazieren wir am Meer entlang bis zur Neustadt. Dort reiht sich ein Strand an den anderen: Playa Santa Maria del Mar, Playa de la Victoria, Playa de Cortadura. Hier stehen auch die grossen Hotels. An der Playa Santa Maria del Mar tummeln sich die Surfer. Wir lassen uns in einer hübschen Strandbar nieder und schauen ihnen zu. Nach einer kurzen Siesta – wir passen uns langsam dem spanischen Lebensstil an – essen wir am Abend im Restaurant «Sonámbulo». Ich bestelle mir einen Reistopf mit Shrimps und meine Mutter ein Thunfischsteak mit Pfeffersauce. Lecker!

Im Reich der Andalusier-Pferde

Am nächsten Tag geht es dann nach Jerez de la Frontera. Das Hotel Casa Grande liegt sehr zentral und ist ein richtiges Schmuckstück. Schön und hell mit einer Art gedecktem Innenhof fühlt man sich hier sofort zu Hause. Und obwohl wir das Frühstück verpasst haben, werden uns auf der Dachterrasse noch Kaffee und Churros serviert. Churros, eine spanische Gebäckspezialität, schmecken überall ein bisschen anders. Die hier in Jerez de la Frontera sind zum Beispiel leicht salzig. Dann machen wir uns auf, die Stadt zu erkunden. Zusammen mit Javier. Das ist der Chef des lokalen Tourismusbüros, aber eigentlich ist es, wie wenn ein Freund uns die Stadt zeigt. Seine Führung durch Jerez de la Frontera ist eher Freestyle – aber er kennt jeden und jede und kann von unterwegs aus alles organisieren: «Ich komme in zehn Minuten vorbei mit zwei Schweizerinnen. Okay, super, danke!»

Als erstes gehen wir ins Uhrenmuseum. Ich muss zugeben, dass ich die Idee, Leuten aus der Schweiz ein Uhrenmuseum in Spanien zu zeigen, zuerst nicht sehr originell finde. Aber dann ist es doch sehr beeindruckend, denn in «La Atalaya», so heisst das historische Gebäude, befindet sich eine der grössten Sammlung antiker Uhren Europas. Und das Unglaublichste: Alle funktionieren. Auch die ältesten aus dem 17. Jahrhundert. Danach gehen wir zu einer der grössten Attraktionen in Jerez de la Frontera: Der «Fundación Real Escuela Andaluza Del Arte Ecuestre» – der royalen Reitschule. Hier werden die berühmten andalusischen Pferde trainiert und dazu die Reiterinnen und Reiter ausgebildet. Heute findet keine Show statt, aber wir dürfen beim Training zuschauen. Sechs Schülerinnen und Schüler aus aller Welt bekommen pro Jahrgang einen der begehrten Plätze, um sich zu Profi-Reiterinnen und -Reitern ausbilden zu lassen. Ich finde es jetzt schon wahnsinnig, wie die ihre Pferde im Griff haben. Einer lässt seinen Schimmel sogar tanzen!

Die Wiege des Sherry

Unsere nächste Station ist das Alcázar von Jerez de la Frontera. Ein Alcázar ist so etwas wie ein maurisches Schloss oder eine Burg. Das war früher genauso wichtig wie die Stadtmauer, da gerade die reichen Städte in Andalusien ständig belagert wurden. So hinterliessen viele Völker ihre Spuren, zum Beispiel die Mauren, die Phönizier und die Römer. In Jerez de la Frontera sieht man allerdings nicht mehr viele orientalische Einflüsse, da viele Moscheen später überbaut wurden. Das Alcázar ist eine spannende Ausnahme, denn es hat sozusagen eine christliche und eine muslimische Hälfte – und zwei Türme mit den jeweiligen Symbolen stehen direkt nebeneinander.

Das berühmteste Exportgut, das aus Jerez de la Frontera kommt, ist der Sherry-Wein. Die bekannteste Marke heisst «Tio Pepe» und wird in die ganze Welt verkauft. Nach einem kurzen Rundgang gehen wir in die Destillerie, die laut Javier den besten Sherry der Welt herstellt: den «Lustau». Im Lager stapeln sich die Sherry-Fässer auf drei Reihen. Die untersten reifen fünf Jahre, die in der Mitte drei und die obersten ein Jahr. Sherry ist fast so etwas wie eine Wissenschaft, und es fällt mir schwer, den Erklärungen zu folgen, welcher wie aus welchen Traubensorten gemacht wird. Spannend ist aber zum Beispiel, dass hier auch Fässer für Whisky vorbereitet werden: Zuerst wird Sherry darin gereift, dann abgefüllt und die so vorbereiteten Fässer an die Whisky-Destillerien geliefert. Natürlich gibt es auch noch Sherry zum Probieren. Javier findet zwar, dass ich mit dreizehn alt genug bin, um mit dem Sherry anzufangen, aber meine Mutter sieht das anders. Und ich ehrlich gesagt auch. Ich rieche kurz und tippe mit meiner Zunge ein bisschen rein – wääääh! Ich bleibe lieber bei Cola. Meine Mutter ist hingegen recht überrascht, wie vielfältig die Sherrys sind, und sagt, beim nächsten Mal müssten wir unbedingt ein Essen mit Sherry-Tasting organisieren, wo zu jedem Gang der passende Sherry serviert wird. Na ja, für mich ist das nicht unbedingt nötig. Ich freue mich, dass ich am Abend in der Altstadt von Jerez de la Frontera noch endlich meine lang ersehnte Paella bekomme. Aber in einem bin ich mit meiner Mutter einig: Wir müssen unbedingt wiederkommen. Denn wir haben noch lange nicht alles gesehen.

Schlafen in Jerez de la Frontera und Cádiz:

Hotel Casa Grande ;;; Zentral gelegen, gemütlich, Dachterrasse mit atemberaubender Aussicht und enorm freundliches Personal. ;;; (Plaza las Angustias, 3, 11402 Jerez de la Frontera, Cádiz, Spanien, www.hotelcasagrande.eu)

Hotel Las Cortes de Cádiz ;;; Mitten in der Altstadt von Cádiz gelegen, kann man von hier aus alle Sehenswürdigkeiten, Strände und Lokale zu Fuss erreichen. ;;; (Calle San Francisco, 9, 11004 Cádiz, Spanien, www.hotellascortes.com)

Informationen: ;;; Alle Informationen, zum Beispiel zu Stadtführungen, Sehenswürdigkeiten oder Restaurants unter ;;; www.cadizturismo.com ;;; oder ;;; www.spain.info/ch

Text: Gioia Casalini (Bearbeitung: Sandra Casalini)