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Mit dem Velo durch Kreta

Barbara und Martin Gernet haben nicht nur ihr Hobby zum Beruf gemacht, sondern sich damit auch den Traum vom Auswandern erfüllt: Seit über 20 Jahren bieten sie mit ihrer Firma “Martinbike” Velo-Ferien auf Kreta an. Sie geniessen das Leben auf der griechischen Insel, reisen aber auch immer wieder gern heim in die Schweiz.

Radfahren und Kreta, das passt zusammen wie Gyros und Tsatsiki. “Die Saison ist lang und die Insel gross genug, dass man sie nicht in einem Tag entdecken kann. Es gibt Gebirgszüge mit bis zu 2’500 Meter hohen Gipfeln und wunderschönen Tälern”, erklärt Martin Gernet. Gemeinsam mit seiner Frau Barbara führt der Luzerner seit über 20 Jahren seine Firma “Martinbike”. Sie bieten Mountainbike- und Rennrad-Ferien an, aber auch einfach Relax-Tage in ihrem Hotel Sunlight an der Mirabello-Bucht zwischen Agios Nikolaos und Elounda – oder eine Kombination aus beidem.

Fotos: Martinbike

Vom kleinen Anbieter zum angesehenen Familienbetrieb

Martin war zuvor Anzeigenleiter bei einem grossen Schweizer Verlag, Barbara Sportartikelverkäuferin. In ihrer Freizeit fuhren sie gern Velo, und ihre Ferien verbrachten sie oft in Griechenland. Irgendwann entstand die Idee, das eine mit dem anderen zu verbinden. “Ein Bekannter von uns war damals Surflehrer auf Kreta, und der meinte, hier würde so etwas funktionieren”, erzählt Martin Gernet. Gesagt, getan: Das Paar brach alle Zelte in der Schweiz ab und wagte einen Neustart in Griechenland.

“Wir haben ganz einfach angefangen, mit Rad-Wanderungen für jedermann”, erzählt Barbara Gernet. Dabei gab es schon die eine oder andere Hürde zu überwinden: “Wir konnten damals noch nicht mit Google, E-Mail und Co. arbeiten, sondern machten alles ganz traditionell über Flyer und die Zusammenarbeit mit anderen Anbietern und Bike-Magazinen.” Langsam entwickelte sich “Martinbike” zu einem recht grossen Anbieter für Velo-Ferien, ist aber ein Familienbetrieb geblieben. Elf Angestellte arbeiten während der Saison in der Bike-Station und im Hotel, welches das Ehepaar gepachtet hat. Martin ist in erster Linie fürs Fahrrad-Geschäft, die Trails und die Tourenplanung verantwortlich, Barbara kümmert sich ums Hotel, die hauseigene Taverne und das Personal. Die Chefköchin ist natürlich einheimisch, und es kommen ausschliesslich authentische, griechische Gerichte auf den Tisch.

Alte Römerwege als Highlights für Biker

Die Touren in verschiedenen Schwierigkeitsgraden eignen sich für alle, vom Anfänger bis zu den Biathlon-Profis, die regelmässig auf Kreta trainieren: Auf dem “Beginners Level” fährt man leichte Touren auf präparierten Strassen. Das “Green Level” ist für Hobby-Biker mit solider Fahrtechnik gedacht. Das “Blue Level” richtet sich an gute Biker, die oft trainieren. Und das “Black Level” erfordert viel Können und eine sehr gute Kondition. Barbara Gernets Lieblingsstrecke ist der Mega-Trail, die längste aller angebotenen Touren mit 900 Tiefenmetern. Martin und Barbaras Bruder Stefan haben ihn selbst präpariert. “Für ihn muss man aber gut fahren können. Er ist sehr anspruchsvoll und hat enge Kurven.”

Sowohl Barbara als auch Martin mögen ebenso die einfacheren Touren, vorbei an Flüssen, Canyons, Felsen, Pinienwäldern, kleinen Dörfchen und Traumbuchten. Mittags kehrt man meist in einer netten Taverne ein, und den Abschluss bildet ein Bad im Meer an einem der schönen Strände Kretas. Die Bike-Wege haben Martin und seine Angestellten alle selbst angelegt, und dabei zum Beispiel – mit der Unterstützung von Staat und Gemeinden – alte Römerwege ausgegraben. “Sie waren lange vergessen. Wir haben viele davon entdeckt und freigelegt. Die meisten führen in versteckt liegende Bergdörfer. Die Biker haben grosse Freude an diesen abenteuerlichen Wegen”, erzählt Martin Gernet.

Pendeln zwischen zwei Welten

Die Gernets pendeln mittlerweile zwischen Kreta und der Schweiz hin und her. In Engelberg im Kanton Obwalden besitzen sie ein Reisebüro und haben dort eine Wohnung. “Als unser Sohn zur Welt kam, war uns wichtig, dass er auch die Schweizer Mentalität mitbekommt, und dies nicht nur bei gelegentlichen Besuchen.” Nico wuchs buchstäblich in zwei Welten auf: Im Frühling und Herbst ging er auf Kreta zur Schule, im Winter in Engelberg. So kennt er beide Kulturen und spricht beide Sprachen perfekt. Gerade weilt der junge Mann in der Schweiz, wo er eine Ausbildung macht.

Auch wenn sich die Gernets der Schweizer Mentalität näher fühlen als der griechischen, ist auch Kreta mittlerweile zur ihrer Heimat geworden. “Die Leute sind sehr herzlich”, sagt Barbara. “Die Familie geht über alles, Zusammenhalt wird grossgeschrieben. Jedes Wochenende kommt die Familie zusammen, um zu feiern und zu essen. Und zu tanzen.” Und lachend fügt sie an: “Tanzen können die Griechen immer – aber sie würden niemals irgendwohin zu Fuss gehen oder mit dem Velo fahren.”

“Wir haben den Entscheid nie bereut”

Man habe sie denn auch eher belächelt, als sie mit ihren Bikes auf Kreta aufgetaucht seien, erzählt Martin Gernet. “Dass jemand in seinen Ferien freiwillig auf der Insel mit Fahrrädern rumkurvt, war für die Einheimischen unvorstellbar. Wir waren für niemanden eine Konkurrenz, deshalb hat uns niemand Steine in den Weg gelegt, das war sicherlich ein grosser Vorteil.”

Ob Sohn Nico “Martinbike” dereinst übernehmen möchte, ist noch unklar. “Die Voraussetzungen sind sicher gut”, meint seine Mutter. “Er ist ein guter Biker, kennt die Insel und die Trails wie seine Hosentasche und weiss, wie Hotel und Bike-Station funktionieren. Ausserdem spricht er fliessend Griechisch und Deutsch. Aber zuerst soll er seine Lehre in der Schweiz beenden. Dann schauen wir weiter. Und selbstverständlich muss er gar nichts, was er nicht will.” Aber natürlich wäre es schade, wenn die Gernets ihr Lebenswerk, das sie 20 Jahre lang aufgebaut haben, irgendwann verkaufen müssten. “Wir haben den Entscheid, nach Kreta zu kommen und hier unsere Träume zu verwirklichen, nie bereut”, sagt Martin Gernet. Das soll auch sein Sohn nicht – egal, wofür er sich schliesslich entscheidet.

Martinbike

Mountainbike- und Rennrad-Ferien auf Kreta. Barbara und Martin Gernet kümmern sich um alles, vom Transport ab dem Flughafen Heraklion bis zur Organisation der Touren. Bike-Station und Hotel Sunlight sind von Ende März bis Anfang November geöffnet.

Martinbike/Sunlight Hotel, Agia Galini 74056, Griechenland

www.martinbike.com

Text: Sandra Casalini