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„Anders als alles, was ich bisher gesehen habe“

Seit 2011 ist der Westschweizer Nic Maeder Sänger der Tessiner Hardrock-Band „Gotthard“. Der Musik-Clip zum Song „C’est la vie“ entstand in Havanna – und Nic Maeder war begeistert von der Stadt. Der Rockstar erzählt, warum:

„Der Regisseur, der mit uns das Video zu ‚C’est la vie‘ drehte, hat schon öfter in Kuba gearbeitet und dort zum Beispiel schon Werbespots gedreht. Er liebte die Stimmung, das Licht und die fantastischen Farben in diesem Land und fand, das alles passe perfekt zu diesem Song. Er hatte recht.

Havanna ist anders als alles, was ich bisher gesehen habe. Und ich habe schon viel von der Welt gesehen! Während des Drehs habe ich das wahre Havanna gesehen. Wir haben zum Beispiel die gesamte Film-Crew und alle Schauspieler und Statisten direkt vor Ort gecastet. Das hat wunderbar funktioniert. Und wir haben zum Teil bei den Leuten zu Hause gefilmt. Ein Haus werde ich niemals vergessen: Es gehört einer unglaublich interessierten, furchtbar netten alten Lady. Ihre Küche hat kein Dach. Es regnete an dem Tag und sie stand da einfach im Regen in ihrer Küche. Wir drehten auch in einer Bar, in der vorwiegend die Einheimischen verkehren, ‚La Victoria‘, nur einen Steinwurf entfernt vom Malecón, der berühmten Uferstrasse. Keiner der Besucher liess sich von unserer Filmerei stören, sie blickten höchstens kurz auf und tranken weiter ihr ‚Bucanero‘-Bier.

Fotos: Edelweiss/Shane Banks

Ein rollendes Automuseum

Havannas Wahrzeichen ist wohl die atemberaubende Architektur der Häuser, viele davon im Kolonialstil. Natürlich ist vieles heruntergekommen bis abbruchreif, aber gerade das lässt die Stadt so unberührt und echt erscheinen. Man kommt sich manchmal vor, als sei man aus Versehen in eine Filmszene reingelaufen. Während des Videodrehs habe ich nicht besonders viel von dem gesehen, was man sich als Tourist so anschauen sollte. Das habe ich dann bei einem zweiten Besuch nachgeholt. Auf eines habe ich mich besonders gefreut: eine Stadtrundfahrt in einem der legendären Oldtimer-Cabrios, die überall rumfahren. Die ganze Stadt ist ein rollendes Automuseum!

Wer Kuba besucht, kommt um drei Themen nicht herum: Salsa, Rum und Zigarren. Latino-Rhythmen sind zwar nicht so mein Ding. Aber es ist faszinierend, dass sozusagen an jeder Strassenecke Musik gemacht und getanzt wird. Ich habe auch das berühmteste Musikstudio Havannas besucht, die Egrem Studios. Hier entstanden zum Beispiel die Tonaufnahmen des legendären ‚Buena Vista Social Club‘, der dank Wim Wenders’ Kultfilm weltweit bekannt wurde. Den Percussionisten der Band, Amadito Valdés, habe ich in seinem Stammrestaurant ‚Le Chansonnier‘ getroffen. Wahnsinn, oder? Gut, ich habe einen ‚Swiss Music Award‘ gewonnen – aber er war für den ‚Grammy‘ nominiert, den wichtigsten Musikpreis der Welt! Was den Rum angeht, ist es wie mit der Salsa: Beide trifft man an jeder Strassenecke. Die Einheimischen trinken ‚Santiago‘ und mixen sozusagen jeden Drink mit Rum. Zum Apéro kriegt man oft einen Mojito. Wer den gern in gediegener Atmosphäre trinkt, sollte mal im Hotel Nacional vorbeischauen. Ich war abends auch mal im Ausgang im einem zum Club umfunktionierten Privathaus. Ich wusste gar nicht, dass es in Havanna so eine coole Partyszene gibt. Nun zu den Zigarren: Ich habe zwar vor Jahren mit dem Rauchen aufgehört, aber der Geruch einer guten Zigarre ist schon etwas Feines. Wie diese gedreht werden, kann man auf geführten Rundgängen in den Tabakfabriken anschauen, zum Beispiel bei ‚La Corona‘, Havannas grösster Zigarrenfabrik. Alles wird von Hand gemacht – absolut faszinierend!

Das Erbe Che Guevaras

Auch die kubanische Kunst hat es mir total angetan. Am besten gefallen mir die Werke von José Fuster. Sein Wohnhaus in Havanna ist gleichzeitig ein Museum und nennt sich ‚Fusterlandia‘. Ich habe gleich drei Bilder gekauft, die nun bei mir zu Hause in Lugano an der Wand hängen.

Während meines zweiten Kuba-Besuches reiste ich auch ein wenig auf der Insel herum. Auch in den pittoresken kleineren Städtchen wie Cienfuegos oder Trinidad hat man das Gefühl, in den Fünfzigern stecken geblieben zu sein. Ein absolutes Muss für Kuba-Reisende: die Che-Guevara-Gedenkstätte in Santa Clara. Die Grabstätte des Revolutionsführers und seiner Mitstreiter ist gleichzeitig ein Museum. Die Geschichte Kubas ist unglaublich spannend und macht das Land schlussendlich so einzigartig, wie es ist. Che Guevara wird noch immer als Nationalheld verehrt, und ich denke, die Leute hier sehen, dass auch der Sozialismus zwei Seiten hat und nicht alles daran nur schlecht ist. So hat Kuba zum Beispiel ein hervorragendes Gesundheits- und Schulsystem.

Die schönsten Strände der Insel gibt es im Norden. Einer der berühmtesten Badeorte ist Varadero. Sehr touristisch zwar, aber um ein paar Tage auszuspannen und Sonne zu tanken, genau das Richtige. Ich war früher ein passionierter Segler, und hier kann man fast alles machen, was irgendwie mit Wasser und Wassersport zu tun hat. Zum Beispiel kann man vom Hotel aus mit Katamaranen aufs Meer rausfahren oder sogar Bootstrips mit Delfin-Schwimmen buchen.

Unglaublich inspirierend

Überrascht hat mich übrigens das gute Essen in Kuba. Ich dachte, das sei ein bisschen einseitig, aber die Auswahl ist wirklich recht gross. Am besten isst man in privaten Restaurants, sogenannten ‚Paladares‘. Unter ihnen gibt es auch echt Sehenswertes, zum Beispiel ‚La Guarida‘ in Havanna. Von aussen ein typisches, scheinbar baufälliges Haus, erreicht man das Restaurant über eine mehr als in die Jahre gekommene Treppe – und landet in diesem Schmuckstück. Hier wurde übrigens der oscarnominierte kubanische Film ‚Erdbeer und Schokolade‘ gedreht – unschwer zu erkennen an den vielen Fotos an den Wänden.

Alles in allem sind Kuba im Allgemeinen und Havanna im Besonderen unglaublich inspirierend. Ich kann mir gut vorstellen, einmal ein paar Monate hier mit Songschreiben zu verbringen.“

Nic Maeders Top 3 in Havanna

1. Auf den Spuren des Buena Vista Social Club: Für Fans von Latino-Klängen ein besonderes Highlight: Eine Tour durch die berühmten Egrem-Musikstudios (410 Calle San Miguel, Havana).

2. Kunst ist König: Das Wohnhaus des „kubanischen Gaudi“ José Fuster ist gleichzeitig ein Museum und nennt sich Fusterlandia (Playa de Jaimanitas, Havana).

3. Erdbeer und Schokolade: Den mit Sicherheit besten Schoggikuchen in Kuba gibt’s im Restaurant La Guarida. (418 Concordia, Havana)

(Text: Sandra Casalini)