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Son, Salsa, Reggaeton: In diesem Rhythmus schlägt das Herz Kubas

Kaum ein anderes Land hat – verglichen mit seiner Grösse – so viele Musikstile hervorgebracht wie Kuba.

Bereits in den Fünfzigern und Sechzigern eroberten Son, Salsa oder Mambo von der Karibikinsel aus die Welt. In den Neunzigern sorgte Wim Wenders’ Kultfilm „Buena Vista Social Club“ für eine richtige Kuba-Welle in Europa und den USA. Im Gegenzug war es aber ein Schweizer, der das grösste Festival kubanischer Musik nach Havanna brachte. Roger Furrer lebt heute in Kubas Hauptstadt und organisiert sein „Caliente“-Festival nicht nur in Zürich, sondern weltweit. Im März 2016 fand es zum zweiten Mal in seiner Wahlheimat statt.

„De Alto Cedro voy para Marcané, Llego a Cueto voy para Mayarí.“ Wer in Kuba im Allgemeinen und in Havanna im Besonderen unterwegs ist, kommt nicht um sie herum, diese ersten Zeilen des „Buena-Vista-Social-Club“-Songs „Chan Chan“. Kaum sitzen ein paar Touristen irgendwo zusammen in der Sonne, packt eine Strassenband Gitarre und Trommeln aus und stimmt den Kuba-Hit der Neunziger an.

Das Musikprojekt des US-Musikers Ry Cooder und der zugehörige Dokumentarfilm von Kult-Regisseur Wim Wenders machten eine Gruppe älterer kubanischer Musiker rund um den Sänger Ibrahim Ferrer und den Gitarristen Compay Segundo über Nacht zu gefeierten Stars. Acht Millionen Platten verkaufte das Projekt weltweit – dabei waren ihre Shootingstars alle bereits jenseits der Siebzig.

Fotos: Shane Banks/Caliente

Die Verschmelzung afrikanischer und europäischer Stile

Dass Musik und Rhythmus nicht erst seit dem Erfolg von „Buena Vista Social Club“ Kubas Herz und Seele sind, merkt man bei jedem Schritt, den man durch die Städte und Örtchen dieses Landes geht. An jeder Ecke wird gesungen, gespielt und getanzt. Konzerte finden täglich nicht nur in den Clubs statt, sondern auch auf der Strasse, in Gässchen oder auf Treppen. „Wenn ich hier bin, besuche ich möglichst jeden Tag zwei, drei Konzerte“, erzählt „Caliente“-Gründer Roger Furrer. „Musik ist mein Leben, meine Leidenschaft, mein Beruf. Ich kriege nie genug davon.“ Sicherlich auch einer der Gründe, warum der Zürcher seinen Lebensmittelpunkt mittlerweile nach Havanna verlegt und seine beiden Söhne in der französischen Schule der Stadt angemeldet hat.

„Kubanische Musik ist extrem vielfältig, das macht sie so faszinierend“, sagt Furrer. Und: „Sie drückt das Lebensgefühl auf dieser Insel aus wie kaum etwas anderes.“ Der kubanische Sound hat seinen Ursprung in der Verschmelzung afrikanischer und europäischer Stile, entstanden durch die spanischen Einwanderer und afrikanischen Sklaven. So entsprang aus ländlicher „Volksmusik“ wie dem Guajira und der Musica campesina der Son, eine der Hauptrichtungen der kubanischen Musik, welche die Grundlage für viele verschiedene Stilrichtungen gelegt hat, insbesondere der Salsa und der Timba. Die populärsten Timba-Vertreter sind „Los Van Van“. 1969 gegründet waren sie die Ersten, welche die traditionellen Stile mit Synthesizern „aufmischten“.

Zurück zu den Wurzeln: das erste „Caliente“-Festival in Havanna

Eben diese „Los Van Van“ spielten 2001 zusammen mit Salsa-Musiker Isaac Delgado und Jazz-Legende Herbie Hancock – damals mehr oder weniger illegal ins Land geschmuggelt – ein gigantisches Open-Air-Abschluss-Konzert des ersten von Roger Furrer organisierten „Caliente“-Festivals in Havanna. Furrer reiste 1990 erstmals nach Kuba. „Ich hatte zuvor einen Künstler beim Musikfestival in San Remo betreut, und in der Garderobe neben uns war eine kubanische Band“, erzählt er. Man verstand sich gut, die Einladung nach Havanna folgte auf dem Fuss, im Anschluss auch eine gemeinsame Tour durch Kuba. „Eine spannende Zeit“, erinnert sich Roger Furrer. „Die UdSSR, Kubas wichtigster Handelspartner, war gerade zusammengebrochen. Es gab fast keine Autos und kaum Benzin. Wir konnten nur touren, weil die Band, mit der wir unterwegs waren, regierungsnah war.“

Durch sie entstand der Kontakt zur kubanischen Regierung – und die Idee, das Zürcher Latino-Festival „Caliente“ sozusagen zu seinen Wurzeln zu bringen. Nach dessen Durchführung in Havanna 2001 hatte Furrer allerdings erst einmal die Nase voll. „Die Organisation war wahnsinnig kompliziert und der Aufwand riesig. Ich brauchte eine Pause, wollte ein bisschen andere Luft schnuppern.“ Gesagt, getan: 2009 fand das „Caliente“ neben Zürich auch in Miami statt und 2013 in Punta Cana in der Dominikanischen Republik. Vor ein paar Jahren reiste Roger Furrer dann erstmals wieder zurück nach Kuba. „Und plötzlich reizte es mich, auch hier wieder ein Festival auf die Beine zu stellen.“ Zumal sich in der Stadt viel getan hatte. „Endlich kann man hier gut essen. Es gibt spanische Restaurants oder italienische wie das ‚Corte del Principe‘ im Stadtteil Miramar. Hier bei Sergio haben schon Superstars wie Mick Jagger oder Zucchero gegessen.“

Reggaeton – der Sound der Stunde

So stieg denn im März 2016 das zweite „Caliente“-Festival in Havanna. Diesmal war die Organisation um einiges einfacher als vor fünfzehn Jahren. Aber auch jetzt brauchte es noch den Segen der Regierung – „und drei Tage vor dem Festival wussten wir noch nicht, ob wir das geplante Open-Air-Abschlusskonzert durchführen können“, erzählt Roger Furrer. Schlussendlich lief alles glatt. Auch diesmal brachten die Superstars von „Los Van Van“ – mittlerweile gut mit Furrer befreundet – die Menge zum Tanzen.

In der Zwischenzeit ist es aber eine andere Richtung als die traditionellen Son oder Salsa, welche die Bühnen und vor allem die Herzen der jungen Kubanerinnen und Kubaner erobert: Reggaeton. Der Mix aus Latino-Rhythmen, Reggae, Dancehall und Hip-Hop hat in Kuba seine eigenen Stars hervorgebracht. „Gente de Zona“ touren durch die ganze Welt, auch „El Chacal“ – mit bürgerlichem Namen Ramon Lavado Martinez – ist international erfolgreich. Und „Yomil y El Dany“ haben in ihrem ersten Jahr auf der Social-Media-Plattform Facebook fast 60'000 Likes generiert – und geben auf ihrer Seite unter „Interessen“ an: „die Welt mit unserer Musik erobern.“ Ihre Chancen dafür stehen nicht schlecht. Schliesslich haben das die Rhythmen ihrer Heimat längst getan. Und ein Ende nicht in Sicht.

Kubas wichtigste Musikstile

Son: Eine der Hauptrichtungen in der kubanischen Musik, basierend auf Gitarre und afrikanischen Rhythmen. Ein Grundelement ist der typische vorweggenommene Bass. Vermutlich ein Vorläufer des Son ist der Changui, eine schnellere Version mit Betonung auf dem Schlagzeug. Vom Son abgeleitet ist zum Beispiel die Salsa oder der Cha-Cha-Cha.

Salsa: In den siebziger Jahren wurde der Son mit anderen Latino-Formen kombiniert, zum Beispiel mit Mambo oder Rumba. Daraus entstand die Salsa.

Habanera: Die Habanera entwickelte sich im 19. Jahrhundert aus der Musik und den Tänzen von Einwanderern aus Haiti. 1995 nahm die kubanische Künstlerin Liuba Maria Hevia erstmals eine ganze Platte mit Habanera-Musik auf. Diese verkaufte sich in Spanien allerdings wesentlich besser als in Kuba selbst.

Nueva Trova: In den Sechzigern und Siebzigern entstanden in Kuba typische Liedermacher-Songs mit sozialen, politischen und sozialkritischen Texten. Das wohl bekannteste Nueva-Trova-Lied: „Guantanamera“, Joséito Fernandez’ Vertonung des gleichnamigen Gedichtes von José Martí.

Timba: Die kubanische Adaption der Salsa, die ursprünglich in den USA entwickelt wurde. Etwas schneller und härter als diese.

Reggaeton: Vor allem bei jungen Kubanerinnen und Kubanerin ist der Reggaeton – oder „Reguetón“ – seit einigen Jahren sehr beliebt. Er weist Elemente von Son, Salsa, Merengue, Reggae, Hip-Hop, Dancehall und elektronischer Tanzmusik auf und entwickelt sich ständig weiter.

(Text: Sandra Casalini)