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„Ich liebe die Farben, das Licht und den Lärm“

Fünf Wochen lang ging der Fotograf Shane Banks täglich durch die Strassen Havannas. Sein Ziel: die Seele Kubas auf seinen Bildern einfangen. Nicht ganz einfach für einen grossgewachsenen Ausländer wie ihn.

Shane Banks, warum haben Sie sich ausgerechnet Kuba als Ort für Ihre Fotoprojekte ausgesucht?

"Ich reiste zweimal im Auftrag von Edelweiss nach Kuba. Beim zweiten Mal bin ich länger geblieben, um meine eigenen Projekte zu realisieren. Beim ersten Trip war ich nur eine Woche dort und habe es geliebt. Ich wusste, dass ich dieses Land unbedingt noch mehr entdecken will, und als sich im Rahmen eines zweiten Edelweiss-Jobs die Möglichkeit ergab, habe ich sie beim Schopf gepackt. Ich hatte jemanden kennengelernt, bei dem ich wohnen konnte. So lebte ich in Havanna fünf Wochen lang mit einer einheimischen Familie zusammen – inklusive Grossmutter und Schulkindern. Das war eine fantastische Erfahrung."

Was fasziniert Sie so an Kuba?

"Ich liebe die Farben, das Licht, den Lärm, den Fakt, dass die Leute alles mögen, was mit Bildern zu tun hat. In Kuba sieht man jede mögliche Hautfarbe, man hört jedes nur erdenkliche Geräusch. Ironischerweise hatte ich in diesem Land, das wegen seines sozialistischen Systems so lange abgekapselt war, ein enormes Gefühl von Freiheit. Aber auch eines von grossem Zusammenhalt, ein richtiges Zugehörigkeitsgefühl. In jeder Strasse gibt es eine Community, und man hilft sich gegenseitig. Wenn in Zürich jemand auf der Strasse stolpert oder eine Tasche fallen lässt, kann er möglicherweise lange darauf warten, dass ihm geholfen wird. In Kuba ist sofort jemand zur Stelle, wenn man Hilfe braucht, und erwartet dann auch nichts dafür."

Fotos: Edelweiss/Shane Banks

Wie haben Sie diese fünf Wochen verbracht?

"Ich habe mir vorher keinen Plan zurechtgelegt und wusste auch nicht, was ich genau fotografieren wollte. Zum ersten Mal in meiner Karriere wollte ich einfach durch die Strassen gehen und knipsen, was mir vor die Linse kommt. Eigentlich etwas recht Touristisches. Ich wollte aber ein bisschen tiefer gehen, die Charaktere der Leute in meinen Bildern hervorheben."

Was haben Sie gesehen, wenn Sie so mit Ihrer Kamera durch Havannas Strassen schlenderten?

"Unglaublich viel. Eine ältere Dame, die frühmorgens im Nachthemd mitten auf der Strasse steht und eine Brioche isst. Einen jungen Mann, der riesige Paletten mit Eiern schleppt. Es passiert so viel, und man kann gar nicht anders, als auf den Auslöser zu drücken."

Das heisst, es war einfach, tolle Bilder von den Leuten zu bekommen?

"Nein, überhaupt nicht. Es ist ja nicht so, dass ich als grossgewachsener Ausländer dort nicht auffalle. Und im Moment, in dem die Leute die Kamera entdecken, sind sie nicht mehr die gleichen. Ihr Blick ändert sich, ihr Ausdruck. Kubaner sind sehr offen und freundlich, aber sie schätzen ihre Privatsphäre und mögen das Gefühl nicht, dass man in diese eindringen könnte."

Wie haben sie denn auf Sie und Ihre Kamera reagiert?

"Nun, wenn ich gemerkt habe, dass jemand verunsichert ist, habe ich natürlich gefragt, ob ich fotografieren darf. Aber wenn man das machen muss, ist das Bild eigentlich schon verloren. Fürs Foto ist es viel besser, wenn man im Nachhinein fragt, ob es in Ordnung ist, dass man fotografiert hat. Wie gesagt sind die Leute generell sehr sozial und offen und kamen oft auf mich zu."

Erzählen Sie von einer solchen Begegnung.

"Ein grosser, dunkelhäutiger Mann setzte sich zu mir und erzählte, dass er Englischlehrer sei. Dann erklärte er mir, dass die ganzen Strassen aufgerissen sind, weil neue Gas- und Wasserleitungen verlegt werden. Er lud mich auf einen Drink in seiner Lieblingsbar ein, obwohl es offensichtlich war, dass er nicht viel Geld hatte. Er war einfach glücklich darüber, mit jemandem Englisch sprechen zu können. Natürlich habe ich unsere Drinks bezahlt."

Gibt es ein Lieblingssujet, das Sie fotografiert haben?

"Es gibt einige, aber spontan kommt mir der ältere Mann in den Sinn, den ich porträtiert habe, mit Mütze auf dem Kopf und vollem, weissem Bart. Er hat eine unglaubliche Ausstrahlung und Präsenz. Oder der Taxifahrer, den ich während der Fahrt geknipst habe. Als Taxifahrer kann man übrigens im Moment in Havanna recht viel Geld verdienen. Zu meinen liebsten Sujets zählen auch immer wieder Kinder. Diese Kids auf den Strassen, die nicht viel haben, strahlen eine so enorme Lebensfreude aus, dass man selbst unwillkürlich mitlacht, wenn man sie beobachtet."

Haben Sie einen Lieblingsort in Havanna?

"Ich habe im Stadtteil Vedado gewohnt, dem neueren Teil von Havanna mit vielen Gebäuden im Art-déco-Stil. Ich finde das Viertel sehr cool, weil man dort auf die bunte Vielfalt trifft, die Kuba zu bieten hat. Es gibt Glacé-Läden, Discos, Schwulenbars. Auch die Universität und die berühmten Hotels Nacional und Habana Libre befinden sich da."

Sie haben bei einer kubanischen Familie gelebt. Haben Sie mitbekommen, wie deren Alltag aussieht?

"Die Familie lebt in erster Linie davon, dass sie drei der Zimmer in ihrem Haus an Touristen vermieten. Die Frau des Hauses ist studierte Pharmazeutin – fast jeder in Havanna hat irgendetwas studiert – und arbeitet in einer Apotheke. Die beiden Buben gehen zur Schule, lernen Englisch und nehmen Tanzunterricht. Ich bin ein paarmal mit ihnen zur Schule gegangen und habe dort fotografiert. Das war sehr spannend. Die Kids müssen jeweils noch salutieren und Sprüchlein über ihre Nation aufsagen. Und dann war da noch die Oma. Sie hat mich sehr gemocht, hat mir morgens Frühstück gemacht und Guetzli zugesteckt."

Der Alltag einer typischen Mittelklasse-Familie in Havanna?

"Ich weiss es nicht, da ich nicht wirklich einen Vergleich habe. Für den Moment ist es vielleicht recht typisch, dass alle versuchen, in irgendeiner Art und Weise mit Touristen zu Geld zu kommen. Eben, indem sie zum Beispiel Zimmer vermieten oder ein privates Restaurant aufmachen. Oder ihr Privatauto zum Taxi umfunktionieren. Das macht der Vater meiner Gastfamilie, Eduardo, ebenfalls."

Kuba befindet sich an einer Art Neubeginn, öffnet sich immer mehr. Merkt man das im Land selber?

"Absolut. Es liegt so etwas wie eine freudige Erwartungshaltung in der Luft, die Stimmung ist gut. Was auch typisch ist: Eltern wollen ihren Kindern die bestmögliche Ausbildung zukommen lassen. Jetzt noch mehr als vorher, weil sie für sie tatsächlich eine erfüllte Zukunft sehen."

Eine wahnsinnig spannende Zeit für Kuba.

"Das stimmt. Ich hoffe aber, dass sich das Land nicht zu schnell ändert und es schafft, seine Unabhängigkeit und seine Einzigartigkeit zu bewahren. Alles andere wäre enorm schade."

(Text: Sandra Casalini)