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Vulkaninsel mit Style

Im Norden Fuerteventuras kann man es sich so richtig gut gehen lassen, dank milder Temperaturen sogar das ganze Jahr über. Autorin Michèle Graf hat sich aufgemacht, das Ferienparadies zu entdecken. Und erlebte einen spannend Trip voller Abenteuer, Spass und kulinarischen Leckerbissen.

Bei der Landung in Puerto del Rosario strömt mir heisser Wüstenwind entgegen: Calima nennen ihn die Leute hier. Mein kleiner roter Mietwagen wartet schon vor der Tür des Hotels Barceló Corralejo Sands. Die Bilder im Reiseführer machen mir richtig Lust: Heute will ich mir den Norden der Insel ansehen.

Auf der neu ausgebauten Landstrasse FV-101 ist man flott unterwegs. Am Wegesrand wachsen Agaven und Aloe Vera. Fuerteventura ist ein bekannter Lieferant der Heilpflanze, vielerorts finden sich Aloe Vera-Shops. Ein Cremetiegel kullert auch schon in meiner Handtasche hin und her.

Fotos: Michèle Graf

Kunst und Vulkan: Das geht zusammen

Mein erstes Ziel ist heute die Provinzhauptstadt La Oliva. Stadt ist zu viel gesagt: Der Ort ist ein Nest mit etwas über 1300 Einwohner. Aber ein schönes. Hier steht der ehemalige Herrensitz Casa de los Coroneles (Haus der Obersten). Das Gebäude im Kolonialstil mit vielen Fenstern und Holzbalkonen ist heute ein Kulturzentrum. Ein gutes Fotomotiv. Denn gleich dahinter ragt der Montaña de Tindaya auf, der als heiliger Berg der kanarischen Ureinwohner gilt.

Gegenüber befindet sich eines der besten Museen der Insel: die Casa Mané. Dort stellen seit den 1990er-Jahren lokale Künstler aus, der Eintritt für das schöne Gebäude mit Garten ist mit vier Euro günstig. Nur die Öffnungszeiten muten einer Zentraleuropäerin wie mir eher seltsam an: 10.30 bis 14 Uhr. Aber das scheint hier üblich zu sein, viele Läden auf dem Land sind ebenfalls so geöffnet. Die Ausstellung ist lichtdurchflutet. An den Wänden hängen Landschaftsbilder, aber auch Abstraktes. Am besten gefallen mir die knallbunten Werke der jungen Künstlerin Greta Chicheri aus Lajares. Sie malt Surfszenen in Öl und gibt auch Workshops. 2005 kam sie als Touristin auf die Insel und ist hängen geblieben. So geht das vielen hier. Das Highlight der Casa Mané ist aber eindeutig der Vulkansteingarten, den ich heute für mich alleine habe. Hier begegne ich nicht zum ersten Mal dem Inseltier: einer Ziege. Überall steht sie als Metallstatue im Garten. Der Künstler Albert Argulló hat 72 Stück davon aufgestellt. Weiter hinten finde ich einen kanarischen Rundofen (El Horno). Darin buk früher das ganze Dorf sein Brot.

Einmal Hippie sein im Surferdorf

Von La Oliva führt eine pittoreske Strasse nach Lajares. Schwarz und schnurgerade verläuft sie durch die trockene Ebene. Links und rechts warten teils zerfallene Windmühlen auf ihren Einsatz, typisch für Fuerteventura. Hier weht immer eine Brise.

Obwohl Lajares auf dem Land liegt, wimmelt es hier nur so vor Surfshops. Unterkünfte sind günstig, der Ort liegt exakt mittig zwischen West-und Ostküste. Heute ist er allerdings ein bisschen zugeparkt. Ein Schild klärt auf: Mercado Artesanal – Craft Market. Jeden Samstag gibt es auf dem Dorfplatz lokales Handwerk und Schmuck. Bei vielen solchen Märkten dominiert ja leider die asiatische Billigware, hier nicht. Auf einer improvisierten Bühne machen zwei struppige Kerle - Prototyp Aussteiger - sogar Live-Musik. An einem Stand gibt es herzige selbstgenähte Kindersachen aus Stoff. Alles sehr modern. Keiner versucht mir etwas aufzuschwatzen. Die Händler sind wie man sich Surfer vorstellt: tiefenentspannt. Lajares ist auch wegen einem Mann ein Surfmekka: Altmeister und deutsche Surflegende Jürgen Hönscheid und seine Familie betreiben hier seit 1998 den Surfshop Northshore - und stellen die Bretter sogar selbst her. Der coole Laden liegt gleich am Ortseingang.

Am Markttag ist es lustig, die Hauptstrasse entlang der Minishops und Cafés zu schlendern. Am Ende entdecke ich die Bäckerei El Goloso. Hipper Style, der Kaffee ist hier super. Vor der Auslage bekomme ich grosse Augen. Es gibt einen Keks in Ziegenform mit dem Namen Cabrita, der mit einer leckeren Praliné-Creme gefüllt ist. 1,65 Euro. Souvenir? Nein, den esse ich lieber selbst.

Schliesslich muss ich mich vor meiner Wanderung auf den Vulkan Calderon Hondo stärken. Rot ragt er hinter dem Ort auf, alle Wanderwege sind ordentlich ausgeschildert. In der karstigen Landschaft gibt es weder Baum noch Strauch, nur Flechten fühlen sich hier wohl. Schritt um Schritt merke ich wie Ruhe in meinen Kopf einkehrt. Bis zu einem ersten Aussichtspunkt wandert man etwa eine Stunde. Vom Kraterrand geht es 70 Meter in die Tiefe. Zum Glück ist die Plattform gesichert. Zurück beim Parkplatz muss ich lachen. Hier weist ein Schild auf ein Kamel-Taxi hin. Wer sich anmeldet, kann sich von den geduldigen Wüstenschiffen also auf den Vulkan tragen lassen. Etwas die Strasse runter steht eine kleine Surferbude. Bunte Schilder, Hängematte, Reggaemusik. Es ist die Bar der Surfschule Fuerte Vida, hier gibt es frischen Saft und dazu gleich noch eine Windprognose. Nein, heute sei es zu windstill. Falls ich eine Anfängerstunde nehmen will, soll ich es in El Cotillo an der Westküste versuchen.

Fotoscheue Kamele und Weitblick bis nach Lanzarote

Doch über die Insel zu düsen macht einfach gute Laune. Das Insel-Innere hat eine herrlich Weite, kleine Steinmauern durchbrechen die Landschaft. In Tefia finde ich am Wegesrand das Ecomuseo De La Alcogida. Anhand von sieben verschiedenen Häusern zeigt es, wie die Majoreros, die Einwohner von Fuerteventura, früher gelebt haben. Eine kleine Zeitreise. Der Name leitet sich von "majos", Höhlen, ab. Später zogen die Altkanarier in Minihäuschen aus braunem Naturstein. Sie sind weiss getüncht, schützen sich mit ihren kleinen Fenstern gegen die Hitze. Die Häuser sind so eingerichtet, dass ich das Gefühl habe, hier seien die Menschen gerade erst vom Esstisch aufgestanden, um wieder aufs Feld zu gehen. Tatsächlich haben hier die Bauernfamilien bis in die 70er so gelebt. Im Museum habe ich schnell meine Lieblinge gefunden: In einem Stall kauen zwei Kamele gemächlich auf Stroh. Nur auf Selfies haben sie keine Lust und zeigen mir ihr Hinterteil. Menno! Hühner flitzen mir um die Beine, auf jedem Dach sitzen weisse Tauben und ein Esel wackelt mit seinen langen Ohren. Wieder so ein friedlicher Ort, ganz anders als die vollen Küstenstädte Fuerteventuras mit den blinkenden Fassaden.

Zurück in meinem Auto wartet ein Highlight der heutigen Strecke auf mich: die Fahrt hoch zum Aussichtspunkt Morro Velosa. In Serpentinen windet sich die Strasse den Berg Tegú hinauf. Auf 645 Metern steht ein gut ausgebautes kostenloses Besucherzentrum mit enorm grossen Fenstern. Der auf den ganzen Kanaren berühmte Künstler Cesar Manrique hat es entworfen und gebaut. Von hier oben kann man tatsächlich die halbe Insel sehen. In Rot, Braun, Ocker erstreckt sich die Landschaft bis zum Meer. Nur der Wind pfeift hier oben ganz schön streng und kalt. Jetzt verstehe ich, warum eine der gängigsten Übersetzungen des Inselnamens "wilder Wind" ist. Jacke anziehen! Am Horizont erspähe ich die Insel Lanzarote.

Auf einen Monsterkaffee in der alten Hauptstadt

Über den Berg habe ich mich nicht umsonst gekämpft, denn im nächsten Tal wartet die ehemalige Hauptstadt der Insel: Betancuria. Wieder ist der Titel Stadt übertrieben, denn hier wohnen nur etwa 200 Menschen, aber ein Treiben herrscht allemal. Im Gegensatz zum Rest der Insel ist der Ort sehr grün, überall blüht der Oleander, ein Bächlein plätschert. Betancurias Gässchen mit schiefem Kopfsteinpflaster sind idyllisch, das zieht die Touristen an. Es ist berühmt für seine Strickereien. Auch wenn man nicht im edlen Restaurant Casa Santa Maria im Ortszentrum isst, lohnt sich ein Blick in den zugehörigen Souvenirshop. Es erschlägt mich fast, denn der Besitzer hat es tatsächlich geschafft jeden Zentimeter in den drei Räumen zuzustellen. Ein Sammelsurium aus Keramik, Taschen, Kaktus-Marmelade. Ganz hinten gibt es Körbe - schade, dass die nicht in mein Fluggepäck passen.

Die Kirche Santa Maria aus dem 17. Jahrhundert ist die Hauptattraktion des Ortes. Sie ist eine der grössten der Insel, früher versteckten sich die Bewohner darin auch vor Piratenangriffen. Der Eintritt kostet 1,50 Euro. Im Inneren der Kirche pilgern die Menschen zu einer Statue namens Virgen de La Peña. Hinter dem Altar darf man die Sakristei besuchen. Es scheint mir golden entgegen. Der hölzerne Raum ist komplett bemalt und mit Blattgold veredelt.

Nun knurrt mein Magen. Zeit für einen Nachmittagssnack. Am Fluss liegt das Restaurant Bodegón de Don Carmelo. Es hat eine urige Terrasse, auf der ich zum Glück noch einen Platz bekomme. Hier sitzt man gemütlich zwischen Obstbäumen, fast alle Gäste bestellen eine Tapas-Platte. Hier gibt es auch die leckeren Schrumpelkartoffeln namens Papas Arrugadas mit Mojo Verde und Mojo Picante. Typische Saucen. Ich entscheide mich für meine heissgeliebten Albondigas (Fleischbällchen), Oliven und den Ziegenkäse Cumbre de Betancuria. Für Schweizer Verhältnisse schmeckt er sehr mild. Andere Gäste nehmen währenddessen schon ihren Nachmittagskaffee mit Mandelplätzchen und Barraquito. Die unterste Schicht des Getränks besteht aus dicker gezuckerter Kondensmilch, darüber kommt der spanische Likör 43, ein Espresso und eine Milchhaube.

Rau und schön im Westen

Wieder unten laufe ich einen kurzen Rundweg, überall stehen Steintürmchen. Andere Spaziergänger werfen Brotkrumen zwischen die porösen Felsen. Es vergehen keine zwei Minuten und kleine Erdhörnchen sammeln den Snack auf. Echt herzig! Auf den Pisten rund um den Turm sind Buggytouren sehr beliebt. Ein staubiges Vergnügen, das gut zur Aktiv-Insel Fuerteventura passt. An mir knattern einige Buggys vorbei.

Ich mache noch einen kurzen Abstecher zum Hafen von El Cotillo. Meterhoch spritzt die Gischt über den Anleger, wo sonst Leute auf kleinen Plastikstühlen Kaffee trinken. Kinder spielen in den Gassen. Ein perfekter Spot, um den Sonnenuntergang zu geniessen. Die Surfer lieben den Strand des Ortes, weil auch Anfänger hier gut zurechtkommen. Mit seinen Lavafelsen und dem türkisblauen Wasser hat er grossen Charme. Er ist auch für Familien geeignet, weil er flach ins Meer abfällt.

Wie in der Wüste

Ein Highlight des Tages wartet noch auf mich: Die Dünen vor Corralejo sind bei Sonnenauf- und untergang besonders schön. Hier kann man einfach an der Strasse parken (nur auf befestigten Parkplätzen, sonst sinkt nämlich das Auto ein) und loswandern. Ich komme mir ein bisschen vor wie ein Beduine. Aber es macht echt Spass, die Dünen rauf und runter zu springen. Auf dem Kamm angekommen, ist der Blick Richtung Meer, Lanzarote und Los Lobos atemberaubend. Das gesamte Gebiet um die elf Kilometer langen Wanderdünen steht unter Naturschutz, ist ständig in Bewegung. Der Sand stammt nicht aus dem nahen Afrika, sondern besteht aus zersetztem Muschelkalk. Die Dünen sind das Reich des Wüstenvogels Kragentrappe. Leider bekomme ich heute Abend keinen mehr zu Gesicht, dafür aber Surfer.

Zurück in Corralejo lasse ich mich in der Waikiki Bar fix und fertig in einen Stuhl fallen und bestelle einen Daikiri. Die Bar ist klasse, sie liegt direkt am Stadtstrand. Füsse in den Sand, Musik geniessen.

Fazit des Tages: Auch abseits von Strand und Meer ist Fuerteventura eine faszinierende Insel. Sie verzaubert besonders durch ihre Klarheit und Weite. Sie ist weit mehr als ein Surfspot oder eine All- inclusive-Destination. Perfekt für alle, die gerne aktiv sind und sonnensatte Ferien geniessen wollen.

Tipps in Corralejo

Bar der Fischer: Ins Restaurant La Lonja am Hafen gehen die Einheimischen wegen der guten Tapas mittags gerne essen. (Calle Isla de Lobos, 35660 Corralejo)

Smoothie Bar: In der H2O Juice Bar & Vegan Café werden auch Veganer fündig. Auf den bunten Stühlchen sitzend kann man das Treiben auf dem Platz beobachten und ein Stück des bekannten veganen Cheesecake verdrücken. (Calle la Milagrosa, 29, 35660 Corralejo)

Sunset Bar: Am Strand Vista Lobos am Rand des Ortes liegt die Sunset Lounge. Hier ist schon tagsüber chillen angesagt, abends legen DJs auf, während die Gäste in den Sonnenuntergang hinein tanzen. (Av. Corralejo Grandes Playas, 75, 35660 Corralejo)

(Text : Michèle Graf )