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"Die See, die Sonne, das freie Leben. Danach hatte ich immer gesucht."

Hohe Wellen, konstanter Wind, wärmende Sonne. Fuerteventura ist das Wassersportparadies der Kanaren. Hier nur faul am Strand zu liegen wäre Verschwendung. Alex und Sophie Hülsberg von der Aloha Surf Academy in Corralejo erzählen, was Fuerteventura zum Hawaii Europas macht, und wo man die perfekte Welle findet.

"Als ich hier zum ersten Mal mit dem Flugzeug ankam, dachte ich, ich lande auf einer Baustelle", erinnert sich Alex Hülsberg an seinen ersten Eindruck von der Insel Fuerteventura. Wie sollte er es in dieser Wüste ein halbes Jahr zum Arbeiten aushalten? Heute lacht der Surflehrer über seine Einstellung damals. In Hoodie und Flipflops hockt er mit seiner ausgebleichten Mähne am Playa vista Lobos in Corralejo. Kurz nach der Ankunft vor zehn Jahren packte den Deutschen dann doch das Inselfieber. Die türkisblauen Wellen, der feine Sand und die lockere Stimmung sind für ihn unschlagbar. Wer Alex und seine Frau, die Schweizerin Sophie, sowie ihr dreijähriges Töchterchen Nayra sieht, weiss, wie Leute aussehen, die ihr Paradies gefunden haben. Für die Hülsbergs ist das ein Leben mit den drei magischen S: Strand, Sonne und Surfen.

Fotos: Michèle Graf

"Sophie, wie habt ihr beide euch eigentlich kennengelernt?"

Sophie: "Ich wollte hier 2009 einen Surfkurs machen und hatte bei Alex Unterricht. Was für ein Klischee: Ich habe mich in meinen Surflehrer verknallt. (Lacht) Ich sass dann am Ende meiner Ferien auf einer Bank am Meer und spürte: Hier könnte ich leben. Die See, die Sonne, das freie Leben. Danach hatte ich immer gesucht."

Sophie stammt aus Bassins VD. Die Genfersee-Region sei bis heute ihre Basis, sagt sie. Aber es hat sie schon immer hinaus in die Welt gezogen. Sie absolvierte eine Lehre beim Internationalen Roten Kreuz, studierte in San Francisco Englisch. Fürs Rote Kreuz ging sie dann in den Kongo, half dort, vermisste Kinder und ihre Familien wieder zusammenzuführen. Als Sophie in die Schweiz zurückkehrte, machte sie das Leben in dem reichen Land nicht mehr glücklich. Sie fragte sich, warum sie zehn Paar Schuhe und drei Uhren brauche. Als sie in Fuerteventura angekommen war, hatte sie ihren Traumort gefunden. 2013 kam Tochter Nayra zur Welt. Sie trägt einen kanarischen Namen. Eine bewusste Entscheidung ihrer Eltern, denn die Insel ist ihre Heimat geworden.

"Was gefällt euch so an Fuerteventura?"

Sophie: "Ich habe schon an vielen Orten gelebt, zum Beispiel in Brasilien und im Kongo. Dort war ich immer das blonde Mädchen und fiel auf. Hier ist es sehr europäisch. Bevor die Auswanderer kamen, lebten auf Fuerteventura nur ein paar Canarios. Es ist leicht sich hier zu integrieren. Die Einheimischen sind sehr nett und offen, das hat mir sofort gefallen. Man geht nicht einfach einen Kaffee bestellen und bezahlt. Die Barfrau fragt gleich: 'Hey meine Beste, wie geht’s?' Und das ist keine aufgesetzte Freundlichkeit."

Alex: "Einzigartig sind hier auf jeden Fall die Strände. Die Wasserfarbe am Flagbeach in den Dünen vor Corralejo ist unvergleichbar. Mir gefällt auch die Ruhe. Nach und nach gibt es mehr Freizeitangebote, aber man kann auch einfach in die Berge fahren und findet eine aufgeräumte Landschaft. Die Küste ist wilde und rau. Hier fühle ich mich mit der Natur verbunden. Alles ist sehr klein, die Schätze der Insel kann man noch selbst entdecken. Wenn ich wandern gehe, sehe ich zum Beispiel überall in den Vulkansteinfeldern kleine Blumen."

"Hat sich euer Wohnort Corralejo verändert?"

Alex: "Ja. Als ich 2007 als Surflehrer nach Corralejo kam, war die Stadt sehr klein, es standen nur wenige Hotels hier. In der Bucht vor der Promenade war ich damals Speerfischen und lief dann immer mit meinem Fang durch die Hauptstrasse."

Schon lange trug Alex den Wunsch in sich, eine eigene Surfschule zu eröffnen. Nachdem er und Sophie zwei Jahre eine Fernbeziehung geführt hatten, zog sie endgültig zu ihrem Herzblatt nach Corralejo. Kurzentschlossen kündigte Alex seine Anstellung als Surflehrer. 2011 eröffnete das Paar gemeinsam die Aloha Surf Academy. Alex unterrichtet, Sophie kümmert sich um die Buchungen und das Marketing. 80 Prozent ihrer Gäste sind Anfänger. Für Fortgeschrittene bietet die Surfschule spezielle Wochen und Reisen an. Die meisten Surferinnen und Surfer stammen aus der Schweiz, aus Deutschland und Frankreich. Die jüngsten sind sieben, die ältesten über 60. Viele sind inzwischen Freunde der kleinen Familie geworden.

"Stimmt es, dass du am Strand einen Spitznamen hast, Alex?"

Alex: "Ja (lacht), sie nennen mich den General. Ich pfeife oft mit der Trillerpfeife, damit meine Schüler auf dem offenen Meer mich auch hören. Nach dem Studium wollte ich eigentlich Sportlehrer werden. Jetzt unterrichte ich auch, Surfsport eben. Wir haben unsere Surfakademie gegründet, um Unterricht in hoher Qualität anzubieten. Viel Training mit Theorie ist uns wichtig."

"Wollen denn viele Kundinnen mit dir flirten?"

Alex: "Mit dem Image des Surflehrers als Sonnyboy habe ich so meine Probleme. Aber es gibt natürlich manche, die den Job auch machen, um Frauen kennenzulernen."

"Warum kommen ausgerechnet hierher viele Surftouristen?"

Sophie: "Surfen ist hier auf der Insel ein riesiger Trend. Jedes Jahr eröffnen zehn neue Surfschulen. Wir wollen in unserer aber auch den Spirit des Surfens weitergeben: Aloha. Es geht darum in der Natur zu sein und sich weiterzuentwickeln."

"Was fasziniert die Leute am Surfen?"

Sophie: "Eine Welle kann man nicht kontrollieren. Sie ist immer anders. Sonst ist in unserer Gesellschaft alles stets durchgeplant: Mein Wecker klingelt um sechs Uhr, der Zug kommt um 8.07 Uhr, um 10 Uhr habe ich einen Arbeitstermin. Um diesem Leben zu entfliehen sind wir hierhergekommen. Auf Fuerteventura lebt man nicht nach der Uhr. Ich nenne das die Slow-Motion-Mentalität. Ehrlich gesagt, brauchte ich zwei Jahre, um mich daran zu gewöhnen. Siesta-Kultur. Ich denke, genau deshalb kommen unsere Gäste gerne zu uns. Der relaxte Lebensstil, den sie von zu Hause nicht mehr kennen, zieht sie an."

"Und die Suche nach der perfekten Welle?"

Sophie: "Fuerteventura ist als das Hawaii des Atlantiks bekannt. Wir haben hier grosses Glück, weil wir das ganze Jahr über Wellen haben. In fünf Jahren mussten wir nicht eine Surfklasse absagen. Ein Paradies für Surfer. Wir waren wirklich schon an vielen Orten auf der Welt. Und immer kamen wir zurück mit der Frage: 'Warum machen wir nicht hier Ferien? Die Wellen sind am besten.' Ausserdem gibt es überall Shops und Mietmaterial, alleine 25 Läden in Corralejo."

"Wo sind die heissesten Surfspots der Insel?"

Sophie: "Es gibt eine Menge guter Stellen. Ich liebe drei ganz besonders. Zuerst: El Hierro, an der Nordküste. Der Einstieg dort ist nicht so leicht. Da die Küste felsig ist, sind in El Hierro die Wellen länger. Zum Surfen kann man auch zu unserer kleinen Nachbarinsel Los Lobos fahren. Dort gibt es Wellen, die einen Kilometer breit sind. Unglaublich. Und zuletzt ist die Gegend um den Ort El Cotillo mein absoluter Favorit, weil ich schnelle Wellen mag. Das kleine Städtchen liegt an der Westküste. Die Wasserfarbe dort ist wunderschön, besonders morgens. Im Süden von Fuerteventura sind die besten Surfstrände ganz an der Spitze der Insel. Dort kommt man sich wirklich vor wie am Ende der Welt. Aber ich bin selten dort."

"Wie lange braucht man, um surfen zu lernen?"

Sophie: "Im Durchschnitt drei Tage. Dann kann man sein Brett unter Kontrolle halten und weiss, wie man wieder aus dem Wasser kommt. Es ist kein Sport für Weicheier."

"Kann denn trotzdem jeder surfen lernen?"

Sophie: "Ja, aber es braucht etwas Geduld. Viele wollen gleich aufs Brett steigen, haben aber keine Balance. Eine Welle zu reiten ist harte Arbeit. Deshalb fangen wir mit Skateboards am Strand an."

Neben dem Surfunterricht bietet die Schule auch Surfsafaris und Vulkanwanderungen an. Instruktorin Nina gibt Yogakurse am Strand. Heute sind vier Leute an die idyllische Playa mit Blick auf die Insel Lobos gekommen. Atemübungen, Sonnengruss. Während Alex sich auf der Matte so richtig entspannen will, flitzt Töchterchen Nayra um ihn herum. Ein Gast hat Ragusa und Biberli mitgebracht. Die Kleine ist ganz aufgeregt und will unbedingt mit Papa teilen. Schnell ist der süsse Snack aus der Schweiz verputzt. Sonst isst Nayra am liebsten Gofio-Käse, eine kanarische Spezialität. Dank dem spanischen Schulsystem geht sie mit drei Jahren schon zur Schule, lernt dort Spanisch. Mit ihren Eltern spricht sie Französisch, Englisch und Deutsch. Ein blonder Wirbelwind, der bereits mit vier Monaten zum ersten Mal auf einem Surfbrett war. Dennoch ist es Sophie sehr wichtig, dass ihrer Tochter die alte Heimat kennenlernt. Zweimal im Jahr besuchen sie die Schweiz. Dort geniessen die sonnenverwöhnten Wahl-Canarios die Kälte und den Regen. Und Sophie verputzt ein Carac, ihr Lieblingsgebäck. Aber zurückkehren würde sie nicht. Zu viel Hektik. Liebgewonnenes nehmen die Auswanderer nach Möglichkeit mit. So hat Alex den Glühwein nach Corralejo gebracht. Die spanischen Freunde nennen ihn Sangria caliente. Alex hält es nie lange ohne seine Insel aus.

"Was hast du noch für Pläne, Alex?"

Alex: "Ich will Surflehrer bleiben, aber auch eine Permakultur-Farm aufbauen. Damit wird man Selbstversorger, produziert keinen Müll und verbraucht keine Energie von aussen. Früher hiess Fuerteventura Herbania. Die Insel war überzogen von mediterranem Buschland. Leider ist heute alles abgeholzt. Ich würde da gerne wieder etwas aufforsten. Unser vulkanischer Boden ist sehr fruchtbar, nur das Wasser fehlt."

Sophie: "Alex ist schon richtig spanisch geworden. Immer easy going. Es gibt kein Problem, nur Lösungen. Motto: 'Leb erst mal dein Leben. Manche Dinge darf man auch vertagen.' Von Alex habe ich gelernt, dass jeder Tag auch ein kleines bisschen wie Ferien sein soll. Wir können zusammen zum Yoga gehen, fahren Velo oder machen sonntags ein Picknick am Strand. Wir arbeiten weniger als in der Schweiz, haben natürlich weniger Geld, aber sind so sehr glücklich. Es ist wie in dem Sprichwort: Vielleicht haben wir keine Uhr, aber wir haben Zeit."

Die besten Fuerteventura-Tipps der Hülsbergs

Shopping: Shop Stitchcraft in Lajares. Hier stellt Auswandererin Claudia aus Luzern aus alten Surfsegeln Handtaschen her. (Av. Colonel Gonzalez del Hierro 29d, 35650 Lajanes)

Essen: La Vaca Azul in El Cotillo. Das Restaurant mit der blauen Kuh auf der Terrasse liegt gleich am Hafen. Aussicht perfekt. Spezialitäten sind natürlich der fangfrische Fisch und Muscheln mit Mojo Verde Sauce. (Calle Requena, 9, 35660 Cotillo)

Kanarische Kultur erleben: Fiesta de Nuestra Señora Buen Viaje: ein Hafenfest in El Cotillo in der dritten Augustwoche mit Bootsprozession. Alle Fischer werfen gemeinsam ein riesiges Netz aus und der Fang wird danach im Ort verteilt. Am Hafen haben die jüngeren Besucher grossen Spass daran, sich gegenseitig ins Meer zu schubsen.

Feaga: Im April pilgern alle in das kleine Fischerdorf Pozo Negro 30 Kilometer südlich von Puerto del Rosario. Bei dem kanarischen Pendant zu BEA und OLMA bieten Bauern von der ganzen Insel ihr Poulé an. Ein grosses Volksfest.

(Text: Michèle Graf)