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Zwei Berner und ihr Insel-Traum: Von Sternchen, Strand und coolen Drinks

Eine eigene Lounge-Bar auf Fuerteventura: Seit kurzem leben Tobias Bayer und Michael Paris ihren Traum. Und das zum zweiten Mal. Im Ferienparadies Corralejo im Norden der Insel Fuerteventura greifen die beiden Schweizer Auswanderer nach den Sternen.

Surfshops, Beachbars, Souvenirgeschäfte, Drogerien und Klamottenläden reihen sich im kleinen Örtchen Corralejo im Norden der Kanarischen Insel Fuerteventura dicht an dicht. An der hübschen Promenade direkt am Meer kann man den Fährschiffen und Fischern zuschauen. Zusammen mit den gepflegten Gärten der Hotelanlagen und dem hippen Nachtleben ist das Städtchen eine kleine Oase im umgebenden Wüstenland.

Zwei Millionen Gäste begrüsst die Insel jährlich und zieht damit auch viele an, die hier ihr Glück versuchen. Mittendrin: zwei Schweizer Auswanderer. Der Berner Tobias Bayer und sein Freund Michael Paris leben seit neun Monaten in Corralejo. Gleich in den ersten Ferien verliebten sie sich in die Hauptattraktion des Ortes: den elf Kilometer langen Strand mit seinen riesigen Wanderdünen. Wenn sie den weissen Sand unter ihren Füssen spüren, fühlen sie sich zu Hause. "Er ist wie in der Karibik. Gestern haben wir im Meer gebadet, es war wie eine Badewanne", schwärmt Bayer hinter dem Tresen seiner Bar im Einkaufszentrum El Campanario. Gekonnt mixt er eine Piña Colada, schneidet Früchte für die hausgemachte Sangria. Überall im Laden prangt das Logo mit dem grossen Stern. "Stars" – so nennt das Paar seinen Auswanderertraum. Eine Mischung aus Bar und kleiner Boutique. Neben Tobias rappelt es im Karton, denn Michael packt gerade neue Ware aus. T-Shirts mit dem Stern-Logo, dazu gibt es noch Tassen, selbstgemachtes Badesalz, Pullis und Caps. Alles selbst designt. Selbst eine Schaufensterpuppe lockt im Sternchen-Outfit Kunden an. Als ehemaliger Filialleiter des Zürcher Einkaufshauses PKZ ist Michael Paris stolz auf seinen Laden. Eine stilvolle Präsentation ist ihm wichtig. "Wir wollen die schönste Bar in Fuerteventura", definiert er das hehre Ziel. Und bisher läuft es gut für die Auswanderer: Seit Juni 2016 gehen heisse Drinks, Kaffee und erfrischender Sangria über den Tresen, die Sternchen-T-Shirts mussten schon drei Mal nachgeliefert werden.

Fotos: Schweizer Illustrierte/Geri Born

Auswanderertraum mit Hindernissen

"Viele Gäste sagen uns, die Bar sei wie in einer grossen Stadt. So etwas gab es hier vorher nicht", sagt Tobias Bayer. Es hätte sie auch fast nicht gegeben, denn im Frühsommer 2016 steckten die Auswanderer voll im Umbaustress. Handwerker, die nicht auftauchten, Rattanmöbel von drei verschiedenen Inseln, fehlende Lieferanten: Die Auswanderer kämpften vor der Eröffnung an allen Fronten. Sie haben ein, wie sie sagen, "sandiges Loch voller Abfall", in eine stylische Bar im cleanen Chic verwandelt. Wegen der spanischen "Mañana-Kultur" hat es eben etwas länger gedauert. Umso grösser ist nun die Freunde, dass jetzt die Kunden an sechs Tagen die Woche kommen.

Aber der Erfolg fordert seinen Preis. "Im Moment arbeiten wir extrem viel", sagt Bayer, der früher am Flughafen Bern Belp beschäftigt war. Dennoch lächelt er. Das milde Klima und die verwirklichte Selbstständigkeit entschädigen für die 13-Stunden-Tage. Die Nachbarn im Shoppingcenter beäugen die Auswanderer zwar kritisch. Anfangs nahmen die beiden die Konkurrenz zu Ernst. Inzwischen stehen sie über den Dingen.

Gerade lassen sich englische Stammgäste auf der Terrasse in die Sessel fallen. Tobias schöpft den Schaum vom einheimischen Tropical-Bier ab und nimmt sich viel Zeit für die Rentner, die teilweise auf den Kanaren leben. Alle Gäste sollen sich in ihrer Bar zu Hause fühlen, deshalb sind die Öffnungszeiten auch immer open end.

Die Wohnungssuche in der Stadt Corralejo gestaltete sich für die Schweizer Auswanderer überraschend schwierig. Ihre jetzige Bleibe war nach vielen Wochen der Suche ein Glückstreffer. "Wir haben den Makler auf der Strasse gesehen und sind ihm nachgelaufen", erinnert sich Tobias Bayer. Der Vermittler hatte erst wenige Minuten zuvor eine neue Wohnung ins Programm bekommen. Die beiden Schweizer waren nach der schnellen Besichtigung die Wunschmieter der indischen Besitzer. Die Auswanderer amüsiert es, dass das Wohnzimmer goldene Wände hat, dafür leben sie nur fünf Minuten vom Meer entfernt.

Gulasch statt Paella

In diesen anstrengenden Monaten nach dem Start ist der Mittwoch, ihr freier Tag, dem Paar heilig. Oft fahren sie in die Hauptstadt Puerto del Rosario. Nur hier bekommt Michael seine geliebten Wohndesign-Zeitschriften. Endlich mal Zeit zum Käfele, Baden und Essen gehen. "Das ist unser Spätzle-Tag", sagt Michael lachend. Er stammt ursprünglich aus Ungarn und kocht auch in Spanien lieber Gulasch als Paella. Vor zehn Jahren zog er in die Schweiz und dann weiter auf die Insel. Beim Kochen merkt man: Die beiden sind ein eingespieltes Team. Auch wenn Tobias mehr redet - kommt es hart auf hart, fällt Michael die Entscheidung. Noch besser Spanisch zu lernen steht jetzt auf dem Plan. Und die schönen Seiten der Insel zu geniessen. Michael findet Stand-up-Paddling klasse, Tobias Touren mit Strandbuggies.

Die Kanaren sind ein begehrtes Auswanderungsziel, weil man hier im Gegensatz zu den Balearen und dem spanischen Festland im Tourismus ganzjährig arbeiten kann. Das Klima des ewigen Frühlings macht den Unterschied. Bereits 2011 packte das Schweizer Paar deshalb das erste Mal die Abenteuerlust. In Corralejo suchten sie sich Jobs, schnupperten in ein neues Leben hinein. Wegen der Wirtschaftskrise mussten sie aber in die Heimat zurückkehren. "Schon auf der Fähre haben wir gesagt, dass wir nochmal nach Corralejo gehen, aber nicht als Angestellte", resümiert Tobias Bayer. Sie sparten das Startkapital für die eigene Bar zusammen, planten den Umbau schon von der Schweiz aus. Eine fünfstellige Summe steckt im Stars. Wie viel genau? Darüber schweigen die Männer und lächeln. Der Mietvertrag für das Stars läuft jedenfalls fünf Jahre. Ihre zweite Auswanderung bereuen sie keine Sekunde. Klar schmerzt es die beiden, dass sie Freunde und Familie in der Schweiz zurücklassen mussten. Mit Chats und regelmässigen Besuchen halten sie Kontakt. An ihrem freien Abend geniesst das Paar noch einen Spaziergang am Meer. Der nächtliche Himmel ist weit, da hat es noch viel Platz für zwei Schweizer Sterne.

Geheimtipp der Auswanderer für gute Aussicht:

Im Einkaufszentrum El Campanario gibt es einen Aussichtsturm. Er ist kostenlos und bietet einen super 360-Grad-Blick auf die umliegenden Vulkane, die Dünen und die Küste. Der Aufstieg lohnt sich.

Calle Hibisco 1, 35660 Corralejo

Shoppingtipp:

Die Kanaren sind eine zollfreie Zone, d.h. Parfüm, Alkohol, Tabak und Benzin sind sehr günstig. In den Parfümieren der Kette "Fundgrube" gibt es keine gefälschte Ware und eine riesige Auswahl. Die Verkäuferinnen sind auf Zack. Auch wenn die Supermärkte zu einer Kette gehören, haben sie unterschiedliche Preise. Je weiter weg vom Touristenzentrum desto günstiger.

(Text: Schweizer Illustrierte/Michèle Graf)