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Von Männern in Röcken und schottischem Gold

Kultur, Kilts und Kulinarik: In Edinburgh kommen Kunst-Liebhaber genauso auf ihre Kosten wie Mode-Fans und Feinschmecker. Die schottische Metropole ist eine Stadt, die man mit allen Sinnen erlebt.

Das letzte Mal, als ich in Schottland war, war ich hochschwanger. Das hiess: Verzicht auf das berühmte schottische Bier – und auf den noch berühmteren schottischen Whisky. (Übrigens: Ja, es heisst "Whisky". Schreibt er sich "Whiskey", kommt er aus Irland). Das will ich diesmal nachholen.

Zum Auftakt gibt es aber erstmal ein Glas Champagner im altehrwürdigen Balmoral-Hotel mitten in der Stadt. Von aussen sieht "The Balmoral" aus wie ein Schloss. Auch innen ist es "königlich" eingerichtet, zeitlos elegant mit dicken Teppichen und Armsesseln, um darin zu versinken. Genau der richtige Ort, um sich auf die geschichtsträchtige Stadt einzustellen. Die Nächte verbringe ich allerdings im preiswerteren "Motel One", modern eingerichtet und vor allem grossartig gelegen – die erste Anforderung an ein Hotel bei einem Städtetrip.

Fotos: Ferris Bühler Communications

Absolutely delicious!

Zum Abendessen geht es ins "One Square Restaurant" im Hotel "Sheraton Grand". In der gemütlichen Bar gibt es statt eines normalen Apéros ein "Tasting" – eine Degustation. Aber nicht etwa von Bier oder Whisky, sondern von Gin! Tatsächlich hat die Destillation von Gin in Schottland eine lange Tradition, erlebt aber erst seit einigen Jahren einen richtiggehenden Boom. Gut 70 Prozent des in Grossbritannien hergestellten Gins stammen aus Schottland, die Brennereien scheinen wie Pilze aus dem Boden zu schiessen. Vorsichtig probiere ich mich durch die angebotenen Sorten – immerhin habe ich noch nichts gegessen, da verträgts keinen Schluck zu viel. Meinen Favoriten habe ich schnell erkoren: Er stammt von "Pickering’s", einer 150 Jahre alten Destillerie in Edinburg.

Nun brauche ich aber dringend etwas Festes in den Magen. Das Menü im "One Square" verspricht schottische Spezialitäten. Mit leichtem Unbehagen habe ich DIE schottische Spezialität überhaupt vor meinem inneren Auge: Haggis, mit Innereien gefüllter Schafsmagen. Ich bin ja wirklich nicht heikel, hoffe aber trotzdem, dass heute Abend noch etwas anderes auf der Karte steht als die inneren Werte diverser Tiere. Meine Hoffnung erfüllt sich. Es gibt Crab Cake (eine Art Küchlein aus Krabbenfleisch), Lamb Wellington (Lamm im Teigmantel) und zum Dessert Glacé mit Schoggisauce und den typisch britischen "After Eights" (mit Pfefferminz gefüllte dunkle Schokolade). Absolutely delicious!

Viel Geschichte und Kultur

Der Tag endet mit einem Ausflug ins 17. Jahrhundert. "The Real Mary King’s Close" ist eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten Edinburghs. Die "Close" war vor Jahrhunderten ein normales Strässchen zwischen mehreren Stockwerken hohen Gebäuden, weshalb sich das Leben dort wohl anfühlte wie ein Leben im Untergrund. Schon damals gab es Gerüchte um Morde, Geister und unerklärliche Dinge in "Mary King’s Close". Es wird vermutet, dass das Gas, das aus dem nahen, tief verschmutzten "Nor Loch" (einem kleinen See) in die Strasse drang, Lichtspiele und Halluzinationen auslöste – eine Erklärung für vermeintlichen Spuk. Heute wird die "Close" von Touristen besucht, die bei einer Führung alles über das Leben im Edinburgh des 17. Jahrhunderts erfahren. Ein grossartiges Spektakel mit schauspielerisch sehr talentierten Führerinnen und Führern, die ihre Geschichten so gruselig erzählen, dass man fast fürchtet, die ausgestellten Wachsfiguren könnten zum Leben erwachen.

Tag zwei beginnt mit einer grossen Portion Kultur. Das "National Museum of Scotland" erzählt Schottlands Geschichte, setzt sich mit Land, Leuten und Kultur auseinander. Besonders fasziniert mich "Mary, Queen of Scots", die Schottland im 16. Jahrhundert regierte und bei uns als Maria Stuart bekannt ist. Als sechs Tage altes Baby erbte sie den Thron von ihrem Vater, wurde durch die Ehe mit Franz II. auch Königin von Frankreich und kehrte als 17-jährige Witwe nach Schottland zurück. Als zeitlebens härteste Widersacherin der englischen Königin Elisabeth I. wurde sie von dieser schliesslich des Hochverrats beschuldigt und hingerichtet. Teil zwei dieses Vormittags im Zeichen der Kultur gibt es in der "Scottish National Gallery". Die drei Gebäude mitten in Edinburgh beherbergen alles, was die heimische Kunst hergibt, von der "Portrait Gallery" bis zu "Modern Art". Besonders gut gefallen mir die Bilder der schottischen Künstlerin Joan Eardley, die nach dem Zweiten Weltkrieg populär wurde. Eines ihrer bevorzugten Motive waren Strassenkinder in der Stadt Glasgow.

Was trägt denn nun der Schotte unterm Kilt?

Nach dem Lunch freue ich mich auf eines meiner Highlights eines jeden Städtetrips: Shopping! In der Schweiz ziehe ich äusserst selten durch die Läden, aber im Ausland gilt des Öfteren: Wehe, wenn ich losgelassen! Da kommt es dann auch mal vor, dass ich mir zusätzlich einen neuen Koffer kaufen muss, weil ich meine "Trophäen" sonst nicht verstauen kann. Natürlich gibt’s in der Innenstadt Klassiker wie "Primark" oder "Topshop". Viel spannender ist aber die Thistle Street, an der heimische Designer und Shops zu finden sind. Das unbestrittene Highlight an diesem Nachmittag ist der Besuch beim Kiltmaker Howie Nicholsby von "21st Century Kilts", der jede Art der berühmten Männerröcke herstellt - von traditionell bis sehr modern, und auch welche für Frauen. Die Wände seines Ladens sind gepflastert mit Fotos von berühmten Leuten, die seine Kilts tragen: Musiker Lenny Kravitz und Schauspieler Vin Diesel im Lederkilt, Monacos Fürstin Charlène im wunderschönen langen Frauenkilt. Da ich zu Hause wohl wenig Gelegenheit habe, einen solchen zu tragen, verzichte ich schweren Herzens auf den Kauf. Eine Frage muss ich Howie aber noch stellen – auch wenn er sie wohl täglich geschätzte 47 Mal hört: "Trägst du Unterwäsche unter dem Kilt?" Er grinst. "Ja. Ich trage ausschliesslich und täglich Kilt, nie Hosen, deshalb wäre ich ohne wohl ständig krank." Wer den Kilt nur zu besonderen Anlässen trägt, dem steht es frei, ob er "unten ohne" oder "mit" bevorzugt.

Nach einem kurzen Boutiquen-Bummel – nein, ich muss diesmal keinen neuen Koffer erstehen – geht es zum Bierbrauer "Innis & Gunn". Bei einem Viergänger darf hier Bier degustiert werden – wovon ich wirklich keine Ahnung habe. Aber ich finde die Bezeichnungen ("Rum Finish", "Toasted Oak" oder "Malt Whisky Trail") schon sehr ansprechend. Und der Abend ist dank des einen oder anderen Trinkspiels lustiger als erwartet – auch für Leute wie mich, die keine grossen Biertrinker sind. Zum Glück, muss ich sagen, denn diese laufen nicht Gefahr, das berühmte Glas zu viel zu erwischen und können den nächsten Tag ohne Brummschädel geniessen.

Ein Whisky-Erlebnis der besonderen Art

Ein Must auf einer Edinburgh-Entdeckungstour fehlt noch: das Edinburgh Castle. Das Schloss thront stolz über der Stadt, der Blick über die Dächer hinaus aufs Meer ist atemberaubend. Um das wichtigste Ausstellungsstück, die schottischen Kronjuwelen, zu Gesicht zu bekommen, muss man zwar ein wenig anstehen. Aber es lohnt sich, denn Krone, Schwert und Zepter gehören zu den ältesten royalen Ausstellungsstücken in Europa. Nach dem Schloss-Besuch empfiehlt sich ein Bummel über die "Royal Mile", die vom Castle zum "Palace of Holyroodhouse" führt, das der britischen Königin gehört. Hier geht es zu wie in einem Bienenstock. Bars, Restaurants und Shops reihen sich aneinander, Strassenkünstler und Dudelsackspieler erfreuen die Touristenschar.

Dann geht es endlich auf die ersehnte Whisky-Tour – am frühen Nachmittag, notabene! "The Scotch Whisky Experience Tour" ist ein einmaliges Erlebnis. Wie in einer Geisterbahn fährt man in nachgebauten Whisky-Fässern durch die Räume und bekommt die Geschichte des schottischen Goldes erklärt. Und natürlich gibt es auch etwas zum Probieren. Die Vielfalt ist riesig. Von weich und samtig bis so rauchig, dass man glaubt, das lodernde Feuer in der Kehle zu spüren, ist alles dabei. Fast jeder Whisky ist "Single Malt", also aus einer einzigen Brennerei und nicht gemischt. Grundsätzlich sind die Whiskys der "Lowlands" – also der südlichen Gegend – hingegen eher leicht, die aus den "Highlands", dem Norden, eher kräftig. Als Mitbringsel für zu Hause entscheide ich mich für den klassischen "Glenkinchie", damit kann man nicht viel falsch machen. Jetzt fehlt eigentlich nur noch eines: ein echt schottischer "Pubcrawl" von Pub zu Pub. Aber nach einem Whisky-Tasting mitten am Nachmittag ist mir eigentlich eher nach meinem Hotelbett zumute. An einem Pub komme ich dann doch nicht vorbei: dem "Elephant House". Hier hat Bestseller-Autorin J.K. Rowling grosse Teile ihrer "Harry-Potter"-Romane geschrieben – was das ansonsten ganz normale Pub auch gebührend anpreist: "Home of Harry Potter." Ich werfe nur einen kurzen Blick hinein. Ein paar Häuser weiter steht ebenfalls ein grosses Schild vor einem Pub: "J.K. Rowling never wrote anything here" ("Hier hat J.K. Rowling nie etwas geschrieben.") Schottischer Humor. Bei mir wirkt er: Bevor es mich zurück ins Hotel zieht, gönne ich mir noch einen kleinen Whisky in dem Pub, an dessen Name ich mich leider nicht mehr erinnere. Das soll ja bekanntlich normal sein nach einem "echten" Pubcrawl. Meiner bestand zwar lediglich aus eineinhalb Pubs (das "Elephant House" zählt nicht wirklich) – aber zumindest das Ende habe ich gut hinbekommen. Und so habe ich nicht nur kulturell, sondern auch kulinarisch jedes Must in Edinburgh erledigt.

3 Tipps in Edinburgh

The Real Mary King’s Close: Ein richtiges Gänsehaut-Erlebnis, vor allem abends. Unbedingt eine geführte Tour buchen - nirgends sonst erfährt man so viel über das Edinburgh des 17. Jahrhunderts wie hier. (2 Warriston’s Close, High Street, Edinburgh, www.realmarykingsclose.com)

21st Century Kilts: Howie Nicholsby macht die schönsten Kilts Edinburghs, und alle tragen sie: Männer, Frauen, Rockstars, Royals. Ein Blick in seinen Laden und über seine Schulter lohnt sich immer. (48 Thistle Street, New Town, Edinburgh, www.21stcenturykilts.com)

The Scotch Whisky Experience Tour: Eine einzigartige Reise in die Geschichte des schottischen Goldes und eine Auswahl, die selbst Whisky-Kenner in Staunen versetzt. (354 Castlehill, Edinburgh, www.scotchwhiskyexperience.co.uk)

Text: Sandra Casalini