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Historische Altstadt und unentdecktes Hinterland

Sie wird «Perle der Adria» genannt. Tatsächlich ist die südlichste Stadt Kroatiens etwas Besonderes. Kaum ein Ort hat Kriege und Umbauwahn der Neuzeit so unbeschadet überstanden wie Dubrovnik. Die Altstadt ist vollständig autofrei, architektonisch scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, und die ideale Küstenausrichtung garantiert bestmögliche Besonnung. Ein Besuch war für unseren Autor ein grosser Wunsch – es dauerte allerdings eine Weile, bis er ihn sich erfüllen konnte.

Für viele klafft zwischen Griechenland und Italien ein unentdecktes Loch. Das war schon vor 30 Jahren so. Anfang der 1990er-Jahre brachten Neugier und ein Bekannter mich auf die Idee, die bereits geplante Reise nach Süditalien mit einem Abstecher nach Dalmatien zu verbinden. Schliesslich verkehren Fähren zwischen Bari und Dubrovnik. Eine ideale Verbindung.

BIlder: Markus Tofalo

Ganze Stadt als UNESCO-Welterbe

Von der heute kroatischen Stadt wusste ich schon damals, dass sie zum UNESCO-Welterbe zählt, historisch sehr interessant sein muss, dass sie, die einst Ragusa genannt wurde, eine bedeutende Handelsstadt war und dass sie lange die Unabhängigkeit als freier Stadtstaat genoss. Einflüsse Venetiens, Habsburgs und des Osmanischen Reiches sind in ganz Süddalmatien und dem Hinterland, das heute zu Bosnien-Herzegowina gehört, erkennbar. Man findet im ganzen Umkreis wohl kaum eine derart unbekannte Region – ein Paradies für alle Abenteuerlustigen und Roadmovie-Fans.

Die Reise wurde gestrichen. 1991 brach der erste Jugoslawienkrieg aus. Es sollte über zwanzig Jahre dauern, bis ich meine Wunsch-Reise von damals nachholte. Allerdings nicht per Fähre von Süditalien her, sondern bequem im Flugzeug. Schon beim Anflug erkennt man die typische Topografie. Die Küste ist steil und felsig. Hinter dem ersten Bergkamm, wo die Staatsgrenze zwischen Kroatien und Bosnien-Herzegowina verläuft, sieht es karg und dünn besiedelt aus. Täler und Bergketten wechseln sich ab. Die einzige einigermassen ebene Landfläche zwischen Meer und Hang wird von der Altstadt Dubrovniks besetzt. Der Rest der Stadt hat Hanglage. Der Flughafen befindet sich südlich auf einer der raren Ebenen. Schon die Fahrt in die Stadt ist landschaftlich ein Highlight. Man fährt typisch südländisch, parkiert wird auch auf Sperrflächen – bereits ein kleines Abenteuer zu Ferienbeginn.

Keine Architektursünden und kaum Werbung

Die Stadt hat gerade mal gut 45'000 Einwohner. Ich bin überrascht von der Pracht und Authentizität der historischen Altstadt und auch von der Disziplin der Kroaten, diese über alle Jahre gepflegt und von modernen Eingriffen verschont zu haben. Tatsächlich findet sich keine Architektursünde innerhalb der wuchtigen mittelalterlichen Mauern. Und auch kaum ein Auto, denn das einzige durchfahrbare Stadttor wird strengstens kontrolliert.

Ebenso auffällig ist neben der wachsamen Pflege der Häuser auch die Erhaltung der Platz- und Gassenbeläge. Die jahrhundertealte Geschichte der einstigen Handelsstadt an der südlichen Adria ist unter den Füssen förmlich spürbar, als wären die Steinplatten und Pflästerungen tatsächlich nie erneuert worden. Die Platten der Stradun, der Hauptstrasse vom Hafen zum Nordtor, sind dermassen ausgefahren bzw. -gelatscht, dass sich die Fassaden darin spiegeln. In den gepflegten mitteleuropäischen Städten mit ähnlich alter Bausubstanz wurden solche Beläge längst durch neuzeitliche ersetzt. In Dubrovnik beging man diesen Fehler nicht. Wachsam wird auch darauf geachtet, dass bunte Werbung das Stadtbild nicht zerstört. Selbst weltweit tätige Ketten ordnen ihren Auftritt unter. Ich bin beeindruckt. Stichwort Shoppen: Neben den hier noch massvoll vertretenen Ketten sind vor allem kleine Designer- (und Kitsch-) Läden zu finden.

Das Schauspiel der Kreuzschifffahrer

Ich habe mir sagen lassen, dass man Dubrovnik an Tagen, an welchen drei oder mehr Kreuzfahrtschiffe dort anlegen, besser meidet. Tatsächlich ist es ein Schauspiel, das ich mit Kopfschütteln beobachte: Tausende gestresste Kreuzfahrt-Touristen stürmten innerhalb ihrer drei bis fünf Stunden Landgang die Stadt und die Strassencafés.

Richtig schön wird es gegen den späteren Nachmittag, wenn die Kreuzschifffahrer wieder in See stechen. Ich sitze im Café Bard Mala Buža. Es ist eines der wenigen oder gar das einzige, das meerseits ausserhalb der Stadtmauern liegt. Gerade mal zehn Tischchen finden auf dem Felsen vor dem senkrechten Abgrund Platz. Herrlich. Vor mir das Meer, vorgelagerte Inseln und Schiffe. Mit Sicherheit wäre dies auch ein schöner Ort, um den Sonnenuntergang zu geniessen. Doch der Hunger treibt mich zurück in die Stadt. An Restaurants mangelt es in den Gassen von Dubrovnik nicht. Neben touristischem Einheitstallerlei und Ćevapčići findet man vor allem Meeresfrüchte und Fisch auf den (zum Glück übersetzten) Speisekarten.

Beliebte Filmkulisse

Unbedingt erleben sollte man einen zweistündigen Rundgang über die Stadtmauer – Foto knipsende und Selfie machende Massen hin oder her. Auch ich habe die Linse immer zur Hand. Den Minčeta Turm kennen Fans von «Game of Thrones» als Haus der Unsterblichen. Überall sind Drehorte dieser Serie auszumachen. Auch für «Star Wars 8» wurde hier gedreht. Von den höheren Lagen der Mauer aus geniesst man einen wunderbaren Blick über die orangen Dächer der geschützten Altstadt. Die neuen Ziegel haben noch keine Patina angesetzt. Die meisten Dächer mussten nach dem Krieg repariert werden, in althergebrachter Technik versteht sich. Darko, ein Einheimischer, erklärt mir voller Stolz, dass sie alle Kriegsschäden ziemlich rasch beseitigt hätten. Während der Belagerung 1991 bis 1992 fielen vom Berg oben laufend Schüsse und Granaten auf die Stadt.

So schön Dubrovnik ist – für eine Woche Aufenthalt bietet die Stadt den Entdeckungshungrigen wie mir zu wenig Abwechslung, gehöre ich doch nicht zu jenen, die Ferien ausschliesslich badend und malend, schlafend und nachtlebend verbringen. Anders formuliert: Mich interessiert auch der Tellerrand ums Filet. An dieser Stelle kurz: Sandstrände sind an dieser felsigen Küste ohnehin rar, kleine Bars gibt es viele, und mit dem «Revelin» habe ich einen guten nächtlichen Hotspot gefunden, der während der Hochsaison auch von internationalen Stars besucht wird. Doch eigentlich spielt sich das Nachtleben auf der Stradun ab, und für jene, die es nicht lassen können, gibt es auch ein Casino.

Im Hinterland wartet das Abenteuer

So nehme ich einen kleinen Rundtrip in Angriff. Das Ziel ist Mostar. Die Stadt in Bosnien-Herzegowina ist bekannt durch die berühmte Steinbogenbrücke über die Neretva, die im Krieg zerstört und dann rekonstruiert wurde. Die Fahrt mit dem Mietwagen geht nordwärts Richtung Split. Eine imposante Schrägseilbrücke markiert das Ende der Stadt. Die gefühlt meist eingesetzte Verkehrstafel ist «Achtung Steinschlag». Rechts geht es tatsächlich fast immer senkrecht hoch und links ebenso senkrecht runter zum Meer – etwas übertrieben formuliert. Gleich ausserhalb Dubrovniks befindet sich die Grenze zu Bosnien-Herzegowina – tatsächlich gehört ein ganz kleiner Küstenstreifen zu diesem Binnenland. Er trennt Dubrovnik sozusagen vom kroatischen Kernland ab. Neum ist der einzige bosnische Küstenort, ein eher neuer Badeort. Ich zweige dort ab ins Landesinnere. Die Strasse auf dem bosnischen Korridor führt schmal und kurvig bergauf. Der Hang ist zuerst bewaldet, wird mit zunehmender Höhe buschiger. Das dünn besiedelte Buschland kommt den Bildern aus Westernfilmen ziemlich nahe. Tatsächlich wurden in den 1970er-Jahren Karl-May-Verfilmungen in Bosnien gedreht, allerdings weit nördlicher als hier.

Einzigartige Naturlandschaft

Die Strasse führt durch kleine Dörfer. Ich erreiche eine Passhöhe. Bevor es runter nach Hutovo geht, erblickt man eine mittelalterliche Ruine. Es handelt sich um den Hadžibegova Turm. Als Geschichtsinteressierter kann ich es nicht lassen – bei der Nachrecherche lese ich über diese Anlage etwas von einem Krieg im späten Mittelalter zwischen den Venezianern und den Osmanen. Die Strasse führt weiter – wiederholt kurvenreich – runter zum Naturpark Hutovo Blato, einem Sumpfgebiet mit einem grossen See. Der Anblick ist fantastisch. Der See wirkt wie eine Oase in der eher kargen Landschaft. Eine gute Stunde beträgt die reine Fahrzeit vom Meer bis hierhin.

Wie Phönix aus der Asche

Stätten historischer, aber auch zeitgeschichtlicher Ereignisse ziehen mich an. Mostar ist so eine. Die Stadt, an der kulturellen Trennlinie zwischen dem Einfluss des muslimischen Osmanischen Reichs und der christlichen kroatischen Kultur war in den 1990ern ein Brennpunkt des grausamsten Kriegs Europas seit dem Zweiten Weltkrieg. Viele Spuren sind noch sichtbar. Gefährlich ist es hier – und das muss deutlich erwähnt sein – nirgends mehr. Grundsätzlich gilt aber schon noch, dass bei Wanderungen abseits von Wegen Schilder mit Minenwarnungen ernst genommen werden müssen.

Die Einwohnerzahl Mostars liegt in der Gegend von jener Winterthurs. Das Bild zeigt aber eher eine Bergstadt, allseitig geht es ziemlich weit hoch. Die ersten Eindrücke der Stadt sind ernüchternd. Übergrosse Betonwohnblöcke reihen sich aneinander. Ich wechsle einige kroatische Kuna in bosnische Konvertibilna Marka und stürze mich in den orientalischen Basar von Mostar. Gross ist er nicht, eigentlich auch eher touristisch. Egal, mir gefällt's. In der Altstadt dominieren Steindächer. Ich staune Bauklötze. In meinem Kopf sehe ich noch Ruinen und Überreste einer Brücke, vor Ort nehme ich eine wiederaufgebaute Stadt wahr, wie sie authentischer nicht sein könnte. Und die Stari Most, eben diese berühmte Brücke, das namensgebende Wahrzeichen der Stadt, steht in voller Pracht da. Nur die Sauberkeit der Steine deutet auf die Neuerstellung hin. Ursprünglich 1556 bis 1566 gebaut, wurde sie 2004 wieder eröffnet. Die Kriegsspuren wurden perfekt beseitigt, und 2005 nahm die UNESCO das ganze rekonstruierte Ensemble in ihre Liste auf.

Kriegserinnerungen

Durch das Tal der Neretva geht es wieder zurück nach Dubrovnik, dies entspricht dem schnellsten Weg gemäss Navi. Bis Stolac ist er mit dem Hinweg identisch. Dann biege ich ab Richtung Trebinje. Schon kurz nach Stolac weist ein beflaggtes Schild, beschriftet in lateinischer und serbisch kyrillischer Schrift, darauf hin, dass ich mich nun in der Republika Srpska befinde. Die Buschlandschaft ist wiederum dünn besiedelt, unter den wenigen Häusern sind noch zahlreiche Kriegsruinen zu sehen. Nach ca. 20 Minuten kommt endlich wieder ein grösseres Dorf: Ljubinje. Was mir auch hier wieder bewusst wird: Der Bergkamm, der Dalmatien vom Hinterland trennt, ist tatsächlich eine Kulturgrenze. Während am Meer eine mediterrane Baukultur herrscht, findet man hier eine ganz andere Bauweise vor. Wohl wären auch Unterschiede im Lebensgefühl erfahrbar, wenn man sich länger in der Region aufhalten würde. In diesen Tälern scheint die Zivilisation einige Jahre zurück, eine Bevölkerungsabnahme ist sichtbar. Viele Liegenschaften scheinen verlassen, andere wurde nach dem Krieg nicht mehr aufgebaut. Nach mehr als zwei Stunden Fahrt erreiche ich Trebinje. Ich hätte von Poljice über Hum bis Ljubopvo auf dem inzwischen zu einer Strasse umgebauten Trasse der ehemaligen Dalmatinerbahn fahren können. Schade, habe ich das nicht vorerkundet.

Unverhoffte Eisenbahnromantik

Trebinje ist weniger touristisch. Viele Gebäude sind neu oder repariert, darunter auch die im Krieg vor 25 Jahren zerstörte und 2005 wieder aufgebaute Osman-pašina-Moschee. Architektonischer Höhepunkt ist die serbisch orthodoxe Kirche Hercegovačka Gračanica, die Kirche zur Allerheiligen Gottesmutter. In einem gepflegten Park thront sie hoch über der Stadt. Ich widme Trebinje nur gerade so viel Zeit über Mittag, dass eine Ankunft in Dubrovnik bis zum Abend möglich ist. Stadtauswärts fahrend erblicke ich noch eine abgestellte ausrangierte Dampflokomotive der 1968 eingestellten Bahnlinie neben dem ehemaligen Bahnhof. Dieser zeugt von früheren Glanzzeiten. Auf dem Weg nach Dubrovnik begleiten mich sichtbare Fragmente dieser Strecke links und rechts der Strasse. Eisenbahnromantiker könnten mit Aufnahmen von Tunnels und Brücken Fotobücher füllen.

Bei Ivanica überquere ich die Grenze zurück von Bosnien-Herzegowina nach Kroatien. Kaum um die Kurve des Passes öffnet sich der Blick über die weite Küstenlandschaft Süddalmatiens. Traumhaft. Die Strasse führt weiter entlang der stillgelegten Bahnlinie Čapljina-Dubrovnik.

Sprachlich kommt man mit Englisch und Deutsch gut durch. Im bosnischen Hinterland kann es aber schwierig werden. Zum Glück gibt's Bildchen und die Translation-App. So findet man in dieser faszinierend anderen Welt, die sich kaum zwei Flugstunde von Zürich befindet, gut zurecht und kann sich aufs Staunen und Geniessen konzentrieren.

Text: Markus Tofalo