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A Life for Ranches and Rodeo

In den Rocky Mountains wird die Sehnsucht nach Freiheit und Natur gestillt. Der Alltag der Cowboys und Cowgirls ist hart. Und doch würde niemand seine Ranch verlassen wollen.

Dillon Kujala wollte immer Cowboy werden. Vorsichtig steigt er auf den Rücken von Rio. Er reitet erst zum fünften Mal auf dem jungen, braunen Hengst. Eigentlich sollte das Tier demnächst vollständig ausgebildet sein, aber es ist wie beim Menschen: «Gewisse lernen nicht so schnell», sagt Dillon.

Der Cowboy lebt mit seiner Frau Samantha und seinen zwei Kindern auf einer Ranch 200 Kilometer westlich von Denver in einer Gegend namens Burns. Das Gelände ist von wilder Natur umgeben. Es sieht aus, als hätte jemand mit einem Aquarell-Malkasten die Landschaft in allen möglichen Grün- und Brauntönen angemalt. Zwischen hellgrünen Gräsern stehen türkisfarbene Büsche, in der Höhe wachsen dunkelgrüne Bäume auf hellbraunem Boden. Dazwischen ragen rote Felsen gen Himmel. Der Boden ist staubig, die Sonne brennt auf der Haut. Dillon und seine Frau tragen – passend für diese Gegend – Westernhut, Hemd und Stiefel. Auch ihre beiden Kinder haben schon winzige Sporen an ihren Cowboystiefelchen.

Fotos: Michael Crouser

Eine Stunde bis zur nächsten Schule

Dillon bringt Rio in den Stall zurück, seine Frau Samantha sattelt vier Pferde. Die Familie reitet an diesem Morgen gemeinsam zu einer ihrer Kuhherden. Eigentlich hätten sie heuen wollen, aber es werde bald regnen, erklären sie. «Auf einer Ranch lässt sich nichts planen», sagt Samantha und hievt den schweren Westernsattel auf den Rücken eines Pferdes. Ihre Tochter, Cheyenne, erteilt ihrem kleinen Bruder unterdessen munter Befehle. Sie sei der heimliche Boss der Ranch, sagen die Eltern lachend. Cheyenne zeigt ihrem Bruder, wie er das Pferd striegeln muss – wenn er sich streckt, berührt er knapp den Bauch der Stute – und wie er das Zaumzeug halten muss. Wenig später sitzen beide Kinder auf ihren Pferden. Cheyenne ist erst vier, kann aber schon allein reiten, der dreijährige Lewi hat ebenfalls sein eigenes Pferd, wird aber noch von der Mutter geführt. Cheyenne würde am liebsten den ganzen Tag reiten, sagt Samantha. Aber dafür bleibe bald keine Zeit mehr. Kommendes Jahr kommt Cheyenne in die erste Klasse, und die nächste Schule ist eine Autostunde entfernt.

Nach einer halben Stunde im Sattel hat die Familie ihr Ziel erreicht. Dillon und Samantha treiben rasch die Kühe und ihre Kälber zusammen und kontrollieren, ob eines verletzt oder krank ist. Insgesamt 550 Kühe besitzt das junge Paar. Sie haben sich auf dem College kennengelernt und leben heute auf der Ranch, auf der Samantha aufgewachsen ist. Angestellte haben sie keine – wie die meisten Rancher in dieser Gegend. Ihre Tage sind lang, die Arbeit ist körperlich anstrengend, Pausen gibt es keine. In den Sommermonaten verbringen sie viel Zeit hoch zu Ross. Einige Herden weiden weit weg. Um sie zu sehen, sitzen die Kujalas bis zu zwölf Stunden im Sattel.

Maiskolben und viele Operationen

Reiten ist nicht nur ihr Alltag, sondern auch ihr Hobby. Wie die meisten Cowboys und Cowgirls der Gegend nehmen sie allwöchentlich an den lokalen Rodeo-Turnieren teil und treten gegen ihre Nachbarn, Freunde und Verwandten an. Rodeo ist ein bisschen wie ein Schwingfest. Es gibt Hotdogs und Maiskolben. Die Teilnehmer messen sich im «Barrel Racing», wobei sie auf ihren Pferden in hohem Tempo um drei Fässer galoppieren. Beim «Calf Roping» müssen sie das Kalb so schnell wie möglich mit dem Lasso einfangen. Das «Bull Riding» ist die beliebteste, aber auch gefährlichste Disziplin. Die Cowboys versuchen, mindestens acht Sekunden auf dem bockenden Stier sitzen zu bleiben. Dillon war früher ebenfalls ein «Bull Rider». Er musste oft operiert werden. Seit er Vater ist, hat er keinen Stierrücken mehr bestiegen.

Mittlerweile hat es zu regnen begonnen und die Familie trabt zur Ranch zurück. Ihr Zuhause ist einfach eingerichtet, das Wertvollste sind ihre Maschinen, mit denen sie Arbeiten auf dem Hof verrichten. Sie verdienen ihr Geld mit dem Verkauf der einjährigen Kälber. Ein luxuriöser Lebensstil ist damit nicht möglich. Aber sie würden nicht tauschen wollen, sagen beide. «Wir kennen und können nichts anderes», sagt Dillon und spuckt auf den Boden – eine typische Geste für Cowboys, die oft Kautabak unter der Lippe haben.

Cowboys damals und heute

Früher sei das Leben eines Cowboys noch härter gewesen, sagt Vern Albertson. Der 81-Jährige lebt ein paar Autominuten von der Familie Kujala entfernt; seine Ranch hat er vor einigen Jahren an Verwandte verkauft. «Es gab keine Maschinen, wir mussten damals wirklich alles mit den Pferden machen», sagt er. Arbeiten wie Heuen oder Futter rausbringen dauerten viel länger und waren deutlich anstrengender. Es gab auch keine Supermärkte. Die Cowboys mussten sich zusätzlich um Schweine, Hühner und Milchkühe kümmern. Heute leben Cowboys nicht mehr selbstversorgend. Auch die Vorstellung, dass ein Cowboy tagelang draussen bei seiner Herde lebt, ist falsch. Das sind sogenannte «Rider». Diese Berufsgruppe ist praktisch ausgestorben. «Das ist vielen zu einsam», sagt Vern. Nur schon das Leben eines Ranch-Cowboys sei einsam. Manchmal verbringe man ganze Tage allein im Sattel, wenn man zu seiner Herde reite. Aber er hat seine Arbeit geliebt. «Durch die wilde Natur zu galoppieren, die unberührte Landschaft zu sehen, das entschädigt für vieles», sagt er. Seit vier Jahren ist er nicht mehr geritten, er vermisst es sehr.

In seiner kleinen Wohnung steht, wie auch in den Ranchhäusern, ein Fernseher. An den Wänden hängen Fotos seiner Tochter und seiner Enkeltochter, auf dem Tisch liegen die Bibel und ein iPhone. Es ist ausgeschaltet. Kein Wunder: Handyempfang sucht man in dieser Gegend vergebens. Vern ruft seinen Hund Boots und läuft zu seinem Auto. Er will ein paar Runden drehen und «schauen, ob ich einen Bären sehe». Früher hat Vern gejagt, Hirsche und Elche. Einen Bären hat er aber nie erlegt.

Pferde brauchen keine Schuhe

Tatsächlich stehen in vielen Wohnzimmern dieser Gegend Gewehre, und an den Wänden hängen oft ausgestopfte Tierköpfe. An Bobby Georges Scheunenwand sind hingegen nur die Schädel der Tiere befestigt, dafür gleich Dutzende davon. Seine Mutter habe das gemacht, sagt der 50-Jährige, und er habe sich bisher nicht getraut, sie herunterzunehmen. Obwohl ihm «das Kunstwerk» nicht gefällt, wie er schnell hinzufügt. Bobby lebt im kleinen Örtchen Yampa und ist dessen bekanntester und umstrittenster Bewohner. Er habe sein Temperament nicht im Griff, heisst es. Und tatsächlich: «Wenn ein Hund eines Nachbarn meine Herde belästigt, erschiesse ich ihn», erzählt er. Bobby besitzt über tausend Kühe und Schafe. Er habe das Recht und die Pflicht, seine Tiere zu beschützen. Vergangene Woche habe er auch seinen eigenen und den Hund seiner Tochter töten müssen, weil diese seine Schafe attackiert hätten. Jetzt sei die Tochter wütend auf ihn. «Aber sie wird darüber hinwegkommen», sagt er schulterzuckend. Diese Härte traut man ihm fast nicht zu, so charmant und herzlich, wie er an diesem sonnigen Morgen ist. Er zeigt, wie er die Hufe einiger Pferde nur zurückschneidet und nicht mit Hufeisen beschlägt. «Pferde brauchen keine Schuhe», sagt er, «wenn man ihre Hufe gut pflegt, sind Hufeisen nicht nötig.» Zu seinem Pferd spricht er langsam und ruhig, sonst redet er laut, schnell und mit breitem Akzent. Er erzählt von seinem Fussgelenk, das sich nach einem Sturz vom Pferd entzündet habe und jetzt von Bakterien zerfressen sei. Er gesteht, dass er Angst vor Stieren und deshalb nie «Bull Riding» ausprobiert habe.

Nach dem Mittagessen sattelt er sein Pferd, er muss heute noch eine Kuh mit ihrem Kalb zu einer anderen Herde bringen. Er ist wie Samantha und Dillon ein Cowboy, der sein Einkommen ausschliesslich mit dem Verkauf der knapp einjährigen Kälber generiert.

Mehrere der umliegenden Ranches haben längst auf sogenannte «Dude Ranches» umgesattelt. Ihr Geld verdienen sie nicht mehr mit Rindern, sondern mit Gästen. Werden die «echten Cowboys» bald verschwinden? Wird die Tradition zur Touristenattraktion? Bobby schüttelt den Kopf. «Nein», sagt er bestimmt. Cowboys werde es immer geben. Vielleicht werde sich der «Lifestyle» ein wenig verändern. «Aber wir lieben, was wir tun und die Tatsache, dass wir unsere eigenen Chefs sind. Das werden wir nie hergeben», sagt er und reitet los, über die Felder, durch die vielen Grüntöne, Richtung Horizont.

Buchtipp:

Der Bildband «Mountain Ranch» ist ein zehnjähriges Projekt, welches den Fokus auf die verschwindende Welt der Viehzucht in den Bergen von Colorado richtet. Von 2006 bis 2016 besuchte der Fotograf Michael Crouser neun Ranchfamilien und dokumentierte deren traditionelles Leben in Schwarz-Weiss. Seine Arbeit zeigt die grundlegende Lebensweise des amerikanischen Cowboys.

Reisetipps in und um Denver:

Wer das Ranchleben selbst erleben will, bucht ein paar Tage auf der M Lazy C Ranch. Hier kann man sich im Reiten oder Schiessen üben und stilecht ein Dinner am Lagerfeuer erleben. Rustikale Gemütlichkeit pur.;;; (801 County Rd. 453, Lake George, CO 80827, www.mlazyc.com)

Wer stattdessen Luxus sucht, ist im Broadmoor bestens aufgehoben. Zwischen Spa-Behandlungen, Golf-Lessons und Fitness residiert man in edlen Suiten. Ein besonderes Naturwunder gleich nebenan: die Seven Falls.;;; (1 Lake Ave, Colorado Springs, CO 80906, www.broadmoor.com)

Text: Yvonne Eisenring