Navigation

Suche

Suchen

«Wir spielten inmitten von Schlangen und Affen»

Seit Jahren lebt der Südafrikaner Clifford Lilley in Zürich und hat sich zu einem der bekanntesten Stylisten der Schweiz gemausert. Die Liste seiner Kundinnen und Kunden ist lang und prominent, seine Experten-Meinung ist auch in den Medien immer wieder gefragt. Aufgewachsen ist der ausgebildete Schauspieler in Kapstadt, wohin es ihn mindestens einmal im Jahr zurückzieht. Clifford Lilley verrät, was seine Heimatstadt so fantastisch macht:

"Ich bin in Simon’s Town im Süden von Kapstadt aufgewachsen. Der Ort ist heute berühmt für seine Pinguinkolonien und wird von Millionen Touristen besucht. Als ich klein war, waren die Pinguine noch nicht dort - sie siedelten sich erst Mitte der Achtziger-Jahre des vorigen Jahrhunderts da an - und die Strände gehörten uns Kindern. Heute ist es unmöglich, an dem Strand zu liegen, wo ich als Bub schwimmen gelernt habe.

Mein Vater war bei der Marine, die in Simon’s Town stationiert war. Der Ort liegt auf der Kap-Halbinsel am False Bay, der Bucht, in welcher die Schiffe ursprünglich fälschlicherweise anlegten - sie dachten, man sei mitten in der Stadt. Daher der Name False Bay. Die Umgebung mutet heute noch sehr historisch an und ist eindeutig britisch geprägt. Meine Kindheit dort war grossartig, direkt am Meer, nahe den Bergen, mitten in der Natur. Man erlebte alles hautnah, die Sonnenaufgänge, die Hitze, die Kälte, den Wind. Man kann von Cape Town City aus mit dem Zug nach Simon’s Town fahren, das ist sehr empfehlenswert. Ansonsten ist ein Auto in Kapstadt eigentlich ein Muss, denn der öffentliche Verkehr ist nicht sehr zuverlässig. Simon’s Town ist die Endstation der Bahnlinie und bietet heute viel für Besucher: Strände, Bed & Breakfasts, charmante Restaurants, historische Gebäude und viele Läden, zum Beispiel Fish-and-Chips-Shops oder Buchhandlungen. Ich liebe es, durch diese Shops zu stöbern, und finde immer etwas, das ich unbedingt kaufen muss. Letzthin eine Tasse zur Krönung von Queen Elizabeth in einem hübschen Krimskrams-Shop.

Tierische Kindheitserinnerungen

Kürzlich war ich mit einer Freundin in den Hügeln bei Simon’s Town, wo wir als Kinder gespielt haben – inmitten von Schlangen und Affen, mit Blick aufs offene Meer, wo sich Wale tummeln. Was für ein Erlebnis! Mein Vater war passionierter Segler, deshalb waren wir oft auf dem Meer. Natürlich kam auch bei uns zu Hause – wie überall am Meer - alles auf den Grill, was die See so hergibt, von Fisch über Muscheln bis zu Hummer. Aber der Geschmack meiner Kindheit ist auch geprägt von der britischen Küche. Meine Mutter machte die besten Scones weit und breit. Zudem gab es jeden Tag frische Früchte bei uns zu Hause.

Nach dem Schulabschluss verliess ich Simon’s Town und zog in die Stadt, wo ich mich an der Drama School der Universität Kapstadt zum Schauspieler ausbilden liess, bevor ich mit meinem damaligen Partner in seine Heimat Zürich zog. Klar, ich bin in der Zeit der Apartheid in Südafrika gross geworden. In den Sechzigern wurden viele dunkelhäutige Menschen umgesiedelt, das führte zu vielen auseinandergerissenen Familien und zerbrochenen Träumen. Ich habe die Trauer und die Wut dieser Menschen erlebt. Umso schöner ist es, den Wandel mitzuerleben, zu sehen, dass die Leute wieder in die Häuser ihrer Familien zurückkehren, dass Schwarze und Weisse vor dem Gesetz gleich sind – auch wenn es wohl noch ein bisschen dauert, bis die Apartheid definitiv aus den Köpfen aller Südafrikaner verschwunden ist.

Eine Stadt für Abenteurer

Ich besuche meine alte Heimat mindestens einmal pro Jahr, wenn es geht auch öfter, schliesslich lebt meine ganze Familie da, unter anderen meine Mutter und mein Bruder. Manchmal bleibe ich nur eine Woche, manchmal zwei Monate. Dann verbringe ich so viel Zeit wie möglich mit Familie und Freunden. Wir machen lange Spaziergänge am Strand oder im Wald oder unternehmen Ausflüge, zum Beispiel auf ein Weingut in Stellenbosch.

Wenn mich Freunde aus der Schweiz begleiten, sind sie immer begeistert, wie viel man in Kapstadt machen kann. Wer das Abenteuer sucht, muss von der Stadt aus nicht weit reisen: Man kann mit Haien tauchen oder den Tafelberg erklettern, auch Hochseefischen oder Bungee-Jumpen sind möglich. Dort hochzugehen - wie auch immer - ist ein absolutes Muss. Meine Empfehlung für alle, die zum ersten Mal da sind: Unbedingt einen Helikopterflug buchen und die Halbinsel und das Kap der guten Hoffnung von oben anschauen.

Kultur in Shorts und Flipflops

Sehr angesagt im City Bowl, der Innenstadt, ist momentan die Bree Street. Hier befinden sich viele hippe Bars, Clubs und Restaurants. Die Leute sind sehr unkompliziert, laufen sehr casual in Shorts und Flipflops rum. Für mich ist das ein Segen, denn in Zürich kann ich es mir bei meinem Beruf nicht erlauben, ungestylt aus dem Haus zu gehen. Kapstadt bietet auch sehr viel Kultur. Ich liebe die Museen, zum Beispiel die National Gallery und das Zeitz Museum of Contemporary Art an der Waterfront. Und es gibt einige Theater mit sehr gutem Programm. Manchmal setze ich mich einfach ins Auto und fahre herum. Oft zieht es mich auf den Signal Hill mit seiner fantastischen Aussicht über die Atlantikküste und den Hafen von Kapstadt. Ich liebe es, von oben dem Gewusel der Boote zuzuschauen. Am Abend sitze ich gern am Camp’s Bay Beach, geniesse den Sonnenuntergang und einen Drink im trendigen Bungalow. Einen Hauch Glamour bietet das historische Mount Nelson Hotel oder das Oasis, wohin ich meine Mutter gern zum Lunch ausführe.

Wer etwas mehr Zeit zur Verfügung hat, dem empfehle ich einen Trip über die bekannte Gardenroute. Noch empfehlenswerter finde ich allerdings einen entlang der Westküste bis hoch nach Namibia. Dort hat sich in letzter Zeit sehr vieles getan, es gibt tolle Bed&Breakfasts und Übernachtungsmöglichkeiten, und viele Leute haben Ferienhäuser entlang dieser Route. Sehr schön ist das Bartholomeus Klip, eine Farm gut eine Autostunde ausserhalb von Kapstadt. Hier werden tagsüber Safaris organisiert, um die Tiere zu beobachten, am Nachmittag relaxt man am Pool, und abends gibt’s ein Candlelight-Dinner unter afrikanischem Himmel. Wunderbar.

Vom Kap der guten Hoffnung bis zum Tafelberg

Wer zum ersten Mal in Kapstadt ist, muss natürlich ans Kap der Guten Hoffnung, wo der Atlantik den Indischen Ozean trifft. Allein schon die Fahrt dorthin – mit einem Stop in Simon’s Town, um die Pinguine zu sehen – ist ein Abenteuer. Das Kap liegt Nahe der Südspitze des ganzen Kontinents. Im Norden formt der Tafelberg sozusagen das Rückgrat der Halbinsel. Ihn kann man von überallher sehen, das ist sehr imposant. Den Berg zu Fuss zu erklimmen, dauert etwa vier bis fünf Stunden, es gibt schwierigere und einfachere Routen. Ich habe das nur einmal gemacht, bin aber schon öfter auf Teilstrecken gewandert. Am bequemsten geht man mit dem Cablecar hoch.

Als Stylist bin ich natürlich auch hier an allem interessiert, was mit Fashion zu tun hat. In Kapstadt heisst es zwar nicht «dress to impress» sondern eher «dress to feel good», nichtsdestotrotz gibt es immer wieder kleine Läden, die eigene Mode verkaufen, zum Beispiel in Claremont, an der Long Street, Bree Street oder Kloof Street. Eine grossartige Adresse für Shopping, Food, Kunst und Lifestyle im Allgemeinen ist The Waterfront. In der Nähe ist De Waterkant, ein historisches Stadtviertel, wo auch die Schwulen- und Lesbenszene sehr aktiv ist. Erwähnenswert sind die vielen Bauernmärkte, die in der und um die Stadt stattfinden. Meine Favoriten sind die in Stellenbosch, Hout Bay und Woodstock. Man kann mittlerweile auch Trips in die Townships, also die Armenviertel Kapstadts, buchen. Ich bin nicht sicher, was ich davon halten soll. Zum einen stört mich das Zur-Schau-Stellen, zum anderen gehören die Townships zur Geschichte Südafrikas und zur Realität dieser Stadt, und das sollte man nicht verstecken. Zumal vieles von dem Geld aus diesen Touren tatsächlich in die Viertel investiert wird, zum Beispiel in die Ausbildung der Kinder.»

Clifford Lilleys Top 3 in Kapstadt

Boulders Beach - Hier - genauer gesagt am Foxy Beach - residieren die Pinguine von Simon’s Town. Man kann sozusagen mit ihnen baden - auf dieser Seite ist das Wasser eher warm, im Gegensatz zur Atlantikküste. Am besten geht man frühmorgens, wenn es noch nicht zu viele Leute hat. (Kleintuin Rd, Simon's Town, Cape Town, 7995, Südafrika)

Kirstenbosch Gardens - Der Botanische Garten liegt am Osthang des Tafelbergs und gilt als einer der schönsten Botanischen Gärten der Welt. Hier gibt es nicht nur viel Natur, sondern auch Restaurants, Shops, viele Wanderwege - sogar eine Art «Höhenweg» in den Bäumen. (Table Mountain National Park, Rhodes Dr, Newlands, Cape Town, 7735, Südafrika, www.sanbi.org/gardens/kirstenbosch)

The Old Biscuit Mill - Im Herzen des Viertels Woodstock liegt das Gelände einer ehemaligen Guetzlifabrik. Hier gibt es Cafés, Designer-Shops, eine Kaffeerösterei und jeden Samstagmorgen einen Markt. Eines der Restaurants in der Mill, «The Test Kitchen», gilt als eines der besten Restaurants in Afrika – man muss allerdings Monate im Voraus buchen, um einen Tisch zu bekommen. (375 Albert Rd, Woodstock, Cape Town, 7915, Südafrika, www.theoldbiscuitmill.co.za)

Text: Sandra Casalini