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Das Gold von Mexiko

Schillernde Kolonialstädte, mystische Pyramiden, korallenweisse Strände – Yucatán ist nicht nur für Winterflüchtige ein Traum. Im Hinterland zeugt das Handwerk der Hut- und Seilmacher von der goldenen Vergangenheit des Landes.

In der brütenden Mittagshitze ist Bécal wie ausgestorben. Lediglich zwei Mädchen schleppen ihre Schultaschen über den viel zu grossen Dorfplatz, die Augen starr auf den Asphalt gerichtet. Das Monument rechts von ihnen würdigen sie keines Blickes: drei riesige Hüte aus weissem Stein, aus deren Mitte ein Wasserstrahl so müde in Richtung Himmel plätschert, als hätte er längst vor der Schwerkraft kapituliert.

Da kommt ein junger Mann auf einem klapprigen Fahrrad angeschossen. „Jipijapa?“, ruft er winkend, noch bevor sein Gefährt zum Stillstand kommt. Er muss uns wohl aus der Distanz beobachtet haben. Jipijapa? Miguel, so sein Name, zeigt aufgeregt auf seinen Kopf. Natürlich! Jipijapa heissen die Panama-Hüte in der Sprache der Mayas. Sie sind der Grund, warum Bécal, ein verschlafenes Nest zwischen Campeche und Mérida, auf der touristischen Landkarte verzeichnet ist.

Fotos: Francisco Ac Chi, Ramón Alfonso Celis Perera, iStock

Roosevelt ist schuld!

Die Halbinsel Yucatán lebt nicht vom Badetourismus allein, der sich wie eine ewige Brandung über die Ostküste ergiesst. Die Strände der Riviera Maya sind traumhaft, die Nächte kurz und das Meer klar wie der junge Tequila. Wer aber die Seele von Yucatán verstehen will, biegt ab ins Hinterland: Hier zeugen prächtige Kolonialstädte vom vergangenen Ruhm. Hier liegen die mystischen Tempelanlagen der Mayas. Und hier werden die Panama-Hüte aus den Fasern der Toquilla-Palme so fein geflochten, dass man sie zusammengefaltet in die Hosentasche stecken kann.

„Roosevelt ist schuld“, doziert Miguel mit gespieltem Ärger, während wir im Velotaxi durch Bécal holpern. Denn die Hüte stammen nicht aus Panama, sondern aus Ecuador. Zum Beweis zieht Miguel eine zerknitterte Fotografie aus der Tasche: Sie zeigt den 26. US-Präsidenten vor dem Panama-Kanal, auf dem Kopf trägt er den weissen Hut, der um 1900 in Mode kam. Ingenieure und Reisende trugen ihn von dort in die ganze Welt hinaus. Und mit ihm den Namen.

Im kühlen Erdreich

Seit 1859 wird der Jipijapa auch auf Yucatán hergestellt. Anders als in Ecuador ist die Luft hier staubtrocken, weshalb die Familien ihre Werkstätten ins kühle Erdreich verlagert haben. „Ohne die Feuchtigkeit würden die Fasern brechen“, erklärt Doña Chari. Die 56-jährige Hutmacherin sitzt am Fuss einer steilen Steintreppe in ihrer Höhle, das Flechtwerk in der Hand. Mit zehn Jahren hat sie ihren ersten Hut gefertigt, nach Anleitung ihrer Eltern. Längst hat auch sie ihr Wissen an ihre vier Kinder weitergegeben. „Die Jipijapa sind unsere einzige Einkommensquelle, die ganze Familie arbeitet mit“, sagt sie. Auch auf dem Feld: Hinter dem Dorf warten 6000 Toquilla-Pflanzen auf die Ernte. „Das Schwierigste ist das Herstellen der Fasern. Von ihrer Qualität hängt alles ab.“ Die Qualität hat ihren Preis. Ein einfacher Hut, in zwei Tagen fertiggestellt, kostet 20 oder 30 Euro. Ein Meisterstück hingegen bedeutet einige Wochen Arbeit und kann mehrere Hundert Euro kosten. Und die Modelle, die am Strand für ein, zwei Dollar feilgeboten werden? „Made in China“, sagt Miguel und verzieht sein Gesicht. Auf die Verkäufer der billigen Importware ist man in Bécal nicht gut zu sprechen.

Löchrig wie ein Schweizer Käse

Unter der Erde von Yucatán schlummern weitere Schätze. Manche, wie die Städte der Mayas, sind viele Hundert Jahre alt. Andere gar Jahrmillionen: Die Karstlandschaft, löchrig wie ein Schweizer Käse, beherbergt das grösste Unterwasserhöhlensystem der Welt. Durch den Einsturz der Gesteinsdecken haben sich vielerorts kleine kreisrunde Seen gebildet: Cenotes heissen diese Oasen, deren kristallklares Wasser zum Baden oder Tauchen einlädt, während oben die Bäume ihre meterlangen Luftwurzeln durstig in Richtung Wasser ausstrecken. Auf der „Ruta de los Cenotes“ südlich von Cancún reihen sich gleich acht dieser Naturwunder wie Perlen an der Schnur aneinander. Sie waren für die Maya-Zivilisation bis circa 900 nach Christus wichtige Trinkwasserquellen und galten als Tor zur Unterwelt. Aus dem Cenote von Chichén Itzá haben Taucher Opfergaben hervorgeholt. Heute spielen sich andere Rituale ab: Viele Cenotes buhlen als Mischung aus Seil- und Aquaparks um Gäste. Nur mit den richtigen Tipps und etwas Glück kann man das erfrischende Bad ganz exklusiv geniessen.

Auf den Agaven-Feldern

Weiter geht es in Richtung Osten, auf der Suche nach dem „grünen Gold“ von Yucatán: der Henequen-Agave. Ihre kantigen, silbergrünen Blätter sehen nicht sehr appetitlich aus – besonders, wenn sie gerade zerquetscht werden. Mehr als 100 Jahre hat die Häckselmaschine der Hacienda Sotuta de Peón schon auf dem Buckel. Mit unstillbarem Appetit und ohrenbetäubendem Lärm verschlingt sie die Blätter und quetscht sie zu einer fleischigen Masse, die schliesslich ausgefasert wird. „Die alte Lady schafft 100 000 Blätter in acht Stunden“, ruft uns Don Antonio zu, während er die zerkauten Bündel auf einen Wagen lädt. Sein Kollege schiebt die Fracht in den Hof, wo Arbeiter sie zum Trocknen aufhängen.

Don Antonio Ucan Uc ist 82 Jahre alt. Auf der Hacienda arbeitet er, seit er acht Jahre alt war. Heute erzählt er den Besuchern von den goldenen Zeiten der Gutsbetriebe: Der Sisal, benannt nach dem Umschlaghafen an der Nordküste, wurde in alle Welt verschifft. „Mexiko beherrschte zwischen 1870 und 1930 den Sisal-Welthandel. Die Landwirtschaft und der Schiffbau gierten nach Tauen, Säcken und Schnüren“, erklärt Don Antonio. Ein Heer von Maya-Indios und eine Handvoll Gutsbesitzer lebten damals vom Boom – „die Gutsbesitzer etwas besser als die Arbeiter“, fügt er mit einem breiten Grinsen an.

Die goldene Epoche von Yucatán

Als Don Antonio in jungen Jahren auf dem Feld stand, war die Hacienda ein eigener Kosmos mit feudalen Strukturen. „Besonders hart sind das Jäten und das Schneiden der Blätter“, erinnert er sich. Mit einer Art Spaten und viel Muskelkraft werden diese Stück für Stück von der „Piña“, dem Pflanzenherz, getrennt. Ein Teil der Fasern wird vor Ort an museumsreifen Maschinen zu Seilen, Taschen und Teppichen weiterverarbeitet, der Rest wird auf dem Markt von Mérida verkauft. In der Kolonialstadt zeugen die grandiosen Stadtpaläste davon, wie das frühindustrielle Geldbürgertum hier seine eigene Belle Époque feierte – bis die Kunstfasern der Party um 1930 ein jähes Ende bereiteten.

Von den rund 1300 Haciendas auf Yucatán haben nur wenige überlebt. Während einige zu Boutique-Hotels ausgebaut wurden, werden andere noch traditionell bewirtschaftet. Eine davon ist die Hacienda Sotuta de Peón, eine Mischung aus Freilichtmuseum, Touristenresort und Produktionsstätte. Wer nach der mehrstündigen Führung auf der rot gekachelten Terrasse des Herrschaftshauses zur Ruhe kommt und den Blick über die Agavenfelder schweifen lässt, kann die Gedanken vom lauen Wind in die goldene Zeit tragen lassen. „Die Hacienda hat ihre Produktion erst 1985 geschlossen“, erzählt Don Antonio. Als das Unkraut schon wucherte, hat ein Unternehmer das Anwesen gekauft, die Gebäude restauriert und den Betrieb wieder aufgenommen. „Zum grossen Glück“, sagt der alte Mann und strahlt. „Die Hacienda ist mein Leben.“

Insider-Tipps

Cenote Manati: Wie ein kleiner Fjord windet sich das Cenote Manati (auch Cenote Tankah) durch den Mangrovenwald. Das Kalksteinloch elf Kilometer nördlich von Tulum ist über eine kleine Küstenstrasse erreichbar, gleich gegenüber liegt der Strand (mit Restaurant): Durch eine unterirdische Höhle fliesst das Wasser hier ins Meer. Früher nutzten die scheuen Manati, eine seltene Seekuh-Art, diese Verbindung, um Süsswasser zu schnuppern. Heute leiht man sich eine Schwimmweste, lässt sich rücklings treiben und geniesst die Symphonie aus Grün und Blau.

Highway 307, Abzweigung „Pavo Real Beach Resort“ oder „Oscar y Lalo“. Durchfahrt von Norden über die Naturstrasse nur für Gäste des Restaurants „Chamico’s“.

Wussten Sie, dass ...

… Mexiko den weltweit höchsten Coca-Konsum hat?

… die Mayas schon die mathematische Null gebrauchten und das Jahr auf 365,2420 Tage berechneten?

… neben der Amtssprache Spanisch 62 indigene Sprachen als Nationalsprachen anerkannt sind, was nur in Indien überboten wird?

… seit 1978 nur noch der Agavenschnaps aus der Region um die Stadt Tequila so benannt werden darf, während die Spirituose sonst als Mezcal verkauft wird?

Text: Alexander Marzahn