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Das Geheimnis der Mayas

Eigentlich kam Volker Tillmann als Angestellter einer Firma nach Mexiko. Als diese wieder wegzog, blieb er dort, denn längst hatte sich der Deutsche in Land und Leute verliebt. Heute arbeitet er als Reiseführer und zeigt seinen Gästen, wie die Maya-Kultur tatsächlich aussieht.

„Bevor ich das erste Mal herkam, habe ich nicht gewusst, wie wunderschön Mexiko ist.“ Das war es, so erzählt Volker Tillmann, was ihn am meisten an seiner neuen Heimat in Playa del Carmen überrascht hat. Die Stadt an der Riviera Maya liegt etwa 70 Kilometer südlich von Cancún und erinnert tatsächlich an ein karibisches Paradies. Viele Touristen kommen aber noch aus einem anderen Grund als Palmen und Meer hierher: Wie schon der Name der Küste verrät, findet man im Umfeld viele Andenken an die alte Kultur der Mayas. Das hat sich Volker zunutze gemacht. Er bietet Privattouren an, bei denen man das authentische Mexiko erleben kann. Dazu gehören natürlich auch die Mayas.

Fotos: Volker Tillmann

Wie das Leben spielt

Dabei ist es reiner Zufall, dass der Deutsche heute überhaupt in Mexiko lebt. Sein damaliger Arbeitgeber zog von Teneriffa in die Nähe von Cancún, und Volker Tillmann und seine Frau zogen spontan mit um. Nachdem Jahre später die Firma wieder wegzog, entschied sich das Ehepaar, in Mexiko zu bleiben, denn Land und Leute hatten sie längst in ihren Bann gezogen. Auch seine Berufung, die Volker als Reiseführer im Land gefunden hat, entdeckte er ungeplant: „Bei meinen Streifzügen durchs Land stolperte ich über einige Maya-Dörfer, in denen heute die Nachfahren dieses alten Kulturvolks leben. Ich kam mit den Einwohnern ins Gespräch und freundete mich mit ihnen an.“ Das ist Volkers Glück, denn „einfach so“ in ein Maya-Dorf hineinspazieren darf man nicht. Nur mit der Gunst der Bewohner ist es erlaubt, sie zu besuchen und mit ihnen zu sprechen. Der Deutsche ist einer der wenigen, denen das gestattet ist. Bestechen kann man die Leute nicht, denn mit Geld können die Mayas gar nicht viel anfangen. Sie entscheiden nach Sympathie.

Ein Volk der Natur

Tatsächlich leben die Ureinwohner bis heute sehr naturnah und geben nicht viel auf die Industrialisierung. „Natürlich laufen sie nicht mehr mit einem Lendenschurz herum, manche haben sogar ein Handy“, berichtet Volker, „aber bis heute nehmen sie von der Natur nur, was sie brauchen, bauen vieles selbst an, jagen und pflegen alte Bräuche und Traditionen.“ Fünf bis sieben Millionen Mayas leben heute noch in Mexiko. Ohne Kühlschränke, Fernseher oder Spielkonsolen, dafür fast autonom. Um sie herum finden sich die Andenken ihrer Ahnen. Das wohl Berühmteste: Chichén Itzá, die wohl bedeutendste Ruinenstätte auf der Halbinsel Yucatán. Die riesige Stufenpyramide gehört zu den Neuen Weltwundern und ist für viele zum Symbolbild für die Maya-Kultur geworden. Ein interessantes Detail: Anders als die Ägypter bauten die Mayas die meisten ihrer Pyramiden massiv. Sie dienten nicht als Grabstätten, sondern als Geschenke an die Götter und sind daher innen nicht begehbar. Dafür darf man etwa auf die Nohoch Mul-Pyramide in Cobá auf Yucatán sogar klettern. Volker besucht mit seinen Gästen noch viele weitere Ruinen und Stätten – jede hat ihren eigenen Baustil und ihre eigenen Geschichten. „Ich kenne Paare, die gesagt haben, dass sie nur einmal nach Cancún wollten, um sich die Kultur anzusehen. Mittlerweile kommen viele von ihnen das vierte oder fünfte Mal her. Die Kultur der Mayas ist nun mal nicht nach einem Besuch abgehakt. Und das ist gerade das Schöne“, sagt Volker Tillmann.

Der Deutsche führt seine Kunden auch an unbekanntere Stätten wie Ek Balam, eine erst 1997 freigelegte Ausgrabungsstätte, die zum grössten Teil ohne Restaurationsarbeiten auskommt und noch zu 90 Prozent im Originalzustand ist. Ein anderes Beispiel ist Calakmul. Sie ist die grösste jemals entdeckte Maya-Stadt und gehört zum UNESCO-Welterbe. „Trotz ihrer Bedeutung ist sie sehr wenig besucht und nahezu unberührt. Ich bin dort auch mit meiner Frau sehr gerne“, berichtet Volker.

Mit den Toten feiern

Ebenfalls eine höchst spannende Erfahrung ist es, die Unterwelt der Mayas zu entdecken. Die existiert nämlich in Form von kilometerlangen, natürlichen Höhlensystemen in Mexiko. „Da würde kaum ein Einheimischer hineingehen“, sagt Volker und begründet das auch gleich: Nicht nur glauben die Mayas, dass dort ihre Höhlengötter zu Hause sind. Auch die Geister ihrer Toten ruhen in diesen Stätten. Die Körper und Knochen hingegen vergraben die Mayas unter ihren Häusern, und – Achtung – einmal im Jahr, am 1. November, graben sie sie wieder aus, um gemeinsam mit ihren Verstorbenen den Tag der Toten zu feiern. Der Glaube besagt, dass die Toten an diesem Tag zu Besuch kommen und mit ihren Angehörigen sprechen können. Dazu reinigen die Einwohner die sterblichen Überreste ihrer Ahnen. Ein notwendiges Ritual, um die Verbindung zur Erde zu ermöglichen. Anschliessend feiern sie mit Gitarren, Essen und Tanz, bis die Toten um 15 Uhr wieder zurück ins Jenseits müssen. Der Día de los Muertos gilt bis heute als wichtigster Feiertag in ganz Mexiko. Was für Europäer befremdlich wirken mag, ist nur ein anderer, nicht so traurig besetzter Ansatz, mit dem Tod umzugehen, indem er als Neuanfang und nicht als Ende gefeiert wird.

Faszination Mexiko

„Die Mayas waren immer schon ein sehr weit entwickeltes Volk“, weiss Volker zu berichten. „Schon vor 3000 Jahren trieben sie Handel mit Jade, Salz und Räucherschalen. Mit Kanus exportieren sie die Waren nach Südamerika. Sie hatten ein weit entwickeltes Zählsystem und haben unglaubliche Bauwerke errichtet. Diese erstaunlichen Punkte sind genau das, was mich an dem Volk so fasziniert.“ Und zwar so sehr, dass der Deutsche begann, Archäologie und die Geschichte der Mayas an der Universität zu studieren, bevor er seine Touren für Touristen anbot. Seitdem ist es Volkers Leidenschaft, Urlaubern Mexiko von einer Seite zu zeigen, die sie ansonsten nicht zu sehen bekommen. Neben seinen Maya-Ausflügen geht Volker mit ihnen schnorcheln und hält Ausschau nach Delfinen, Seekühen und Schildkröten, streift durch den Dschungel (und steht auch schon mal einem Jaguar gegenüber) und erkundet die Höhlensysteme des Landes. Sein ultimatives Must-See in Mexiko: die Cenoten des Landes. Das sind Kalksteinlöcher, die durch das Einstürzen von Höhlendecken entstanden sind. Sie sind mit kristallklarem Salzwasser gefüllt, bei vielen kann man bis auf den Boden sehen, viele Meter unter der Wasseroberfläche. „In diesem kleinen Naturwunder zu baden oder zu tauchen ist einzigartig und fasziniert mich immer wieder. Es symbolisiert die Schönheit, die in Mexiko schlummert.“ Diese, so viel ist klar, lohnt es sich, zu entdecken.

Text: Malin Mueller