Navigation

Herzlich Willkommen bei Edelweiss. Um Ihren Besuch auf unserer Webseite zu erleichtern, verwenden wir Cookies. Mit Ihrem Besuch auf flyedelweiss.com akzeptieren Sie unsere Cookie Policy.

Suche

Suchen

Auf dem «Wunderpfad» durch Kanadas Bergwelt

Der Icefields Parkway im Herzen der Rocky Mountains ist eine der atemberaubendsten Fernstrassen der Welt. Zwischen Jasper und Lake Louise trumpft er mit einer landschaftlichen Schönheit auf, die ihresgleichen sucht.

Vier Stunden lang mit der Nase am Fenster kleben: Auf der Fahrt von Jasper wiederholt sich ein nicht enden wollendes Defilee von schneebedeckten Gipfelriesen, monumentalen Gletschern und weitverzweigten Flussbetten. Dichte Wälder schmiegen sich an karge Felswände, zwischen dunklen Fichten blitzen herbstlich gelbe Lärchenbäume hervor. Ein Anblick so betörend schön, dass man sich kaum von ihm lösen kann. Hinter jeder Kurve verbirgt sich ein weiteres «Oh!», kaum guckt man kurz auf die Landkarte, hat man schon ein weiteres «Ah!» verpasst. Es herrscht eine Stimmung wie bei einem Silvester-Feuerwerk: Hier tut sich der Blick in ein neues Seitental auf, dort ragt ein weiterer Dreitausender aus der imposanten Bergkette in den Himmel. Der 232 Kilometer lange Icefields Parkway im Herzen der kanadischen Rocky Mountains zählt nicht umsonst zu den spektakulärsten Fernstrassen der Welt.

Photos: Edelweiss/Adrian Bretscher

Stressfreie Entdeckungstour

Obwohl die Route kanadischen Ureinwohnern schon vor Tausenden von Jahren bekannt war und sie danach von Fellhändlern als Jagd- und Handelsstrecke benutzt wurde, war der moderne Icefields Parkway nie als Transitlinie gedacht. Lastwagen sind – im Gegensatz zu Velos und Fussgängern, denen ein eigener Seitenstreifen vorbehalten ist – sogar verboten. Anfangs des 20. Jahrhunderts bewies der geistige Vater des heutigen Besuchermagnets Weitsicht, als er das touristische Potenzial des «Wunderpfads» in der Provinz Alberta erkannte: «Durch dichten Urwald, Sumpfland, verkohltes Bruchholz und entlang schroffer, steil abfallender Hänge wird eine belastbare Motorstrasse für einen konstanten Ansturm von Reisenden benötigt», hielt der irische Einwanderer Arthur Oliver Wheeler 1920 in seinem Tagebuch fest. Auf Basis seiner topografischen Gutachten begannen 1931 schliesslich die Arbeiten an einer einspurigen Fahrbahn, die gleichzeitig eine gigantische Arbeitsbeschaffungsmassnahme in Zeiten der Great Depression bedeuteten. Männer, Maschinen und Pferde schufteten neun Jahre lang an dem Jahrhundertwerk, welches heute das umliegende UNESCO-Weltnaturerbe wortwörtlich erfahrbar macht.

Während der Hauptreisezeit im Juli und August verkehren hier monatlich bis zu 100'000 Fahrzeuge – Autos, Töffs, Wohnmobile und natürlich Touristenbusse. Die Fotosujets reihen sich aneinander wie Perlen – oder vielmehr Edelsteine – auf einer Schnur: Auf die kristallklaren Athabasca-Wasserfälle folgt der lang gezogene Peyto Lake, dessen intensives Türkis keiner Foto-Nachbearbeitung am Computer bedarf. Umrahmt von den Ten Peaks, die sich in seiner smaragdgrünen Oberfläche spiegeln, bringt der Moraine Lake die Augen zum Glänzen. Selbst abgebrühte Einheimische kommen hier noch ins Staunen. Fremdenführer Nate knipst an den Must-see-Stopps genauso aufgeregt mit seiner Handykamera drauflos wie die Horden von asiatischen, amerikanischen und europäischen Tagesgästen. «Es ist unmöglich, sich an dieser Landschaft sattzusehen. Ausser vielleicht, man hat ein Herz aus Stein», findet er und steuert den Mini-Van mit demonstrativ gemächlichem Tempo 50 km/h über den Highway 93. Erlaubt wären 70 bis 90 km/h. Doch wer will hier schon stressen?

Gewaltige Schneewelten

Am Athabasca-Gletscher legen wir trotzdem nur einen kurzen Toiletten-Stopp ein. Vom Informationszentrum aus werden Touristen in speziellen Off-Road-Omnibussen auf das Columbia-Eisfeld gekarrt. Der Weg wird von Jahr zu Jahr länger. Wo vor einem halben Jahrhundert noch meterdickes Eis ruhte, liegt heute nur Geröll. Mit einer Fläche von 325 Quadratkilometern zählt das namensgebende Naturspektakel entlang des Icefields Parkway dennoch zu den grössten nichtpolaren Eisansammlungen der Welt. Seit 2014 lässt sich die gewaltige Schneewelt auch vom Glacier Skywalk aus betrachten. Die hufeisenförmige Glasbodenplattform ragt 35 Meter über das Tal hinaus. So können Besucher aus rund 280 Metern Höhe die Landschaft zu ihren Füssen und das XXL-Bergpanorama vor ihren Augen geniessen. 29 kanadische Dollar kostet der Spass. «Reine Abzocke», zischt Nate.

Immerhin ist es ein Leichtes, dem Trubel zu entfliehen. Nur schon wenige Autominuten abseits der Hauptverkehrsachse wird es schnell ruhiger. Vom höchsten Punkt des Wilcox Pass Trails aus schrumpft das riesige Gewusel auf dem Parkplatz des Besucherzentrums zu einem kleinen Ameisenhaufen. Tausende Kilometer Wanderwege durchziehen das Naturschutzgebiet. Wer sich mehr als einen Tag Zeit lassen möchte für den Icefields Parkway, sollte sich frühzeitig um eine Übernachtungsmöglichkeit bemühen. Zeltplätze und Hotels sind entlang der Route genauso rar gesät wie Tankstellen und Verpflegungsmöglichkeiten.

Ein bisschen Einsamkeit, ein bisschen Party und tierischer Besuch

Der Sunwapta-Pass markiert die Grenze zwischen dem Jasper und dem Banff Nationalpark. Sanft schlängelt sich die zweispurige Asphaltpiste weiter durch das breite Tal. Statt sich wie in den Schweizer Alpen über schwindelerregende Serpentinen emporzuschrauben, mäandert der Highway in ausladenden Bögen gemächlich bis zu seinem höchsten Punkt, dem Bow Summit auf 2088 Metern über Meer. Schneeziegen lugen aus der Steilwand auf die Strasse hinab. Mit Wildwechsel ist hier jederzeit zu rechnen. Elche und Hirsche, aber auch Wölfe und Kojoten werden regelmässig gesichtet. Manchmal trotten auch Bären über den Teer, was in der Regel einen Stau provoziert. «Gefährlicher als die wilden Tiere sind dann die anderen Verkehrsteilnehmer», meint Nate. Sie bremsten abrupt ab oder sprängen gedankenverloren aus dem Auto, um den Moment mit der Kamera festzuhalten.

Ohne Frage, auf der Traumstrasse herrscht viel Betrieb. Bisweilen findet sich jedoch ausgerechnet an den normalerweise stark frequentierten Hotspots eine überraschende Ruhe. Sei es, weil wir einfach Glück haben, oder – Herzblut-Alpinist Nate sei Dank – den etwas weiteren Fussweg zum Aussichtspunkt über dem Moraine Lake wählen: Wir müssen den unbezahlbaren Anblick, der einst den kanadischen 20-Dollar-Schein zierte, mit niemandem teilen. Minutenlang keine Menschenseele weit und breit. Noch einmal tief durchatmen, bevor es zurück in die Zivilisation geht. In Lake Louise endet der Parkway offiziell. Doch wir wollen nach einer kurzen Kaffeepause im malerischen Schlosshotel weiter nach Banff. Hier erst kurz vor Sonnenuntergang aufzuschlagen, ist glücklicherweise kein Problem. Auch wenn die frische Bergluft müde macht, geht hier niemand früh zu Bett. Das unternehmungslustige Volk in dem 8000-Seelen-Ort ist jung, international und feierfreudig. Im Lokal Rose & Crown wird auch wochentags mit lokalem Craft-Beer zu Livemusik angestossen, das “Magpie & Stump” serviert gefährlich gute Margaritas. Beinahe könnte man sich in einem coolen Viertel irgendwo in Vancouver oder Calgary wähnen. Nur die Auslagen der Geschäfte erinnern daran, dass wir uns mitten in der Wildnis befinden: Neben hippen Markenkleidern wird ganz selbstverständlich auch Spray zum Schutz vor Bären verkauft. Und wie zum Beweis schaut beim Frühstück ein felltragendes Abschiedskomitee vorbei: In der Blumenrabatte des Hotels rast eine Gruppe Rehe. Ach, Rockies!

Text: Marlies Seifert