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In Kanadas Prärie-Metropole auf Cowboy-Jagd

Calgary ist so etwas wie das Dallas des Nordens: Nicht nur hat der Öl-Boom hier Hochhäuser aus dem Boden spriessen lassen. Die Millionencity ist auch umgeben von weitem Weideland. Ein Cowgirl-Tag in der Pilgerstätte der Wild-West-Kultur.

"Howdy, partner!" An zehn Tagen im Juli kommt diese Grussformel nicht nur knorrigen Rinderhirten und gestandenen Ranchbesitzern über die wettergegerbten Lippen. Während der Stampede ist ganz Calgary im Cowboy-Fieber – von der Studentin über den Rezeptionisten bis hin zur Geschäftsfrau. Das grösste Rodeo der Welt ist ein riesiges Westernspektakel inklusive Pfannkuchen-Frühstück, Festumzug, Countrymusik, Lassowerfen und natürlich Bullenreiten. Feiert die Präriemetropole im Westen Kanadas ihre fünfte Jahreszeit, wird nicht gekleckert, sondern geklotzt: 7500 Tiere und über 2000 freiwillige Helfer sind im Einsatz. Auf der mehr als 9000 Hektare grossen Stampede-Ranch werden eigens für die Wettkämpfe Hunderte von Pferden gezüchtet, schliesslich wird hier um insgesamt mehr als zwei Millionen Dollar Preisgeld gekämpft. 36 Planwagen liefern sich jeden Abend auf der Half Mile of Hell (halben Meile Hölle) ein erbittertes Rennen um den Sieg, 80'000 Kostüme stecken im Fundus der anschliessenden Revue. 1,5 Millionen Besucherinnen und Besucher zählt die "Greatest Outdoor Show on Earth" jedes Jahr.

Fotos: zvg

Aus rauem Leder und feiner Spitze

Doch nicht nur während der Stampede werden in Kanadas Öl-Hauptstadt Wild-West-Träume wahr. Calgary ist das Tor zu den Rocky Mountains und umgeben von einer schier unendlichen Prärielandschaft, die sich ideal für Getreideanbau und Rinderzucht eignet. Lagerfeuerromantik, Abenteuerlust und das Gefühl grosser Freiheit wehen bis in die verspiegelten Hochhausschluchten der Stadt. Einen Tag lang will ich in diesen Lifestyle eintauchen. Doch wo anfangen als kompletter Neuling, der zwar Countrymusik mag, ansonsten aber nicht viel Western-Kompetenz vorzuweisen hat? Vollblut-Cowgirl Kateri Cowley weiss Rat: Als erste Frau überhaupt gewann sie den Stampede-Reitwettbewerb "Cowboy up", bei dem eine Art Hindernisparcours in möglichst kurzer Zeit absolviert werden muss. Nebenbei wurde sie einst zur Stampede-Prinzessin gewählt. "Cowgirls sind eben aus rauem Leder und feinster Spitze gemacht", sagt die zierliche Pferdenärrin. Womit wir schon bei Lektion Nummer eins wären: "Zum richtigen Look braucht es nicht nur Hut und Stiefel, sondern auch ein gesundes Selbstvertrauen. Du läufst nicht, du stolzierst. Mit dir ist nicht zu spassen, aber du hast einen süssen Nachgeschmack." An meiner Attitüde muss ich noch feilen, deshalb fangen wir doch bei den Stiefeln an.

Stiefel für Brad Pitt und Kevin Costner

Echte Calgarians kaufen diese bei der Alberta Boot Company. Hier wird noch jedes Paar vor Ort in traditioneller Handarbeit hergestellt. "200 Arbeitsschritte sind nötig, bis aus 1,5 Quadratmetern Leder ein fertiger Stiefel wird", erklärt der gelernte Schuhmacher Ben Gerwin. Er führt das Familienunternehmen aus den Siebzigerjahren in dritter Generation. Bei etwa 300 Franken starten die Preise für ein alltagstaugliches Modell aus Rindsleder. "Wir verarbeiten aber auch exotischere Materialien", sagt Gerwin und öffnet die Türe zu seiner "Schatzkammer", wie er sie nennt: Straussen-, Krokodil- oder Stachelrochenhäute lagern hier. Besonders Prominente – unter ihnen Brad Pitt und Kevin Costner – gönnen sich gerne Spezialanfertigungen. "4000 Dollar kosteten unsere bislang teuersten Stiefel." Auch das Schuhwerk der weltberühmten kanadischen Mounties - den Mitgliedern der Royal Canadian Mounted Police - wird hier hergestellt. "Das macht uns sehr stolz, keine Frage. Für mich bleibt es aber die grösste Ehre, wenn ganz normale Kunden in den Laden kommen, um ihr hart verdientes Geld für eines unserer Qualitätsprodukte auszugeben", sagt Gerwin. Und man glaubt es ihm.

Während der Stampede gehen pro Tag unglaubliche 400 Paar Stiefel über den Ladentisch, macht also rund 4000 insgesamt – gut die Hälfte der gesamten Jahresproduktion. Türkise Ziernähte, silbrige Stiefelspitzen, feuerwehrrote Overknees oder Discoboots mit bunten Sternen: Um bei über 3000 verschiedenen Stiefelpaaren im Verkaufslokal der Alberta Boot Company das richtige zu finden, sind die geschulten Augen der Verkaufsberaterinnen unerlässlich. Seit 27 Jahren – länger als ihr Chef – arbeitet Irene in der Firma. "Mit der Zeit kennt man seine Pappenheimer", meint sie und wieselt ans andere Ende des Raums. Zack, zack, zack – nach wenigen Handgriffen stehen ihre Favoriten zur Anprobe bereit. Am Schluss entscheide ich mich für ein schlichtes Paar kniehohe Stiefel aus hellbraunem Wildleder. Sie passen wie angegossen.

Cowboy-Liebe geht über sein Pferd

Cowgirl sein von Kopf bis Fuss lautet das Ziel: Ein Hut muss her. Und was für den William und Kate gut genug ist, kann für Normalsterbliche nicht schlecht sein. Deshalb geht es zu Smithbilt Hats. Der Herzog und die Herzogin von Cambridge trugen bei ihrem Stampede-Besuch 2011 das Parade-Design des kanadischen Traditionshauses: den weissen Cowboyhut aus Filz. 1946 erstmals hergestellt, hat sich das Modell zum beliebten Willkommensgeschenk für VIP-Besucher gemausert.

Doch ein Smithbilt ist nicht nur etwas für besondere Anlässe: "Wann immer ich das Haus verlasse, trage ich meinen Hut. Er gehört einfach zu mir", sagt Unternehmenspräsident Bryce Nimmo. Eine Kopfbedeckung sei etwas ganz Persönliches. "Jeder hat seinen eigenen Stil. Manche möchten eine pinke Schleife, andere haben eine ganz genaue Vorstellung von der Form. Am Ende möchte ich, dass jeder den Hut bekommt, mit dem er glücklich ist", so Nimmo. Besonders Frauen fühlten sich oft unbehaglich, weil sie den Eindruck hätten, dass nicht sie den Hut tragen, sondern der Hut sie. Sein Trick: "Eine schmalere Krempe wählen."

Bei mir funktionierts. Ein paar weitere Essentials komplettieren den Cowgirl-Look: Jeans, ein langärmliges Hemd, Gürtel und – ganz wichtig – ein Seidenschal. "Den Wild Rag tragen hier auch die Männer", sagt Kateri, "denn er hält nicht nur warm, sondern kann auch als Verband oder Notfall-Pferdehalfter dienen." Im Ranchman’s Club soll ich mein Outfit zum ersten Mal ausführen, rät sie mir. "Dort kannst du einen Ritt auf dem mechanischen Bullen wagen und es vor allem beim Linedancing krachen lassen." Nach ein paar ersten holprigen Schritten sitzt die Choreografie. In den klobigen Cowboystiefeln tanzt es sich erstaunlich gut. Bleibt nur eine Frage: Wie erobere ich das Herz eines Cowboys? Kateri zieht eine Augenbraue hoch. "Ist doch logisch: Sprich mit ihm über sein Pferd!"

"Kateri Cowley, Sie wuchsen auf einer Ranch auf und sind Reit-Expertin. Kam für Sie je eine andere Karriere in Frage?"

"Nicht wirklich. Ich arbeite schon mein ganzes Leben mit Pferden. Abgesehen von ein paar Laufsteg-Jobs und meiner Arbeit als Stunt-Double in Film und Fernsehen, verbringe ich meinen Alltag am liebsten im Sattel. Es gibt für mich nichts Schöneres, als in den Rocky Mountains den Fluss entlangzureiten."

"Was fasziniert Sie an der Arbeit mit Pferden?"

"Wir können von ihnen so viel über uns selbst lernen! Sie zeigen uns Güte, Geduld, Respekt und Disziplin. Das Pferd ist mein wichtigster Begleiter und meine grosse Liebe."

"Was ist das Wichtigste, wenn man auf Ihrem Niveau reitet?"

"Einwandfreie Kommunikation zwischen Pferd und Reiter. Und vor allem ein tiefes gegenseitiges Vertrauen."

"Sie haben einige Zeit in Texas gelebt. Wie unterscheidet sich der Cowgirl-Alltag dort von jenem in Calgary?"

"Texaner haben keine Ahnung von Eishockey und Ahornsirup. Aber in einem Punkt sind wir uns einig: Es gibt nichts Besseres als die Stampede."

Kateris Survival-Tipps für die Stampede

Auf keinen Fall verpassen sollte man die grosse Eröffnungsparade. Frühaufsteher werden belohnt. Ab sechs Uhr geht der Run auf die besten Plätze los. Klappstuhl nicht vergessen!

Planung ist alles. Neben einer Infobroschüre, in der alle Aktivitäten und Veranstaltungen aufgelistet sind, gibt es auch eine Stampede-App. Die verschiedenen Rodeo-Wettkämpfe finden nachmittags statt. Highlight ist der Showdown-Sunday.

Frittierter Biber? Der Name der Beaver Balls mag im ersten Moment abschrecken, doch ein Stampede-Besuch wäre nicht komplett, ohne die Spezialität zu probieren. Tatsächlich handelt es sich um kleine Doughnuts, von denen jedes Jahr mehr als zwei Millionen Stück verkauft werden.

Text: Marlies Seifert