So lebt Bärenforscher Reno Sommerhalder | Edelweiss

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Der Herr der Bären

In den kanadischen Rocky Mountains lebt Reno Sommerhalder seit den Neunzigerjahren seinen Traum. Er erforscht das Verhalten der Grizzlys und propagiert ein friedliches Zusammenleben mit Meister Petz.

«Diese Landschaft könnte ich auffressen», sagt Reno Sommerhalder und nimmt einen tiefen Atemzug. Sein Blick folgt dem Bach, der sich sanft durch golden schimmernde Bergwiesen schlängelt. Vorbei an dichten Nadelwäldern, aus denen die herbstlichen Lärchen in satten Gelb- und Orangetönen hervorblitzen, plätschert das Wasser hinab ins Tal. Der majestätische Mount Assiniboine, der sich im Hintergrund auftürmt, trägt bereits eine schneeweisse Krone. «Es vergeht kein einziger Tag, an dem ich nicht um mich schaue und mir des wahnsinnigen Privilegs bewusst bin, hier leben und arbeiten zu dürfen. Es ist ein unbeschreibliches Glück.»

Fotos: Edelweiss/Adrian Bretscher

«Bärige» Begegnung beim Zelten

Kurz nach der absolvierten Kochlehre hatte der damals 19-Jährige eine schicksalshafte Begegnung, die sein Leben komplett auf den Kopf stellen würde. «Beim Zelten wurde ich mitten in der Nacht vom Klang meines Kuhglöckchens aus dem Schlaf gerissen. Schlaftrunken richtete ich mich im Halbdunkel auf - und blickte ins Gesicht eines Bärs. Er hatte mit seiner Pranke die Zeltwand aufgeschlitzt», erzählt Sommerhalder mit einer Blumigkeit, als wäre es gestern gewesen. Meister Petz zottelte unverrichteter Dinge ab, jedoch nicht ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen: «Bis zum nächsten Morgen lag ich wach. Verängstigt. Heulend. Von diesem Moment an habe ich mich den Bären verschrieben.» Warum er sein Leben trotz dieses furchterregenden ersten Erlebnisses den Bären widmet? «Mich hat das Tier fasziniert und nicht mehr losgelassen. Später interessierte mich vor allem seine Bedeutung für die Landschaft», erklärt Reno Sommerhalder.

Zu Tausenden von Begegnungen ist es seither gekommen. Sommerhalder studierte das Verhalten der Tiere an Lachsflüssen in Alaska, zog als Ersatzmutter von Bärenwaisen durch die sibirische Taiga. Nicht zuletzt knüpfte der Auswanderer aus Kloten enge Bande mit den grossen Pelztieren in seiner Wahlheimat Kanada. «Bären sind zu 90 Prozent Vegetarier. Kurz vor dem Winterschlaf erweitern die Tiere aber ihren Menüplan, um möglichst grosse Fettreserven anzulegen», erklärt Sommerhalder auf unserer Wanderung durch die Sunshine Meadows. «Hier hat ein Bär nach Erdhörnchen gegraben», sagt er und klaubt Zweige aus einem Erdloch. «Es ist noch frisch, er kann nicht weit sein». Seine dunkelbraunen Augen funkeln vor Aufregung.

«Ich bin besessen von der Harmonie, die möglich wäre»

«Reno träumt von Bären, liest über Bären, philosophiert über Bären, sorgt sich um die Bären, schreibt über Bären, fliegt zu den Bären, spricht über Bären, fotografiert Bären, isst wie ein Bär – und er sieht auch aus wie einer. Man könnte sagen, er sei ein Besessener», sagt seine langjährige Lebenspartnerin Andrea Pfeuti über ihn. «Es ist nicht der Bär selber, es ist das Ganzheitliche, von dem ich besessen bin», relativiert der Zürcher. Im Bären sehe er ein Symbol für eine gesunde, intakte Natur. «In über 30 Jahren kann ich die Anzahl brenzliger Situationen an einer Hand abzählen – und sie waren stets auf ein Fehlverhalten meinerseits zurückzuführen», erzählt Sommerhalder. «Ich bin besessen von der Harmonie, die möglich wäre. Es ist so einfach mit diesen Tieren zusammenzuleben. Allerdings haben unsere vierbeinigen Freunde immer weniger Platz», erzählt er. Gezielt engagiert sich der Aussteiger deshalb gegen eine Verkommerzialisierung des Nationalparks auf Kosten der Natur. «Einerseits ist der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig. Andererseits müssen wir besser darauf achten, dass wir das, wofür wir verreisen, nicht zu Tode lieben», gibt er zu bedenken. Besonders hier, wo die freie Natur vor der Haustüre liege.

Respekt fürs Leben

Hinter dem unscheinbaren Reihenhaus am Rand der 8000-Seelen-Gemeinde Banff, wo Sommerhalder mit seiner Lebensgefährtin und der 2011 geborenen Tochter Ara wohnt, verläuft ein Wildtierkorridor. «Letzten Winter ist ein Puma die Strasse hinuntergelaufen. Gleichzeitig ist man in zehn Minuten zu Fuss downtown und kann einen Cappuccino trinken – man hat das Beste aus beiden Welten.» Und welche ist ihm wichtiger? «Ich kann ohne den Kaffee leben, aber nicht ohne die Natur», antwortet der Bärenmann lachend.

Der Kühlschrank in der holzgetäfelten Küche ist zugepflastert mit Kinderzeichnungen: Mama und Papa feiern Hochzeit, Ara und Papa spazieren über eine bunte Blumenwiese und – natürlich – ein Bär. Ist als Kind eines Bärenmanns der Karriereweg bereits vorgezeichnet? Sommerhalders ältere Tochter Isha, die aus einer früheren Beziehung stammt, ist inzwischen ein Teenager und träumt von einer Karriere als Meeresbiologin. «Das freut mich natürlich sehr, aber die Erwartung ist mit Sicherheit nicht da. Mir ist einzig wichtig, dass die Kinder mit einem gesunden Respekt fürs Leben aufwachsen.» Damit meint der Auslandschweizer auch eine ökologische Lebensweise. Wann immer möglich nutzt er das Velo oder geht zu Fuss, Solarzellen auf dem Dach spenden saubere Energie, eingekauft wird saisonal und das Fleisch kommt quasi aus dem Hintergarten: Seit einigen Jahren schiesst Sommerhalder sein eigenes Wild. «Es gibt keinen Zwang. Wir sind flexibel und fahren auch mal mit dem Auto», räumt er ein. «Bei einem gesünderen und harmonischeren Lebensstil geht es nicht in erster Linie darum, immer Nein zu sagen, aber wir brauchen Grenzen.» Wo diese verlaufen, müsse jeder für sich selbst entscheiden. Nicht einmal im Hause Sommerhalder-Pfeuti besteht darüber Einigkeit: «Ab und zu haben wir schon Streit, weil Andrea einfach beim Abwaschen das Wasser laufen lässt», sagt der Herr des Hauses und kann sich dabei ein Grinsen nicht verkneifen.

«Wenn die Bären wach sind, bin ich es auch»

Direkt nach dem Sprung über den grossen Teich wäre das geborene Stadtkind am liebsten in eine Blockhütte abseits jeglicher Zivilisation gezogen. «Am Ende ist der Mensch ein Herdentier. Und wenn ich doch einmal mehr Wildnis brauche, dann nehme ich sie mir.» Mit Andrea, der Schwester von Mundartrocker Gölä, habe er «die ideale Paarung» gefunden. Aus einer Brieffreundschaft wurde Liebe. «Einerseits lässt mir Andrea sehr viel Freiraum, andererseits benötigt sie diesen auch selbst.» Besonders im Sommer muss die Arztgehilfin des Öfteren auf ihren Liebsten verzichten. «Ich stehe mit der Sonne auf und gehe mit der Sonne ins Bett. Wenn die Bären wach sind, bin ich es auch.»

Und er geht mit den Tieren auf Tuchfühlung. «Ein komplett wilder Bär kann innerhalb einer Stunde wenige Meter von mir friedlich grasen oder sein Junges säugen. Man kann zu ihm eine Verbindung aufbauen», sagt er. «Der Mensch ist viel unberechenbarer», ist er überzeugt. «Als ich sieben Monate in Russland unterwegs war, hat keiner der asiatischen Schwarzbären auch nur einen Schritt auf mich zu gemacht. Aber zurück in der Stadt brach mir ein Einheimischer die Nase.» Biologen warfen Sommerhalder vor, die nötige Distanz zu seinen Studienobjekten zu verlieren, die Raubtiere zu vermenschlichen. «Jahrzehntelange Feldforschung ist auch Wissenschaft», entgegnet er, gibt aber gleichzeitig zu: «Es frustriert mich schon, dass ich mir meine Anerkennung härter erarbeiten musste, weil ich kein Studium vorweisen kann.» Regelrecht «betupft» sei er manchmal. «Ach, wir können noch so viel lernen von den Bären. In ihrer Welt ist das alles Blödsinn: Tiere haben kein Ego.»

Text: Marlies Seifert